Die Psychologie des Kommunisten

Nachsicht Hallo Kommunist/in! Sie sind es wahrscheinlich, wissen es nur nicht. Denn: Möchten Sie, dass es Ihrem Nachbarn gut geht?
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Lassen Sie uns etwas feinfühlige Psychologie in die aggressive Politik bringen. Ich bin Mensch, nichts Menschliches sei mir fremd. – Mit diesem Aphorismus des Dichters Terenz drückt der römische Gelehrte Seneca den Kern der stoischen Idee zur Gelassenheit aus und gibt gleichzeitig ein Werkzeug humanen Umgangs unter den Menschen: Mit Nachsicht zum Konsens. Aus seinem Satz spricht nicht nur gutmütige Toleranz sich selbst und anderen Menschen gegenüber, sondern auch nüchternste Pragmatik. Wie ist es möglich, einen Konsens herbeizuführen? Nun, Konsens sollte nicht falsch verstanden werden als das politische Aushandeln von Interessen, nicht als Zugestehen unter der Bedingung, Zugeständnisse zu empfangen. Schade eigentlich, dass Politik, also das Gemein-wesen, unmittelbar mit dem Handel von egoistischen Interessen assoziiert wird. Es ist im psychologischen Sinne vielmehr ein Verstehen der Bedürfnisse des anderen, sodass diese in einem Prozess der Empathie in die eigenen Bedürfnisse mit eingeflochten werden. Mein Interesse ist dein Wohlergehen. Ein seit Kant eigentlich bekanntes Apodiktum, das anscheinend bekannt, jedoch nicht anerkannt ist, obwohl es durch seine logische Notwendigkeit nicht zur Diskussion steht. Ich handle so, dass jedweder andere Mensch genauso handeln könnte wie ich und zwar auch mir gegenüber. Ich möchte mich nicht töten, also töte ich niemand anderen. Wenn mein eigenes Interesse mein Wohlergehen ist, so zieht das notwendiger Weise nach sich, dass ich auch an dem Wohlergehen anderer interessiert bin. Konsens drückt also nichts Anderes aus als: Dein Wohlergehen ist mein Wohlergehen. Die stoische und auch die kantsche Maxime führen so weit, dass ich sogar dessen Wohlergehen wünsche, der mein Wohlergehen durch sein Handeln ablehnt. Und zwar aus reinem Pragmatismus, weil sonst keine Besserung der Konfliktsituation in Aussicht wäre. Was, wenn der Angriff des anderen aber feststeht? Und das tut er. Die wirtschaftliche Prozessstruktur zum Kapitalgewinn gleicht einem Boxring, in dem derjenige verliert, der das Wohlergehen des anderen bevorzugt und nicht zuschlägt. Aussteigen ist keine Option, sondern nur der Weg aus der Gesellschaft. So ist die Prosperität einer Volkswirtschaft ein positiv belegter Begriff, hinter dem jedoch das Wettrennen mit anderen Staaten oder Unternehmen um Möglichkeiten steht, billiger zu verkaufen, mehr Handelsgebiet zu erschließen und weitere Konjunktur zu erwirken. Fresse ich nicht, werde ich gefressen, deswegen fresse ich. Es ist die Entscheidung zwischen Krieg und Frieden. Denn der Frieden ist sehr wohl möglich. Damit ich nicht fresse, darf der andere auch nicht fressen. Das ist jedoch nicht möglich durch kurz wirkende, Symptom bekämpfende Maßnahmen wie Mietpreisbremsen, Unternehmenssteuern oder protektionistische Zölle, die wiederum nur ausdrücken, dass man dem Gegenüber oder einer breiten Masse immer noch unverständlich gegenübersteht. Die Boxer müssten sich verstehen und sich die Hand geben. Besser: Sie wollten sich sogar gegenseitig die Hand geben, aus Respekt, aus Vertrauen, aus Nachsicht der Interessen des anderen gegenüber. Es gäbe keinen Boxring mehr. Du bist Mensch, ich erlaube dir, dass nichts Menschliches dir fremd sei. Es ist nichts anderes als der Anfang einer wahrhaftigen Freiheit, eines echten Konsenses, der, sobald er praktiziert wird, notwendiger Weise ökonomische und politische Realitäten zur Konsequenz hat, denen der Name Kommunismus gegeben wurde. Vielleicht treffender: Humanismus. Denn wir reden nicht von Stalin, Lenin oder Honecker, sondern vom Humanisten Marx. So lassen Sie uns den Kapitalisten verstehen und gleichzeitig gemeinsam fordern: Man bringe dem gemeinsam lebenden Menschen bitte auch seine Politik, sein Gemeinwesen zurück!

00:11 04.08.2017
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Geschrieben von

David Immanuel

Kritischer Psychologe - Jeder nur ein Kreuz!
David Immanuel

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