"Drogen kriechen in Instrumente"

" Drogen kriechen in Instrumente, es gibt neue Wahrnehmungen, neue Sounds, der Psychedelic Rock ist geboren". Oder - Psychedelic Rock - nur ein Phänomen der 60iger?
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Die wilden 60iger, Revolution der Jugend, sich Ausleben, frei sein. Ein vollkommen neuer Lebensstil schockte die Welt. Ein Zitat aus der Zeit lautet: "Drogen kriechen in Instrumente, es gibt neue Wahrnehmungen, neue Sounds, der Psychedelic Rock ist geboren". Die Jugend erweiterte ihr Bewusstsein. Sich selbst erkennen und erforschen. Dieser Vorgang des Erkennens wird von einem einflussreichen Psychiater mit dem Namen Humphrey Osmond "psychedelisch" genannt.

Humphrey Osmond, 1917 in Großbritannien geboren, war britischer Psychiater, der die Wirkung halluziner Drogen auf die menschliche Psyche erforschte. Timothy Leary, renommierter Harvard Professor, experimentierte seit Anfang der sechziger Jahre mit halluzinogenen Drogen, insbesondere mit LSD. Er war bekannt für seine Auswüchse, Drogen zu legalisieren. Das Buch "Die Pforten der Wahrnehmung" von Aldous Huxley befürwortet den Einsatz von bewusst seinerweiternden Drogen schon 1953. Auch der deutsche Psychiater Paul Hoch entdeckte seinerzeit bei seinen Forschungen, dass LSD in seiner Wirkung psychotischen Reaktionen ähnelte.

Auch viele Bands erkannten, dass Musik das Bewusstsein erweitern kann und auch das Bewusstsein von Musik erweitert werden kann. Generell galten die sechziger Jahre als das Jahrzehnt der Aufbrüche.

Die Aufbrüche der Einzelnen gehen dabei gleichzeitig auch ins Innere: Das Unbewusste wird verstärkt thematisiert, der Begriff des "Sichauslebens" etabliert sich. Nicht selten wurde das auch mit halluzinogenen Drogen wie LSD oder anderen Drogen bewerkstelligt.

Psychedelic Rock ist eine Variante der Rockmusik. Sie wurde 1965 in den USA geprägt und setzte sich als bedeutender Bestandteil westlicher Popkultur durch. Der Ursprung des Psychedelic Rock liegt in der Bay Area bei San Franzisko und geht einher mit der Entwicklung der Hippie Kultur. Fälschlicherweise wird manchmal auch Großbritannien als Ursprungsland des Psychedelic Rock vermutet.

Die Blütezeit dauerte bis 1969 an, aber auch in den 70iger Jahren griffen viele Bands und Künstler diese Art der Experimentalmusik auf und entwickelten sie weiter. Begriffe wie Acid Rock, Psych Rock oder Space Rock wurden häufig verwendet. Später kam dann noch der Acid Punk dazu. Auch heute gibt es psychedelic geprägte Bands wie "The Black Angels" und die „Soft Hills“ aus den USA oder die Temples aus Großbritannien.

Zu den Pionieren dieser Rockmusik zählen mit Sicherheit die Beatles und ihr Album "Magical Mystery Tour", das 1967 bei Capitol erschien. Weitere Bands wie The Byrds, The Doors, Grateful Dead, Jefferson Airplane speziell mit ihrem Song "White Rabbit", bei dem es um LSD und psilocybinhaltige Pilze ging, sowie The Jimi Hendrix Experience, Pink Floyd mit dem Album "Piper At The Gates Of Dawn", das 1967 erschien, und natürlich The 13th Door Elevators.

Auch in der Kunst wird Psychedelic verwendet. Man spricht hier von Psychedelic Art, einer nicht eindeutig definierten Stilrichtung der Kunst in der Gegenwart. Zu den bekanntesten Stilmitteln gehört das Paisleymuster. Bekannte Künstler sind Andy Warhol, die Amerikaner Rick Griffin, Victor Moscoso, Stanley Mouse, Wes Wilson, der Österreicher Arnulf Reiner und der deutsche Maler Mati Klarwein. Auch in der Kunst spielten Drogen eine große Rolle und es wurden Versuche unternommen, wie sich halluzinogene Drogen auf das Bewusstsein beim Ausüben von Kunst auswirken.

Viele Plattencover der Psychedelic Rock Ära wurden in Auftrag gegeben und von bekannten Künstlern gestaltet. Viele Cover zeigen fremde Religionen, Fantasiewelten, Comicszenen und bunte Illustrationen. Grell und bunt deuten sie den Inhalt an.

>> Buchtipp: Classic Album Covers Of The 60s von Storm Thorgerson, erschienen 1990 im Verlag Edition Olms Zürich, ISBN 3-283-00236-3. Ein geradezu geniales Buch, das alle bedeutenden Plattencovers dieser Zeit zeigt. <<

Das Paisleymuster findet aber auch Verwendung auf Musikinstrumente wie auf einer Fender Stratocaster in der Farbe Paisley Red.

