Ukraine: Krieg ohne Maske.

Die zivilen Opfer Der Krieg in der Ukraine wird bei uns zu einem Krieg Gut gegen Böse stilisiert. Gerade unsere "good guys" haben aber den größten Teil der zivilen Opfer auf dem Gewissen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eine 23jährige junge Mutter geht mit ihrer 10 Monate alten Tochter im Park spazieren. Da beginnt der Beschuss der Stadt mit Granaten, die – wie fast immer in diesem Krieg – Streumunition enthalten. Sie werden getroffen und liegen tot um Gras. Von Ferne könnte man meinen, sie schlafen, die Mutter hat den Arm um das Kind gelegt, aber wenn man ihr zerfetztes Bein sieht, merkt man, dass das nicht stimmen kann. Die Mutter der jungen Frau sucht sie, stundenlang irrt sie durch den Park, noch nachdem es dunkel geworden ist. Dann sucht sie in den Bombenschutzräumen, in denen sich die Menschen drängen, in den Krankenhäusern. Sie findet nichts… denn die beiden Toten sind schon ins Leichenhaus gebracht worden. Im Park hatte jemand die tote Mutter und ihr Kind fotografiert und die Bilder ins Internet gestellt, wo sie sich sofort verbreiteten. So bekam die Mutter schließlich Anrufe auf ihr Handy: Geh ins Leichenhaus, und wieder: Geh ins Leichenhaus… Schließlich geht sie dorthin, und sie findet die beiden… Nach zwei Tagen die Beerdigung, kaum jemand kommt, denn die Stadt steht weiter unter Dauerbeschuss, viele sind schon geflohen. Die Mutter schläft die Nacht danach am Grab, die Bomben fallen die ganze Nacht, ist doch egal, wenn es mich jetzt auch hier erwischt…

Ein kleiner Junge spielt vor dem Haus. Plötzlich Granatenbeschuss. Die Mutter rennt nach draußen, um ihn zu holen. Sie wird tödlich getroffen und stirbt vor den Augen des Kindes. Das Kind wird selbst getroffen, ein Granatsplitter dringt in seinen Kopf ein. Der Junge wird ins Krankenhaus gebracht, wo er kurz danach stirbt.

Der Vater kommt nach Hause, der Beschuss hat begonnen. Von seinem Haus steht nur noch ein Trümmerhaufen, eine Granate hat es direkt getroffen. Er findet den 8jährigen Sohn direkt hinter der Tür, viel Blut, die Nase hing weg, ein Auge lag frei. Er gräbt den Jungen aus und trägt ihn in den sicheren Keller, dann schaut nach seiner Frau. Sie ist von Schmutz und Staub bedeckt. Sie schreit, dass er den kleinen vierjährigen Sohn ausgraben soll, er hätte noch geatmet. Er gräbt den Jungen aus. Der ist unverletzt, aber er atmet nicht mehr, er ist unter den Trümmern erstickt. Die Mutter hatte dem Jungen nicht helfen können. Ihr rechtes Bein war zerschmettert, sie konnte nicht zu ihm hin, nichts machen, nur schreien, aber niemand war gekommen… Im Krankenhaus wird ihr das Bein über dem Knie abgenommen. Der Achtjährige wird mehrmals operiert.

Vera und ihr Mann sind 40 Jahre verheiratet. Er will noch nach der Mutter schauen, die auf Hilfe angewiesen ist. Sie beschwört ihn, zu Hause zu bleiben. Doch er geht. Er kommt nicht weit. Vor dem Haus schlägt die Granate ein, es entsteht ein großer Trichter. Granatsplitter durchschlagen selbst eine dicke Eisenstange. Er hat keine Chance.

Am Abend. Die Eltern schauen im Wohnzimmer fern, die beiden Töchter baden den kleinen Bruder im Badezimmer, dann soll er ins Bett. Plötzlich Granatenbeschuss: eine Granate fliegt direkt ins Bad, das Dach bricht herunter, die Wände stürzen ein. Der Vater rennt zum Bad: Er findet seine drei Kinder, tot, dem kleinen Jungen fehlt die Schädeldecke. Granatsplitter, absolut tödliche Metallteile, die mit Riesenwucht alles zerschlagen, haben die Fliesen und den Boiler über der Badewanne durchlöchert. Die Eltern sind unverletzt geblieben…

Ein paar Geschichten, die dieser Krieg schrieb. Ein paar von Tausenden aus diesem Krieg. Ein paar von Hunderttausenden, Millionen, die die vielen Kriege der letzten Zeit geschrieben haben. Dieser Krieg hier, er ist zum großen Teil „unser“ Krieg.

