In der polnischen Hauptstadt Warschau

Poetische Verdichtung Begleitet von Panikschreien im Wasser und Dieselgestank
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In der polnischen Hauptstadt Warschau

von Dietrich Wagner

Begleitet von Panikschreien im Wasser

Und Dieselgestank

Aus einem stinkenden Schlauchboot

Mit defektem Antrieb sorgt ein Motorgeräusch

In der Luft für Hoffnung, Glaube.

Dutzende Menschen, Individuen

Die im Mittelmeer gegen das Ertrinken kämpfen,

nutzen die Ihnen verbliebene Kraft,

noch vorhandene Angst

um zu schreien und um Hilfe zu winken.

Mehr als zweitausend Kilometer

Vom Schauplatz dieses Todeskampfes entfernt,

in der polnischen Hauptstadt Warschau,

beobachtet, mustert ein Drohnen- Pilot

die letzten Bewegungen der Ertrinkenden

via Live-Übertragung. Live. Es taucht

kein Schiff auf, welches die um ihr Leben

Kämpfenden aufnehmen könnte. Individuen.

Es gibt nur diesen unbekannten Flugkörper am Himmel,

der zur EU- Grenzschutzagentur Frontex gehört

und von einem ihrer Mitarbeiter ferngesteuert

über den Ertrinkenden kreist.

Individuen hier und Individuum dort.

Von der polnischen Hauptstadt aus

Registrieren und registrieren.

Und registrieren wir und erschrecken

Und erschrecken nicht.

Individuen hier und Individuum dort.

Danke dem Text von D Howden, A Fotiadis, A. Loewenstein / The Guardian und der Übersetzerin Carola Torti im Freitag

Ausgabe 34/2019

13:24 05.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dietrich Wagner

Schriftsteller und Psychotherapeut, in Eisenhüttenstadt geboren, Begründer des Lore Perls Haus in Pforzheim, psychologische Praxis in Neuenbürg
Dietrich Wagner

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