DER „GEFÜHLTE" BLÖDSINN

Mein Wetter? Oder - warum der Wetterdienst uns diesen „gefühlten“ Unsinn einredet.
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Ich war ein Jahr lang am Amazonas. U.a. auch, weil es selbst mitten in der Wildnis ein besseres, stärkeres Internet gibt, als irgendwo in Deutschland. Natürlich gibt es Funklöcher, aber die meisten davon haben einen Durchmesser von 35 cm und nennen sich Anaconda. Also… sitzt man erst einmal in der Schlange, ist die Verbindung nicht mehr die beste. Vielleicht reicht es gerade noch für eine kurze e-mail „Du glaubst ja nicht, wo ich gerade bin“ – oder „wish you were here“. Letzteres gilt dann wohl eher für Nicht-Freunde, Geschäftspartner und Kollegen.

Aber nun zum Thema. Da sitzt man am Dreiländereck von Brasilien, Kolumbien und Peru und schaut mal nach, was www.wetter.de denn so voraussagt. Und schon kommt das Resultat: Jawohl, Tabatinga 40 C. Aber dann lese ich in Klammern: gefühlte 38 C. Nun bin ich ja schon seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr in Deutschland und obwohl ich immer wieder Freitag, SPON und ZON konsultiere, war mir dieses „gefühlte“ noch nicht aufgefallen. Schnell habe ich mir andere Städte auf der Welt angeschaut. Und tatsächlich. Hamburg 7 C (gefühlte 9 C). Zum Donnerwetter, denke ich. Was haben die denn da erfunden? Jetzt wollen die schon wissen wie ich fühle, oder noch besser: wie ich zu fühlen habe?

Das war so ein Tag an dem ich dachte: ganz schön warm, aber irgendwie erträglich. Fühlt sich an wie 25 C. Und schon kommt Harry zu Besuch, ein Holzfäller aus Kanada, der jetzt sein Brot am Amazonas verdient. „Morgens ein Baum und der Tag wird ein Traum“, lautete seine Devise. Doch an dem Tag hatte er andere Probleme. „Was für eine schwüle Hitze heute! Fühlt sich an wie 50 C!“

„Nee, Harry“, lachte ich und zeigte ihm die deutsche Webseite. Es sind 40 C, aber die da sagen, dass wir nur 38 C fühlen."

„Ja woher wollen denn diese Dummbatze wissen, wie ich fühle?“

Ich versuchte es mit einigen Erklärungen. Irgendwie muss man sein Heimatland doch verteidigen, selbst wenn es keinen Sinn mehr macht. Also erzählte ich ihm was von neumodischen Satelliten-Scannern, die auch vom Wetterdienst eingesetzt werden. Die scannen uns also und wissen dann, was man fühlt.

„Ha! Was MAN fühlt? Wie soll das denn gehen? Klar, es würde Sinn machen, wenn jeder einzelne Bundesbürger gescannt wird. Aber dann muss man auch namentlich auf der Webseite erscheinen… die wird ja schön lang werden. Aber kann man ja alphabetisch ordnen. Für mich ist ok wenn da steht: Tabatinga 40 C (Dirk gefühlte 25 C und Harry gefühlte 50 C). Aber uns vorzuschreiben, wie wir zu fühlen haben… das geht ja wohl gar nicht.“

Ich antwortete ihm, dass ich zwar nicht weiß, wie das in Kanada läuft, aber wenn ich mich in Deutschland beschwere, dann kommt wahrscheinlich ein anderer Scanner vom Auswärtigen Amt oder TTIP und dann kommt raus: Ja klar, Troublemaker, Linkshänder, viele Auslandsaufenthalte… und dann? Schwupps ist mein Rentenanspruch weg, weil ich nicht so fühle, wie ich zu fühlen habe. Und irgendwann lässt man dann die tatsächlichen Temperaturen weg und schreibt nur das hin, was man gefälligst zu fühlen hat.

„Ihr Deutschen seid schon sehr, sehr merkwürdig“, meinte Harry und ich war froh, dass er das so diplomatisch wie nur möglich formuliert hatte. Ich erzählte meinem Holzfällerfreund, dass mich ein Bekannter angerufen und mir erzählt hatte, dass er seit drei Wochen aus dem Urlaub zurück ist und ergänzte „gefühlte 5 Wochen“!

OMG, die sind alle schon erfasst, dachte ich nervös. Und dann kam raus, dass seine Freundin nur „gefühlte 2 Wochen“ hatte. Die Tatsache, dass es exakt drei Wochen waren, spielte für beide überhaupt keine Rolle mehr.

Nun kennt man diese Sachen ja eigentlich nur vom Alter her. Man fühlt sich ja immer jünger als man ist und wenn man das den Damen nicht bestätigt, ist man oben-, mitten- und unten durch. Da lobe ich mir doch meine Schwägerin (die mit der „Gott, bin ich noch jung“-Manie), welche mir mal klipp und klar verdeutlichte, was jung-sein eigentlich bedeutet: „Jung sein heißt, beim Bruce Springsteen Konzert auf den Stuhl zu klettern und laut Bruuuuß zu rufen!“ Das ist eben das „gefühlte“ Alter. Andere würden diese Aussage eher als Zeichen von alt-sein einstufen. Ich habe mir verkniffen anzumerken, dass sich nun wirklich niemand mehr wundern sollte, wenn Bruce Springsteen unter schweren Depressionen leidet. Aber was sage ich da? Beim Springsteen Konzert waren sage und schreibe 25 C (Schwägerin: gefühlte 52 C). Mal sehen, ob www.wetter.de seine Scanner neu programmiert.

Und wie ich das mit dem Rentenanspruch gemeint habe? Ganz einfach. Wenn ich 67 bin wird mir der Scanner sagen: Du fühlst nur 60… kannst also noch sieben Jahre weiterarbeiten. Mit mir nicht, meine Herren/Innen!

(PS: Ich bitte alle Herrinnen um Entschuldigung. An diese Gender-Sache habe ich mich noch nicht gewöhnen können.)

17:56 05.02.2015
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Geschrieben von

dirk van appeldorn

travel writer, photographer (mainly South and North America)
dirk van appeldorn

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