Worüber noch zu sprechen wäre

Medientagebuch Heinze und der NDR: Für die Kämpferin für leichte Unterhaltung gibt es nun 22 Monate Gefängnis auf Bewährung

Mit einer Strafe von 22 Monaten Gefängnis auf Bewährung endete am 8. Oktober in erster Instanz der Prozess gegen die frühere Fernsehspielchefin des NDR, Doris J. Heinze. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Heinze ihrem Sender Drehbücher als Werke von Fremdautoren untergeschoben hatte, die in Wirklichkeit sie selbst und ihr Mann, Claus Strobel, verfasst hatten. Sie hatten Pseudonyme wie Marie Funder oder Niklas Becker benutzt und sich komplizierte Begründungen ausgedacht, warum Mitarbeiter des Senders die fiktiven Drehbuchautoren nie zu Gesicht bekamen. Für dieses trickreiche Verfahren gibt es zwei Gründe: Dass die Fernsehspielchefin mindestens vier lukrative Aufträge an ihren nicht gerade als Drehbuchprofi bekannten Mann vergab, hätte für Proteste im Sender gesorgt. Bei Heinze selbst liegt der Fall anders. Sie begann während ihrer Zeit als Leiterin des Fernsehspiels Drehbücher zu schreiben. Das ist für den NDR nicht ungewöhnlich. Zwei Vorgänger in ihrem Amt, Egon Monk und Dieter Meichsner, schrieben Drehbücher oder inszenierten Fernsehfilme. Problematisch wurde es, als der NDR beschloss, festangestellten Redakteuren für ihre Drehbücher nicht den vollen Honorarsatz, sondern nur die Hälfte auszuzahlen. Das wollte Heinze wohl nicht einsehen und so umging sie die Kürzung durch die Erfindung eines Pseudonyms.

Einfach & klar

Der Fall wie der Prozess hat in den Medien für große Aufmerksamkeit gesorgt. Das ist auf den ersten Blick verblüffend. Solche Fälle von Betrug oder Vorteilsannahme sind in Großbetrieben wie dem NDR nicht selten. Auch ist der Profit, den Doris Heinze einstrich, verglichen mit ähnlichen Fällen im MDR und im Kinderkanal nicht allzu groß. Aufmerksamkeit erregte die Causa deshalb, weil Heinze, die durchaus Verdienste um den Tatort, bestimmte Schauspieler und jüngere Regisseure besitzt, in der ARD für populärere Stoffe auf dem Sendetermin Mittwochabend gekämpft hatte. Zusammen mit dem damaligen Fernsehdirektor ihres Senders, Jürgen Kellermeier, hatte sie sich gegen Themenfilme und Dramen – „Tiefsinn“, wie sie es nannten – ausgesprochen, und für leichte Unterhaltung, die „einfach“ und „klar“ ausfallen sollte. Diesen Plan hatte Herbert Riehl-Heyse 2000 in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift Die Süßstoff-Offensive publik gemacht. Bei genauerem Hinsehen erweisen sich Heinzes Drehbücher, ob unter eigenem oder fremdem Namen geschrieben, als Teil dieser „Süßstoff-Offensive“. Anders gesagt: Heinze konstruierte einen Zugangsschloss zu einigen wichtigen Fernsehspielterminen, zu dem sie und ihr Mann den perfekten Schlüssel besaßen.

Dieser Trick, der den eigenen Vorteil mit einem ästhetischen Konzept der Popularisierung und Verniedlichung verbindet, sorgte aber nicht allein für die Aufmerksamkeit der Branche. Die leitende Redakteurin Heinze zeichnete ein gewisses Machtbewusstsein aus. Sie saß in vielen Gremien und konnte so Karrieren beschleunigen und bremsen. Die, deren Projekte abgelehnt wurden, haben ihr das nicht verziehen. Und mancher, der noch vor einigen Jahren die Fernsehspiel-Chefin hofierte, aber enttäuscht wurde, kühlte nun an ihr sein Mütchen. Und noch etwas kommt hinzu: Das System, das sich Doris Heinze für sich und ihren Mann, der im Prozess zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, ausgedacht hat, konnte nur in einem Sender gedeihen, in dem die Vorgesetzten nicht die notwendige Kontrolle ausübten. Man ließ Doris Heinze gewähren; sei es, dass man bewusst wegschaute oder einfach ignorierte, was vor sich ging. Darüber wäre noch zu sprechen.

Dietrich Leder ist Professor für Fernsehkultur in Köln

16:53 09.10.2012
Geschrieben von

Dietrich Leder

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