Rohrblitz vermittelt: 928 Euro pro Stunde

Überteuerte Rohrreinigung In Google ganz oben: Deutschlandweit tätige Firmen, die Dienste zu überhöhten Preisen vermitteln, oft in Bereichen, wo schnelle Hilfe gefragt ist. Mahnung zur Vorsicht
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"Rohrblitz" vermittelt: Rechnung über 1360 Euro für 80 Min. Arbeit

Mit dieser Folge von Artikeln soll, beginnend mit einem konkreten Fall aus dem Oktober 2018 eine Branche näher betrachtet werden, die leider wohl stark im Wachsen begriffen ist und ihren Kunden Erlebnisse wie das hier geschilderte verschafft. Passen Sie auf!

Alptraum, und das gerade am Freitag spät nachmittags: Ein verstopftes Abflussrohr im Bad der Wohnung der Kinder im 2. Stock, die Sch… kommt aus dem Abfluss in der Dusche hoch, der Gestank ist schon nach kürzester Zeit kaum noch auszuhalten. Wie natürlich zu diesem optimalen Zeitpunkt: von den zwei empfohlenen Rohrreinigern ist der eine in Urlaub, der andere übernimmt deswegen dessen Arbeit mit, vor Montag Nachmittag geht gar nichts. Wenigstens muss die ganze Familie nicht gleich aus dem Haus ausziehen, im Erdgeschoss und im 1. Stock sind alle Abflüsse noch frei.

Am Samstag Vormittag: Geht es nicht doch noch früher? Die Frau des Hauses hält das nicht mehr bis Montag lange aus und macht sich an die Internetrecherche, sucht eine Alternative, vor Ort. „Rohrreiniger Friedberg“ führt als einen der ersten Treffer zu „Rohrblitz“ (https://rohrblitz.de , hier scheinbar lokal: https://rohrblitz.de/Friedberg%20in%20Bayern?gclid=EAIaIQobChMI85yI7sCp3gIVj-d3Ch3uQAG7EAAYBCAAEgIzpPD_BwE ): Die Internetseite wirkt kompetent und vielversprechend. Was versprochen wird: „Günstige Rohrreinigung in folgenden Bereichen… Jahrelange Routine und modernste Werkzeuge ermöglichen eine saubere Arbeit!“ Die Anfahrt ist kostenlos: „Unsere Partner berechnen Ihnen keine An- oder Abfahrtskosten, da diese regional in Ihrer Nähe unterwegs sind.“ Von „lokalen Partnern“ ist auf der Impressum-Seite die Rede.

„Faire Preise für freie Rohre“ heißt es, und: „Eine transparente und faire Preisgestaltung ist selbstverständlich, sodass keine versteckten Kosten auf Sie zukommen werden.“

Die Entscheidung fiel, es mit „Rohrblitz“ zu versuchen und dort anzurufen (kostenlose 0800-Nummer), was etwa 10.30 passierte. Ja, hieß es, man schaut, wen man schicken kann, es wird etwa eineinhalb Stunden dauern. Es dauerte dann doch länger, wieder Telefonate, mit Rückruf, von „Rohrblitz“ und auch von dem oder den Technikern, die noch unterwegs waren in einem schwierigen Fall mit Feuerwehreinsatz und allem Drum und Dran. Die zwei Rohrreiniger kamen dann um halb vier, zwei sehr freundlich wirkende junge Männer türkischer Herkunft zwischen 25 und 30 Jahren. Der Sohn sah vom Fenster aus das Auto, einen weißen Kleinwagen ohne jeden Hinweis auf eine Firma. Das sieht ja nicht sehr professionell aus, dachte er sich. Das Auto wurde dann später noch umgeparkt, ca. 80 m weiter zwischen mehrere andere Fahrzeuge. Warum dieser Aufwand?

Wie sah die dann dargelegte Preisgestaltung aus? Es sollte für die Arbeitszeit 39,50 Euro pro Viertelstunde kosten. Für Arbeiten mit der Spirale (auf der Rechnung: „Elektromechanische Reinigung“) sollten pro laufender Meter 69,50 Euro fällig werden. Da wurde schon geschluckt. Da aber schon im Stockwerk darunter alles ordentlich ablief, konnten es ja wohl nicht viel mehr als zwei Meter sein, und das war auf eine Frage hin auch die Schätzung des Rohrreinigers. Bezahlung war nur sofort möglich, entweder Onlinebanking (haben die Betroffenen nicht), oder EC-Karte mit Lesegerät, oder bar. Nun ja. Zahlung auf Rechnung gebe es angeblich nur für Altkunden, so laute die Anweisung vom „Chef“. Später noch einmal auf die Webseite von „Rohrblitz“ geschaut, dort heißt es ausdrücklich unter Zahlungsarten auch: „Rechnung“.

