dionysos

Schreiber 0 Leser 0
Avatar
RE: „Mein Katalonien“ | 10.10.2017 | 10:46

In Barcelona lebend, kann ich nur sagen, daß die hier dargestellte Sicht nicht das ganze Bild zeigt. Hier wird einer von drei Hauptgründen für die sehr heterogene Unabhängigkeitsbewegung zum de facto einzigen Grund erklärt, vermutlich aufgrund der Filterblase, in der sich die dem Autor bekannten Menschen bewegen. Wenn man mit den Katalanen redet, merkt man sehr schnell, daß die progressive Komponente und das antifranquistische Element eben nicht alles ist, aber für gewisse Kreise, und insbesondere gegenüber linksliberalen Ausländern, hervorgehoben wird. Es ist nicht einmal Propaganda, denn ein Teil der Leute glaubt das ja auch, und kann es glaubhaft anderen vermitteln, so daß solche Beiträge entstehen.
Der spanische Staat ist aber nicht die Franco-Diktatur, die Kritik ist in der Tat überzogen, und es wäre wünschenswert, wenn progressive Bewegungen in Katalonien mit den Progressiven im Rest Spaniens zusammenarbeiteten, denn dann könnte die dumpfbackige PP keine Regierung mehr stellen. Und diejenigen, die nicht ethnisch katalonisch sind und hier leben, sind meist auch keine Anhänger jener PP, und ebenso keine Fans von Polizeigewalt.
Und trotz der Behauptungen im Artikel gibt es in der Tat zwei sehr weit verbreitete Gründe für die Bewegung. Erstens: "Wir wollen nicht mit den faulen Südländern teilen, denn wir sind so viel reicher, weil wir so fleißig sind." (z.B. Andalusien) Kommt bekannt vor, Rechte in Deutschland sagen das über Spanien inklusive Katalonien. Das ist auch nicht besonders solidarisch oder progressiv. Zweitens: "Wir sind die beste Kultur, wir können alles so viel besser als die primitiven Südländer, und unsere nationale Überlegenheit verdient einen eigenen Staat." Eben der gröbste Nationalismus, das hört man auch, meistens verblümt und indirekt (je nac h Bildungsgrad). Aber es ist Teil der Bewegung, mit denen die progressiven Kräfte ein gefährliches Bündnis eingehen, aus dem sie m.E. nicht als Sieger hervorgehen können. Die Falschmeldungen und nationale Demagogie sind nicht geringer auf der katalanischen Seite, vielleicht sogar stärker. Puigdemont selbst und seine Partei sind im Übrigen auch eher diesen beiden Gründen zuzurechnen als den Progressiven.
Es ist also komplizierter, und die ganze Independencia-Bewegung als progressiv zu interpretieren ist nicht korrekt.

RE: Der Pfahl wird sicher fallen | 03.10.2017 | 00:23

96% der Wahllokale waren geöffnet, an den meisten gab es keine Probleme. Dafür hätten die 5000 Polizisten über die ganze Provinz nicht ausgereicht. Die Verletzten wurden an wenigen Punkten verletzt, an denen die Polizei zugeschlagen hat. Wörtlich zugeschlagen, versteht sich. Hysterische Berichte über ein repressives Regime, das überall Horrorszenen veranstaltet, sind übertrieben, verkaufen sich aber sicher gut. Damit möchte ich nicht behaupten, daß die Gewalt in irgendeiner Weise gerechtfertigt gewesen wäre, oder daß Rajoy kein großer Dummkopf sei. Leider ist die Regionalregierung nicht besser, und der Nationalismus unangenehm.
Als ich jedenfalls nachmittags spazieren ging, war ziemlich wenig auf den Straßen los, weniger als an einem normalen Sonntagnachmittag in meiner Gegend (aber es hat auch geregnet). Ich wohne seit zwei Jahren in Barcelona. Heute war alles relativ normal, aber die Hauptphase kommt ja erst noch.

RE: Das wahre Ich | 28.06.2012 | 14:21

Ein netter Artikel, wenn auch nicht unbedingt mit Neuheiten überraschend. Und eigentlich auch ein Definitionsproblem: Freier Wille als von der Physiologie unabhängige Instanz klingt etwas unsinnig, war aber für die längste Zeit die Definition - und ist es noch heute bei den metaphysischen Verfechtern. Freier Wille als Möglichkeit, mit ein bißchen Bewußtsein Entscheidungen noch einmal zu revidieren (was abhängig ist von Erfahrungen und allen Arten äußerer Einflüsse), ist vereinbar mit einem wissenschaftlichen Weltbild. Das Problem ist, daß beide Defintionen unvereinbar sind, denn die letztere bedeutet, daß der Wille nur "frei" ist im engen Rahmen der Handlungsoptionen, und die Wahrscheinlichkeiten für diese durch äußere Faktoren (zu denen auch die individuelle Geschichte gehört) vorgegeben sind.

Pragmatisch würde ich sagen: Es spielt für die Existenz eines Rechtssystems keine Rolle, ob die Individuen "frei" handeln, denn das Rechtssystem ist notwendig, um eine Gesellschaft aufrechterhalten zu können. Darum müssen Verstöße gegen die Freiheiten der anderen geahndet werden, die Motivation für die Ahndung ist für die Gesellschaft gleichgültig. Und die Existenz des Rechtssystems selbst ist ein Faktor, der die individuellen Entscheidungen beeinflußt. Das einzige Dilemma ist, wie man die Täter bestraft, also mit welcher Intention: Genugtuung/Rache für die Opfer oder Beeinflussung der Täter, damit sie lernen und in Zukunft nicht mehr so handeln oder Schutz der Gesellschaft vor den Tätern.

D.h. die Problemstellung liegt eigentlich anders, als im Artikel beschrieben.

Und es gibt mal wieder Probleme bei den Kleinigkeiten der Recherche: Das MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften, an welchem Herr Prinz Direktor ist, befindet sich in Leipzig...