Unser Krieg, weil Deutschland, die EU, die NATO, der „Westen“, von Anfang an eindeutig Partei waren in diesem Krieg. Von Anfang an hat der Westen die heutigen Machthaber in der Ukraine unterstützt. Und weil eben ganz klar ist, wer in der Ukraine die „Guten“, wer dort „Unsere“ sind, weil das dann auch deren militärische und paramilitärische Formationen einschließt, werden deren Handlungen und Aktivitäten von Politik wie Medien im Westen wenn auch nicht immer begeistert aufgenommen, so doch toleriert, und wenn es gar zu hart kommt, schaut man eher weg. Denn das sind eben doch „Unsere“, das sind in diesem Szenario die „good guys“, dann ist das schon ganz in Ordnung.

So wurde bei uns weitgehend einseitig über die von UN und Human Rights Watch in der Ukraine beklagten Menschenrechtsverletzungen berichtet. Die Verletzungen der Menschenrechte durch die „Separatisten“ wurden groß herausgestellt, sie waren das Thema der Schlagzeilen, die Menschenrechtsverstöße der Regierungsseite wurden gar nicht erwähnt, oder wenn, dann nur ganz beiläufig unter „ferner liefen“.

Dass die meisten zivilen Opfer dieses Krieges dem brutalen Vorgehen der „Anti-Terror-Operation“ der Regierungsseite, hier ganz besonders dem terroristischen Dauerbeschuss der Städte und Ortschaften geschuldet sind, wurde und wird von unseren Medien ausgeblendet. Die Kriegsverbrechen der Regierungsseite sind kein Thema. Und viele unserer Medien haben geradezu zu noch mehr Krieg gedrängt, zu noch massiverem Vorgehen seitens der ukrainischen Regierung.

Da passen die Opfer eines solchen brutalen Vorgehens einfach nicht ins Bild. Es ist auffällig, wie wenig unsere Medien die Opfer erwähnen, wie sie sie vor allem unsichtbar bleiben lassen. Denn schon lange weiß man: Bilder der Opfer machen einen Krieg ganz schnell unpopulär. So haben entsprechende Fotos ganz wesentlich dazu beigetragen, dass der Vietnamkrieg in den USA wie in Europa von immer mehr Menschen abgelehnt wurde. Im Fall der Ukraine scheinen unsere Medien der Agenda zu folgen: Nur keine Bilder von Toten! Denn dadurch könnte die Bereitschaft der Bevölkerung im „Westen“ ganz schnell sinken, die ukrainische Regierungsseite weiter für die „good guys“ in diesem Konflikt zu halten, die selbstverständlich unsere Unterstützung verdient haben. Und genau ein solcher Meinungsumschwung soll offenbar nicht sein.

Aus diesem Grund also die Vertuschung, die Negierung, die Verleugnung der Opfer, die damit in bestimmter Hinsicht im Tod noch einmal zum Opfer werden. Sie sind es nicht wert, dass man sie beachtet, ihr Tod ist unwichtig. Sie werden geopfert auf dem Altar der Nützlichkeitserwägungen, sie würden stören, wenn man eine ganz bestimmte, vor allem den eigenen Interessen verpflichtete Agenda in der Ukraine und im Konflikt mit Russland durchziehen will. Darum: Bloß keine derartigen Bilder!

Schon immer hat man Kriegen einen höheren Sinn untergeschoben, wurden deshalb Feindbilder konstruiert und gepflegt, in „Gut“ und „Böse“ unterteilt, verdächtigt und unterstellt. Der angebliche höhere Sinn eines Krieges wurde und wird spätestens immer dann fragwürdig, wenn man die Opfer in den Mittelpunkt rückt und sich ein normales Maß an Humanität bewahrt hat. Dann sieht man, wie Krieg wirklich ist. Das ist im Fall der Ukraine nicht anders, und eben diese Wahrheit will man uns vorenthalten.

Die Webseite http://poorworld.net/ hat es sich in ihrem der Ukraine gewidmeten Teil http://poorworld.net/Ukraine0.htm zur Aufgabe gemacht, die Opfer dieses Krieges zu zeigen. Die Bilder des Todes in der Ukraine sind brutal. Wie in jedem Krieg. Dieser Krieg ist brutal, wie jeder Krieg. Und es sind vor allem unsere „good guys“, die diese Blutspur hinter sich her ziehen. Daran muss man gerade auch zum Jahrestag des Umsturzes in der Ukraine erinnern.

22:00 22.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dietrich Klose

Vielfältig interessiert am aktuellen Geschehen, zur Zeit besonders: Ukraine, Russland, Jemen, Rolle der USA, Neoliberalismus, Ausbeutung der 3. Welt
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Dietrich Klose

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