Neoliberale Perversion des Gesundheitswesens

Coronavirus: Infolge der notwendigen Maßnahmen zur Vorbeugung und Bekämpfung des Coronavirus zeigt sich beispielhaft, wie sehr der Neoliberalismus unser Leben bereits zerstört hat
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Deregulierung. Privatisierung. Ökonomisierung (Finanzialisierung). Abbau des Sozialstaats.

Das sind vier wesentliche Mantren des Neoliberalismus - oder wie immer man die seit mindestens 40 Jahren vorherrschende Ideologie nennen soll. Immer mehr Lebensbereiche sind diesen Mantren unterworfen worden, alle wesentlichen Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge (etwa Wasser- und Stromversorgung, Post und Telekommunikation, Bahn), und das auch in den Bereichen, wo es um die direkte Versorgung von Menschen geht (Altenheime, Pflege, Krankenhäuser, Gesundheitswesen).

In all diesen Bereichen bestimmen Profitmaximierung - und als ein Teil davon Kostenminimierung - die gesamte Ausrichtung. Das führt dann etwa in Krankenhäusern zu Klinikschließungen, Versorgungslücken, zu Personaleinsparungen, schlechterer Bezahlung und schlechteren Arbeitsbedingungen, mangelnder Hygiene, schlechterem Essen u. a. m.).

Schon im Normalbetrieb arbeiten unsere Krankenhäuser am Limit bis weit darüber hinaus - um auch noch den zusätzlichen Bedarf bei einer größeren Epidemie aufzufangen, fehlen einfach die Kapazitäten.

Hierzu ausführlich der Artikel von Jens Berger auf den Nachdenkseiten: https://www.nachdenkseiten.de/?p=58832.

In den USA ist die Lage noch erheblich schlechter als bei uns, wie sich jetzt auch beispielhaft beim Umgang mit dem Coronavirus zeigt.

Auch bei uns zahlt jemand, der sich auf den Coronavirus testen lassen möchte, aber nicht zu einer Risikogruppe gehört, den Test selbst. Die Kosten hierfür können variieren, ermittelt wurden Zahlen zwischen 128 und 234 Euro:

https://www.rnd.de/politik/corona-test-wer-kein-verdachtsfall-ist-zahlt-selbst-RB6MKQNM7VBKNM7A7YAYHKV4BQ.html.

In den USA, wo das Gesundheitswesen noch stärker auf Profit ausgerichtet ist als bei uns, wurden einem Mann, der obendrein gute Gründe für einen Test hatte (er kam aus China und wies Grippesymptome auf), in Miami für einen Test 3.275 Dollar (2.966 Euro) berechnet:

https://www.miamiherald.com/news/health-care/article240476806.html

https://www.msnbc.com/rachel-maddow-show/significance-miami-man-who-feared-he-might-have-coronavirus-n1143531

https://www.businessinsider.de/international/miami-man-doesnt-have-coronavirus-but-could-now-owe-thousands-2020-2/?r=US&IR=T

Die Preise im US-amerikanischen Gesundheitssystem sind exorbitant, und das bei vielen gar nicht oder nur mangelhaft Versicherten. Was fast 3.000 Euro für einen einfachen Test für die Bekämfung einer Epidemie bedeuten, kann sich jeder vorstellen.

Das von der WHO verwendete Text-Kit kostet übrigens um die 5 Dollar: https://apnews.com/856a694e4b7e9e5ecbacf5634af4a229. Und das weltweit vertriebene Testset der Berliner Firma TIB Molbiol sogar nur 2,50 Euro: https://www.tagesspiegel.de/berlin/tib-molbiol-berliner-firma-produziert-corona-tests-fuer-die-ganze-welt/25602142.html.

Wie gesagt, es zählt nur noch der maximale Profit und sonst gar nichts.

Ein Impfstoff wäre natürlich sehr wünschenswert, noch gibt es keinen. Natürlich wird mit Hochdruck daran geforscht, und in den USA macht man sich offensichtlich schon über die Verteilung Gedanken.

In einer Anhörung vor dem Kongress wurde Gesundheitsminister Alex Azar von einer Abgeordneten gefragt, ob ein neuer Impfstoff dann auch für alle erschwinglich ("affordable") wäre.