Jetzt hätte man noch aussteigen können, es heißt auf der „Rohrblitz“-Webseite: „Erst durch Ihre schriftliche Auftragserteilung vor Ort, fallen die ausführlich besprochenen Kosten für Sie an.“ Trotz allem: Fehler des Tages: Auftragsvergabe, mit Unterschrift auf dem Formular, auf dem die Preise per Hand eingetragen worden waren. Schon nach kurzer Zeit erschien einer von den beiden beim Hausherrn, sie bräuchten einen 19er Schlüssel, den hätten sie leider vergessen. Dieser ging mit ihm in den Keller, ein einfacher 19er Schlüssel war nicht da, aber da war noch der neue Steckschlüssel-Koffer vom Sohn. Er nahm sich Ratsche mit passender Nuss und ging wieder hoch. Die Toilette musste abgenommen werden. Dreimal kam dann die Spirale für die „Elektromechanische Reinigung“ zum Einsatz, das konnte man unten gut hören.

Und dann waren sie nach etwas über einer Stunde fertig. Das Bad schwamm in Wasser mit besch… Inhaltsstoffen. Das habe sich leider nicht vermeiden lassen, hieß es. Nun ja, das kann sein, Pech oder Sch…, wie man es nimmt. Was am Tag später ein dazu befragter örtlicher Rohrreiniger sagte: Ja, es kann vorkommen, dass dabei Wasser austritt. Aber, seine Firma hat einen Wassersauger dabei, der dann sofort eingesetzt wird, und es geht nur wenig Wasser auf den Boden. Wenn „Rohrblitz“ auf seiner Webseite „Saubere Arbeitsweise“ verspricht, entspricht das auf eine sehr besch… Art und Weise nicht den Tatsachen.

Die Toilette war wieder montiert, eine Dichtung sei erneuert, sie sei aber noch nicht ganz dicht, müsse noch mit Silikon abgedichtet werden. Das hätten sie nicht dabei, das gäbe es aber für ein paar Euro im Baumarkt, könnte man dann schnell selber machen. Überlegung, aber erst hinterher: Wenn die Toilette nicht dicht ist, liegt es denn am fehlenden Silikon, oder dass sie nicht ordentlich montiert ist?? Aus diesem Grund wurde doch für den nächsten Werktag ein Installateur bestellt. Und der stellte fest, dass die Toilette nur locker angehängt, aber überhaupt nicht fest montiert war, und dass die Dichtungen fehlten.

Die Angaben der Rohrreiniger waren also schlichtweg falsch. Hätte sich jemand auf die Toilette gesetzt, wäre er wahrscheinlich mitsamt der Toilette heruntergekracht, es hätte ernsthafte Verletzungsgefahr bestanden, so der Installateur. Das ist der „bestmögliche Service“, den „Rohrblitz“ verspricht, so sehen die angepriesenen „jahrelange[n] Erfahrungen und routinierte[n] Arbeitsweisen“ aus: Ernsthafte Verletzungsgefahr!! Die beiden hatten also entweder keine Lust mehr oder waren schlichtweg nicht fähig, die Toilette korrekt anzuhängen, und um hier ohne Reklamation wegzukommen. Das drängt die Annahme auf, sie hätten hier wissentlich in Kauf genommen. dass sich jemand schwer verletzen kann.

Das dicke Ende war dann die Rechnungsforderung, sofort nach Ende der Arbeiten gestellt: für angeblich 13 ½ Meter „Elektromechanische Reinigung“ 943,65 Euro. Mit Arbeitszeit und Mehrwertsteuer, gesamt: 1360,35 Euro. Entsetzen. Auf eine kritische Nachfrage, ja, das sei ein ganz eigenes Fallrohr für das 2. OG, das hätte nichts mit den anderen Stockwerken zu tun: Nur, das stimmt nicht. Später noch einmal in den Keller geschaut und sich erinnert, wie es vor dem Dachausbau im Dach ausgesehen hat. Das Dach hängt definitiv an demselben Fallrohr wie die Toiletten der beiden Stockwerke darunter, wo alles immer ordentlich lief… Wie wollen Sie eine solche Forderung mit 13 ½ Metern nachprüfen? Das wäre fast bis in den städtischen Abwasserkanal unter der Straße.

Und zahlbar wie gesagt sofort. Der Hausherr erinnerte sich, die Aussage bekommen zu haben, bei dem EC-Karten-Lesegerät sei leider der Akku defekt, man müsse also bar zahlen. Da widersprach ihm später seine Frau: Nein, ihr hätten sie gesagt, sie hätten das Lesegerät gar nicht dabei. Und, ja, sie hätten klare Anweisung, erst zu gehen, wenn bezahlt sei.

