Zinnober

LATE-SHOW Wie man einen Film durch Werbung kaputtmacht

Verschämt gestehe ich hiermit öffentlich ein: Helmut Dietls Late show werde ich mir im Kino nicht ansehen. Das würde ich, sollte ich eingeladen und sogar befragt werden und schließlich vielleicht auch zu Wort kommen, in jeder nur denkbaren Talk-Show bekunden und bekräftigen. Und ich bliebe bei meinem Entschluß, selbst wenn ich bei Wetten, daß....! neben dem Bundeskanzler sitzen dürfte.

Nein, ich mag den Film nicht sehen. Das hat nichts mit Helmut Dietl zu tun, der früher wirklich nette Fernsehserien gedreht hat. Monaco-Franze zum Beispiel. Seit einigen Jahren verspürt Dietl einen Zug zum Höheren in sich. Deshalb hat er sich dem ach so hehren Kino verschrieben. Filme wie Schtonk! oder Rossini wurden von der Kritik ob ihrer technischen Brillanz, ihrer porentiefen Ironie und ihren tollen Schauspielerinnen gerne gelobt. Und wir das Publikum zollten ihm - für deutsche Filme überraschend - zu mehreren Millionen unseren Eintrittskartentribut. In den Wochen, in denen seine Filme im Kino liefen, wurden wir alle zu Dietl-Fans. Wir bewunderten ihn ob seiner Marotte, Milch nur mit Tee zu trinken. Wir bestaunten seine weißen Anzüge und seinen grauweißen Bart, über den er sich so gerne lustvoll streicht. Ein Mann mit Geist und Witz und - wie wir den Illustriertenfotos entnehmen können - schönen Frauen, die zu ihm als Sitzriesen emporschauen.

Mein hier öffentlich ausgelobter Late Show-Verzicht hat auch nichts mit einem Schauspieler wie Thomas Gottschalk zu tun, der bei Dietl eine führende Rolle bekleidet. Gottschalk kann man zur Zeit fast an jedem Wochenende auf irgendeinem Kanal in Kinolustspielen der achtziger Jahren bewundern, in denen er neben anderen Fernsehnasen dergestalt unkomisch als Komiker agiert, daß der Begriff »Berufsverbot« fast seinen Schrecken verliert und wie ein vages Versprechen klingt. Im Fernsehen ist Gottschalk live nicht schlecht. Er hat Witz, kann schnell reagieren und ist deshalb spontan besser als in gründlich vorbereiteten Szenen. Aber auch Thomas Gottschalk spürt in seinem Inneren, daß er mit seinen netten Kasperrollen zwar reich geworden, aber nicht ins Buch der Kulturgeschichte eingegangen ist. Deshalb versucht er sich immer wieder an etwas Neuem. Beispielsweise an einer Imitation der Late Night Show für RTL. Doch dieser Versuch scheiterte.

Harald Schmitt, den ich gerne mal im Kino sehen würde, aber eben nicht in der Late Show, ist mit seiner Sendung bei SAT 1 nicht erfolgreicher. Im Gegenteil. Ihn sehen weniger Zuschauer als einst Gottschalk. Aber SAT 1 hat heute kaum einen anderen Markenartikel im Programm. Also gönnt sich der Sender den Schmitt so wie sich Dietl seinen Bart; auf irgendetwas muß man ja stolz sein. Aber auch Harald Schmitt ist mit diesem seinem Erfolg nicht ganz glücklich. Weshalb posaunt er sonst regelmäßig heraus, was er nicht alles seriös gelernt hat: das Orgeln, das Schauspielen, das Kabarett. Er sagt es natürlich auf eine Art, daß wir glauben sollen, er meinte das gar nicht so. Aber wir sind ja nicht ganz blöde. Wir wissen, daß ein Mensch, der dauernd sagt, er könne auch anders, wenn er nur wolle, von der Furcht durchherrscht ist, er könne nicht, wenn er dürfe oder gar solle.

Nein, ich will die Late Show nicht sehen, weil der ganze Zinnober drumherum mir den Film verleidet hat. Das fängt mit den wenigen kruden Auschnitten an, die in allen Sendungen wiederholt wurden. Das geht weiter mit den Talkrunden zur Frage, ist das Fernsehen so, wie es die Late Show zeigt, oder ist es gar schlimmer? Und das endet mit den Klatschgeschichten am Rande, in denen der Dietl der Ferres die Heirat anträgt oder vielleicht auch umgekehrt. Der Reklamerummel, den Dietl und Konsorten entfacht haben, vervielfacht das Interesse am Film nicht sondern erschöpft es. Denn er ist Teil der Szenerie, in der sein Film spielt. Warum soll ich mir einen Film im Kino anschauen, dessen Verlängerung ins Leben ich permanent live im Fernsehen bestaunen kann? Warum soll ich mich am Zynismus der Branche anhand einer fiktiven Talk-Show eines fiktiven Senders erwärmen, wenn ich diesen Zynismus tagtäglich live - mit Dietl oder ohne Dietl - ins Haus geliefert bekomme?

Dietl mag gut sein, leider ist diesmal die Realität besser. Ich warte, bis die Late Show im Fernsehen läuft.

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