Die Antwort des Ministers: "Wir wollen sicherstellen, dass wir darauf hinarbeiten, aber wir können den Preis nicht kontrollieren, weil wir den Privatsektor für Investitionen brauchen... Preiskontrollen würden uns da nicht hinführen." ("We would want to ensure that we work to make it affordable, but we can’t control that price because we need the private sector to invest. . . . Price controls won’t get us there.").

https://www.theverge.com/2020/2/27/21155879/alex-azar-coronavirus-vaccine-affordable-insurance

https://www.statnews.com/2020/02/27/azar-coronavirus-affordable-trump/

https://www.forbes.com/sites/isabeltogoh/2020/02/27/health-secretary-alex-azar-refuses-to-guarantee-coronavirus-vaccine-would-be-affordable-for-all/#53322118490c

https://www.forbes.com/sites/isabeltogoh/2020/02/27/health-secretary-alex-azar-refuses-to-guarantee-coronavirus-vaccine-would-be-affordable-for-all/#101bf791490c

Im Film: https://twitter.com/mmcauliff/status/1232789512490799104.

Im Klartext: Die Pharmaindustrie bestimmt den Preis selbst. Wie allgemein, zählt dabei nur der maximale Profit und sonst nichts.

So sieht also neoliberale Seuchenbekämfung aus. Man muss es sich leisten können. Und es wird dann wohl auch wieder bis über das 20fache wie in Deutschland kosten. Dass man mit einer solchen Zwei-Klassenmedizin nie eine Seuche bekämpfen kann, weiß dieser Gesundheitsminister offenbar nicht. (Übrigens ein Lobbyist der Pharmaindustrie).

Immerhin findet man in den USA selbst solche Auswüchse noch extrem, entsprechende Kritik kann man in den Medien finden.

Aber es geht nicht nur um die USA oder Länder wie Deutschland. Jahrzehntelang hat ein neoliberales Schuldenregime Entwicklungsländer gezwungen, die öffentliche Gesundheitsversorgung zurückzufahren. Jetzt kann eine Pandemie wie der Coronavirus dort umso heftiger zuschlagen. Mittlerweile wird hier das Schlimmste befürchtet:

https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/kenia-nigeria-coronavirus-covid-19-1.4823780.

Der Neoliberalismus behindert die Bekämpfung von Seuchen. Der Neoliberalismus tötet (Nicht nur im diesem Fall, sondern auch noch in vielen anderen. Aber das ist hier nicht Thema).

Wann reicht es uns endlich???

Nachtrag: Jetzt könnte es in diesem Fall doch besser kommen als gedacht und als es der politischen Linie der US-Regierung entsprochen hätte: Die amerikanische Gentech-Firma Greffex Inc. meldet, bereits einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt zu haben, den Greffex sogar kostenlos an die am meisten betroffenen Länder abgeben will. Zunächst muss der Impfstoff aber noch an Tieren getestet werden:

https://www.rtl.de/cms/coronavirus-impfstoff-us-gentech-firma-greffex-vermeldet-durchbruch-4491589.html

Zum Coronavirus in den USA können Sie auch noch lesen:

https://www.theatlantic.com/health/archive/2020/02/coronavirus-could-hit-american-workers-especially-hard/607213/

https://nypost.com/2020/02/20/coronavirus-infected-americans-flown-back-to-us-on-plane-full-of-healthy-people/

Nachtrag vom 22. März 2020:

Es geht noch ärger. Jetzt hat in den USA eine Frau für einen Corona-Test (sie war übrigens positiv) eine Rechnung von 34.927,43 Dollar bekommen. Sie hat wie so viele ihrer Landsleute keine Krankenversicherung: https://time.com/5806312/coronavirus-treatment-cost/

In keinem westlichen Land ist das Gesundheitssystem derart kommerzialisiert wie in den USA, sind die sozialen Sicherungen derart abgebaut worden. Entsprechend steil geht jetzt die Kurve der Neuinfektionen in den USA nach oben. Sie haben sich mittlerweile auf Platz 3 vorgearbeitet, nach China und Italien.

11:41 28.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dietrich Klose

Vielfältig interessiert am aktuellen Geschehen, zur Zeit besonders: Ukraine, Russland, Jemen, Rolle der USA, Neoliberalismus, Ausbeutung der 3. Welt
Schreiber 0 Leser 22
Dietrich Klose
Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 3