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Bei der hier gezeigten Gitarre handelt es sich um eine frühe Neuauflage mit der sogenannten großen Kopfplatte. Bauartbedingt ist diese Fender identisch mit den 70iger Jahre Strats (3 Punkt Halsbefestigung). Spätere Neuauflagen der Pink Paisley Strat haben die kleinere Pre - CBS Kopfplatte mit dem sogenannten "Spaghetti" Logo.

Großen Einfluss auf die Texte des Psychedelic Rock hatten auch fernöstliche Religionen. Mit ihren Botschaften und Themen der Bewusstseinserweiterung fanden sie den idealen Nährboden bei der Umsetzung in Musiktexte. So fanden auch Instrumente aus Indien den Weg in die Plattenstudios wie bei George Harrison, der eine originale Sitar auf dem Beatles Album "Rubber Soul" spielt.

Auch die Klangcharakteristik des Psychedelic Rocks hatte einen eigenen Stil. Möglich machte das die Arbeit von Joe Meek, einem britischen Produzenten und Inhaber einer Plattenfirma, der die Aufnahmetechnik im Tonstudio revolutionierte. Doch auch technisches Zubehör wie das Wah - Wah Pedal, die Fuzzbox und andere Effektgeräte spielten eine große Rolle.

Charakteristisch sind auch Effekte wie Rückkopplungen, Phasing - und Echoeffekte und Tricks mit Aufnahmebändern, wie das Anlegen von Schleifen, sogenannten Loops, oder die Manipulation der Aufnahmegeschwindigkeit.

Zu den beliebten Instrumenten dieser Zeit gehören elektronische Orgeln wie die berühmte VOX Jaguar oder die Rheem Mark II, die legendäre Hammond B3 oder das Fender Rhodes Piano, Fender und Rickenbacker Gitarren.

Wurzeln hat der Psychedelic Rock mit Sicherheit beim Rhythm and Blues und der Amerikanischen Folk - Musik. Doch auch der Einfluss der Englischen Beat - Musik macht den Sound des Psychedelic Rocks aus. Doch man kann behaupten, dass der britische Einfluss poppiger klingt.

Eine der bekanntesten Psychedelic Bands der Jetztzeit sind "The Black Angels" aus Texas / USA. Gegründet im Mai 2004 leitet sich der Bandname aus dem Velvet Underground Song "The Black Angels Death Song" ab.

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Im Jahr 2005 wurden die Black Angels auf einem Dual-Disc Compilation der psychedelischen Musik, genannt Psychedelica Vol.1, von Northern Star Records vorgestellt. Dies, zusammen mit der wachsenden Popularität gab der Band einen großen Sprung in die der Underground-Szene. Ein weiterer Geheimtipp ist die Band The Soft Hills aus Seattle.

Wandern durch magische Landschaften

Bunte Vogelmenschen reisen durch die Zeit und pferdähnliche Kreaturen laufen über samtene Felder. Das Mädchen Louise ist unglücklich und ein schizophrener Zeitgenosse wird aus dem Paradies vertrieben. Zu all dem gesellen sich noch ein Himmels-Radio und eine ozeanische Traumtherapie. Das sind die Geschichten, die auf dem neuen Album „Chromatisms“ von The Soft Hills zu finden sind. Reflexionen über den Tod, gemischt mit Wahnsinn und Euphorie.

Es ist die halluzinatorische Wahrnehmung farbiger Lichter

Das Album „Chromatisms“ der Jungs aus Seattle ist mehr als kontrastreich. Themen wie Licht und Schatten, Yin und Yang, Geburt und Tod finden darauf ihren Platz. Kein leichter Stoff. „Die Texte greifen tief ins Unbewusste“, wie Garret Hobba erklärt und weiter: „Wir hatten total viele Ideen für den Albumtitel. Es ist in der Tat kein sehr häufiges Wort. Es bedeutet Sinnestäuschung oder Vision und wir haben die Idee aus einem Gedicht. Es gefiel uns und wir waren uns sofort einig. Die Musik der Band hat eindeutige Impulse und Einflüsse aus der Psychedelic-Rock Musik der 60-er Jahre, vereint aber auch die zarte Unmittelbarkeit des Folk mit der Kraft und Größe des Post-Rock und Einflüssen des Ambient. Doch die Psychedelic-Elemente überwiegen. Der Song „Louise“ zum Beispiel macht das mehr als deutlich. „Zudem hatten wir eine Liste mit hundert Bandnamen, zum Teil mit sehr wilden Namen“, erzählt Garret Hobba, „wir entschieden uns dann für The Soft Hills. Das Wort ‚soft’ ist ein sehr schönes Adjektiv. Es ist sehr anschaulich und hat diese surreale Qualität. Es vermittelt ein bestimmtes Gefühl, wie eine sanfte Bekanntmachung.“

