Bericht zur Berliner COVID-19 Demonstration

COVID-19-Demo in Berlin Beim Umgang von Politik und Medien mit den Demonstranten und ihren Anliegen geht es um Ausgrenzung und das Abwürgen einer sachlichen Debatte
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Man muss keineswegs die oder alle Anliegen der Berliner Demonstration vom 1. August teilen, um zu erkennen, dass mit der Art und Weise, wie Politik und die Berichterstattung der Mainstreammedien damit umgehen, ein neuer Tiefpunkt der neudeutschen Debattenunkultur erreicht ist.

Es geht nicht um sachliche Auseinandersetzung, sondern ganz im Gegenteil darum, diese gezielt zu verhindern. Man geht also eben bewusst nicht auf die Kritikpunkte der Demonstranten ein, sondern wertet diese als Personen pauschal ab und stellt sie in eine negativ konnotierte Ecke. Und man redet ihre Zahl möglichst klein. So sollen möglichst viele Normalbürger schon von vorneherein abgeschreckt werden.

Rainer Mausfeld hat dieses Phänomen als „Verengung des Debattenraums“ beschrieben: Der „Mainstream“ gibt vor, in welchem Rahmen debattiert werden darf. Wer argumentativ darüber hinausgeht, stellt sich außerhalb dessen, was man in etwa die (vom Mainstream selbst definierte) Gemeinschaft der guten Demokraten benennen könnte. Und gegen diejenigen, die sich nicht an diese Grenzen halten, wird nicht mehr auf der sachlichen Ebene argumentiert, eine inhaltliche Auseinandersetzung wird verweigert. Das Mittel der Wahl ist in diesem Fall Ausgrenzung, Verleumdung, persönliche Abwertung. Zur Abschreckung für alle: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ ist die entscheidende Botschaft an alle. Mit der immanenten Drohung: Sonst bist du selber eines.

Der mediale Umgang mit COVID-19 hat weiter zur allgemeinen Verengung des öffentlichen Debattenraums beigetragen.

Das ist das Ziel, und die entsprechenden Medienberichte sind eben nicht das, was man unter objektiver Berichterstattung und Journalismus versteht, sondern Propaganda – oder, wie man das heute auch gerne nennt, „Haltungsjournalismus“.

Und hier der Bericht eines Berliner Bekannten von der Demonstration:

Ich stand am Samstag auf der Straße. Die Demonstranten waren die Mitte der Gesellschaft, ganz normale Bürger. Wie die Kollegen im Büro, die Kolleginnen in der Schule, die Studenten an der Uni. Ich habe nicht einen Chaoten oder Randalierer gesehen. Und keinen Alkohol: nur Mineralwasser.

Und wieviele waren es?

Ich stand dort etwa 3 Stunden. Danach habe ich noch ein paarmal vom Balkon runtergeschaut. Der Zug dauerte etwa 5 Stunden.

Auf 20 Meter waren es stets zwischen 70 und 80 Leuten. Schrittgeschwindigkeit.

Macht: rund 100.000 Teilnehmer. Bin ich blind, dumm, Linksextremist, Rechtsextremist, Chaote, Verschwörungstheoretiker? Frau Saskia E. (eigentlich habe ich viel Sympathie für sie, denn sie heißt ja nach dem guten Lidl Mineralwasser, das mir so schmeckt) bezeichnet mich als Covidioten. Natürlich komme ich intellektuell nicht an Frau Saskia E. heran, denn sie hat ja die Erfahrung aus vielen Jahren als Elternbeirat. Da weiß man schon, wann man es mit bösen, und wann mit guten Kindern zu tun hat.

Der hier zitierte Augenzeuge schrieb mir auf diesen Artikel in der Freitag-Community noch Folgendes:

Ja, Ihr Kommentar trifft präzise den Kern der Sache: eine vom Mainstream abweichende Meinung darf man vielleicht noch heimlich haben (im Bücherregal versteckt hinter Mein Kampf, wo meine Eltern ein Ex. von "Mit brennender Sorge" aufhoben: das habe ich immer noch. Das Schutzobjekt, das davor stand, hat gottseidank den Krieg nicht überlebt), aber nicht mehr äußern. Wenn doch, wird man als Person zum Nicht-Menschen (vulgo: zum Untermenschen) erklärt, mit dem man nicht diskutieren muß, der kein Recht mehr hat, angehört zu werden, oder auch nur seine Auffassungen laut auszusprechen (und wenn er Beamter oder Sportler ist, seine Existenz verliert). Nur wer die rechte Gesinnung hat, darf sich als zur Volksgemeinschaft zugehörig ansehen.
Ein Freund von mir, bekannter Journalist, leider verstorben, hat dies schon vor etwa 10 Jahren erkannt und beim Namen genannt: "Ich habe mich selber aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen".
Es ist unerträglich, was die Regierung (die aber ja nur die Stimme des gesellschaftlichen Diskurses ist, den andere machen) derzeit mit uns anstellt - und noch bedrückender: wie die große Mehrheit der Menschen sich vom Bürger in den Volksgemeinschafts-Modus hat überführen lassen, und die tägliche Propagandamaschine verinnerlicht.
Diese Worte verdeutlichen mir noch einmal eines: Unsere Demokratie ist am Ende, nicht nur politisch, nicht nur wirtschaftlich, nicht nur sozial, sondern vor allem auch intellektuell: Gleichförmigkeit statt Debatte, Mitläufertum statt selber Denken.

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Filme zur Demonstration:

https://www.nachdenkseiten.de/?p=63643 viele Links hier

https://www.youtube.com/watch?v=4KetjwqkkwA

https://www.youtube.com/watch?v=gFH2hopfopM

Zu Rainer Mausfeld:

https://medienblog.hypotheses.org/1510

https://www.heise.de/tp/features/Wir-leben-in-einer-Zeit-der-Gegenaufklaerung-4178715.html

16:31 07.08.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dietrich Klose

Vielfältig interessiert am aktuellen Geschehen, zur Zeit besonders: Ukraine, Russland, Jemen, Rolle der USA, Neoliberalismus, Ausbeutung der 3. Welt
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Dietrich Klose

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