Diskussion, und unsicher: Soll man das wirklich jetzt zahlen?? Nächster Fehler des Tages: das haben sie gemacht. Die Frau fuhr sogar deswegen noch schnell zur Bank. Wie sie wieder zurück war, wurde noch einmal hin und her überlegt und diskutiert: Zahlen wir das wirklich? Einer der beiden Rohrreiniger hat dann noch einmal mit seinem „Chef“ telefoniert: Also, wegen der „Unannehmlichkeiten“ mit der Barzahlung 200 Euro Nachlass. 1160 Euro. Das kommt auf einen Stundensatz von 1088 Euro laut Rechnung, den Abzug eibgerechnet dann auf 928 Euro.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt kam der Wortführer der beiden dann noch auf die Idee, dass man die Rechnung bei der Hausratsversicherung einreichen könnte und deshalb schreibe er etwas von Fremdverschulden (Verstopfung durch Kanalisation hereingekommen) auf. Den Einwand, das das für den 2. Stock wohl kaum passieren könnte, bestritt er. Der Kunde lehnte weder ab noch stimmte er zu, später wurde es dann ruckzuck auf den "Rechnungs"zettel geschrieben. Versuch einer Anstiftung zum Versicherungsbetrug? Wohl ein Versuch, den Kunden durch die fiktive Möglichkeit, sich den erhöhten Rechnungsbetrag zumindest teilweise woanders wieder hereinzubekommen, zahlungsbereiter zu machen.

Die Kunden bekamen das Papier, das auch schon als Auftragsbestätigung diente, auf dem oben „Rechnung“ steht. Eine reguläre „Rechnung mit Bericht würde noch zugeschickt. Auf dieser sofort überreichten Rechnung steht kein Firmenname, nur unten links ganz klein ein Personenname (Jonas R.) mit Adresse in Mülheim an der Ruhr. Das soll also der „lokale Partner“ sein, 574 km entfernt auf der kürzesten Strecke? Und, oh Wunder, nachträglich aufgefallen: Es wurde bei „Betrag erhalten“ dann nicht einmal vermerkt, dass der Rechnungsbetrag auf 1160 Euro geändert wurde.

Nachdem die beiden Handwerker gegangen waren, das Gefühl, hier unglaublich beschissen worden zu sein. Bei der Frau weiter Panik angesichts der flottierenden mit Sch… durchmischten Sauce im Bad. Ein weiterer Aufreger, dass die beiden Techniker nichts von dem, was im Bad noch stand, in den Flur geräumt hatten, sie waren ja dann auch mit den Schuhen aus dem Bad durchs Treppenhaus gelaufen, unten auf den Teppich im Flur. Nachträgliche Überlegung: Hätten sie denn nicht so etwas wie Gummistiefel für die Arbeit in der Sch… dabei haben sollen??? „Rohrblitz“ verspricht „saubere Arbeit“, sieht die so aus?

Und der Hausherr merkte, dass der ausgeliehene Schlüssel (Ratsche und Nuss) weg war.

Also, wie soll man die Aussage vom „bestmöglichen Service“ laut „Rohrblitz“-Webseite interpretieren? Keinen Wassersauger dabei, deshalb das Bad unter Scheißwasser gesetzt, Gummistiefel vergessen, 19er Schlüssel vergessen (dafür den fremden mitgenommen), Toilette gesundheitsgefährend hingesteckt und darüber auch noch dreist gelogen, zum guten Ende noch Kartenlesegerät vergessen???

Auf das mögen Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, Ihren eigenen Reim machen. Wer auf solche Erlebnisse keine Lust hat, sollte genauer hinschauen.

ES folgen weitere Beiträge zum Thema, sie werden unter die Lupe nehmen: die Webseite von „Rohrblitz“, die diese Seite betreibende Firma, die Vorgänger und die "Mülheim-Connection", die Schwesterseite in Österreich, die „lokale“ Firma, die die Arbeit ausgeführt hat, wie unseriöse Handwerker-Vermittlungs-Webseiten Nutzer täuschen, missachtete gesetzliche Vorgaben, und die Branche der Schlüsseldienste. Auch hierbei gibt es übrigens eine dicke Verbindung zu „Rohrblitz“. Andere Firmen der Branche lohnen auch einen Blick.

19:49 05.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dietrich Klose

Vielfältig interessiert am aktuellen Geschehen, zur Zeit besonders: Ukraine, Russland, Jemen, Rolle der USA, Neoliberalismus, Ausbeutung der 3. Welt
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Dietrich Klose

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