Extrem harmoniesüchtige Arrangements

Die Arrangements auf dem Album sind wie beim Debüt extrem harmoniesüchtig, aber dennoch experimentierfreudig und die Band nutzt eine extrem breite Palette an musikalischen Farben. Hier treffen tief in sich verschlungene Synthesizer-Linien und Moog-Klänge auf verhallte Gitarren und verzerrte Riffs. Lyrische Basslinien treffen auf ein Trommelgewitter. Klänge der Lapsteel Gitarre legen ein filigranes Gewebe um den Gesang – nur mit dem einen Ziel, üppige Klangcollagen und wunderschöne Harmonien zu schaffen. Hier offenbart sich die Verwandlungskunst einer Band, die auf dem Weg ist, die dunkleren Bereiche des Sonischen und Lyrischen zu erforschen.
Die Texte versuchen dem Magischen und dem Realen einen Sinn zu geben, an einem geheimen Ort zwischen Wahnsinn und Euphorie. „Jeder Song auf dem Album ist quasi eine Annäherung an sich selbst und erzeugt eine gewisse Dunkelheit auf dem Album“, so Garret Hobba weiter im Interview. „Mein bester Freund ist verstorben. Das versuche ich in den Songs zu verarbeiten. Er stand mir sehr nah. So entsprechen viele Songs der Realität. Und ich denke, wir alle fühlen eine gewisse Verbindung zu dem großen Geheimnis im Universum. Wir graben sehr tief, um all die kleinen Elemente dieses Geheimnisses zu lüften. Darüber schreibe ich. Außerdem träume ich sehr viel und oft, so entstehen diese seltsamen Kreaturen in den Songs. Das alles ist eine wilde Mixtur aus surrealen Visionen und psychedelischen Erfahrungen.“

Über allem schwebt das Präfix Soft

Auch live ist die Band aus Seattle, die 2007 von Singer-Songwriter Garrett Hobba gegründet wurde, ein absoluter Ohrenschmaus. Bei kleinen und mehr als intimen Klubkonzerten überzeugen die Jungs das Publikum vollends. Man kann die Band, ohne übertrieben zu klingen, als eine der talentiertesten Bands der Jetztzeit bezeichnen. Das aktuelle Line-Up besteht aus Garret Hobba an Gitarre und Gesang, Randall Skrasek hämmert am Schlagzeug, was das Zeug hält und bedient gleichzeitig den Moog, Matthew Brown bedient Lapsteel und Gitarre, Brett Massa an Bass und Gesang. Inspiriert und beeinflusst sind die Herren aus Seattle von Psychedelic Bands wie „Kaleidoscope“ aus England und natürlich „Pink Floyd“ oder den „Beatles“ in ihrer psychedelischen Phase. Dabei kopieren sie aber nicht diese Art von Psychedelic Rock der späten 60-er Jahre, sondern haben ihren ganz eigenen Stil entwickelt. Beeindruckend sind die gezielt eingesetzten Rückkopplungen – optisch wird dies noch unterstützt, wenn die Herren an den Gitarren sich beim Spielen bücken oder in die Knie gehen und an den Reglern der Effektgeräte auf dem Boden drehen.
The Soft Hills sind eine Band, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

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Tame Impala treffen die Beatles

Ebenfalls am Genre Psychedelic Rock orientiert sich die britische Band Temples. Die Band wurde 2012 von Sänger und Rhythmusgitarrist James Bagshaw sowie vom Bassisten Thomas Walmsley gegründet.
Was zunächst als Heimstudioprojekt begann, entwickelte sich schnell zu einer großen Sache. Es stießen Keyboarder und Gitarrist Adam Smith und der Drummer Samuel Toms hinzu. Bis jetzt veröffentlichte die Band zwei Studioalben. Die Debüt-Single „Shelter Song“ wurde im November 2012 veröffentlicht. Die Temples spielten anfangs auf großen Musikfestivals. 2014 folgte dann die Tour durch Europa, Nordamerika und Australien.

Beeindruckend an den Temples ist, dass sie durchaus in der Zeit der Sechziger und Anfang der Siebziger aufgewachsen sein könnten. Sie klingen, als träfen Tame Impala auf die Beatles, oder beide zusammen auf Pink Floyd. Johnny Marr von The Smiths und Noel Gallagher bezeichneten die Band als die beste neue Band in Großbritannien und Gallagher kritisierte einst, die Band sei bei BBC Radio1 unterpräsentiert.

Live klingen die Jungs ebenfalls identisch. Geloopte Sounds, surreale Klangwelten, aber auch straighte Riffs, wummernde Bassläufe und cleane Beats machen den Gesamtsound der Band aus.

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Fotos: © Dirk Conrads
Text: Dirk Conrads

16:25 19.11.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dirk Conrads

Konzertbesuche, gute Küche, Musik die mich anmacht, interessante Menschen, Hintergründe, das Leben.
Dirk Conrads

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