UNICEF-Bericht und saudische Propaganda

Kinder im Jemenkrieg: Typisch für saudische Propaganda ist die Verfälschung eines UNICEF-Berichts über Kinder im Jemen. Niemand hat mehr gegen die Kinder im Jemen gewütet als die Saudis selbst
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Childen in the Yemen war: Report by UNICEF and Saudi propaganda

The Saudis repeat their objection that the Houthis recruit child soldiers. In one article, a report by UNICEF is used as confirmation – but many of the statements actually cannot be found in the UNICEF report, but just are Saudi propaganda. See English text below

Es dürfte weltweit nur wenige Länder geben, in denen es derzeit schlimmer wäre, ein Kind zu sein, als den Jemen. Zu einem großen Teil “verdanken” die Kinder im Jemen dieses Schicksal den seit 16 Monaten tobenden Luftangriffen der Saudis und ihrer sog. “Koalition”. Viele Kinder wurden getötet, verstümmelt oder verletzt – alle offiziellen Zahlen sind wahrscheinlich viel zu niedrig – oder haben Eltern, Verwandte, Geschwister, Freunde verloren. Eine große Zahl an Wohnhäusern wurde zerstört, es gibt über etwa 3 Millionen Binnenflüchtlinge im Land. Weit über 1000 Schulen wurden zerstört, weiterhin viele Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen. Wirtschaft, Verkehr und Infrastruktur sind zerstört, für viele Familien ist damit der Arbeitsplatz für den Ernährer der Familie und damit die Versorgung weggefallen.

Zusätzlich hat die Importblockade der Saudis die Versorgung mit Lebensmitteln, Treibstoff und anderen lebensnotwendigen Dingen einbrechen und die Preise in die Höhe gehen lassen.

Von den psychischen Verletzungen der Kinder, die in ständiger Angst vor den saudischen Luftangriffen leben müssen, in Panik, wenn nur der Lärm der Kampfflugzeuge wieder über ihnen dröhnt, ist dabei noch nicht die Rede gewesen. Viele Kinder trauen sich nicht mehr, draußen zu spielen.

Die internationale Kritik an diesem saudischen Luftkrieg fiel und fällt ausgesprochen bescheiden aus. Jemen war kaum ein Thema für die westlichen Medien, die Regierungen – vor allem der USA und der Briten – unterstützten die Saudis von Anfang an massiv.

Immerhin sind die Saudis wegen der Verletzung der Rechte von Kindern einmal etwas mehr in Kritik geraten. In dem UN-Bericht über “Kinder und bewaffnete Konflikte” wurden die Luftangriffe der saudischen Koalition und ihre fatalen Auswirkungen auf Kinder deutlich benannt. Dagegen, dass die saudische “Koalition” auch auf die “Schwarze Liste” derjenigen gesetzt wurde, die die Rechte von Kindern verletzten, setzten sich die Saudis freilich empört zur Wehr, und die UNO knickte unter den massiven Drohungen der Saudis schließlich ein.

Aber um diesen Skandal soll es hier jetzt gar nicht gehen.

Die Saudis und ihre Verbündeten sind natürlich nicht die einzigen, die im Jemen die Rechte von Kindern massiv verletzen. Der UN-Bericht klagte auch die Huthis an. Sie stehen wegen der Anwerbung und dem Einsatz von Kindersoldaten in der Kritik, nicht nur seitens der UNO, sondern etwa auch von UNICEF und von Human Rights Watch.

Die Propaganda der Saudis und der saudischen Verbündeten wie der Emirate und der jemenitischen Regierung von Präsident Hadi zeichnet sich durch eine oft schon ins Lächerliche gehende Primitivität aus, die mit ins Extreme gehenden Vereinfachungen und Übertreibungen arbeitet. Und so griff diese Propaganda gerne diesen (berechtigten) Vorwurf an die Houthis auf und wiederholte ihn immer wieder, in einem Tonfall der voll aufgedrehten moralischen Entrüstung, so, als wäre das das einzige und das schlimmste Verbrechen, das im Jemenkrieg an Kindern überhaupt begangen wird. Das das gerade von saudischer Seite geäußert wird, mag bizarr erscheinen, aber das ist genau die Art, wie diese Propaganda arbeitet.

So soll die Wiederholung dieses Vorwurfs gegen die Huthis von saudischer Seite eben nicht nur dazu dienen, den Gegner schlechtzumachen, sondern vor allem dazu, sich selbst vom Vorwurf weißzuwaschen, die Rechte von Kindern zu verletzen.

So kam dann seitens der Saudis das Thema der Houthi-Kindersoldaten natürlich erneut auf, als die Saudis wegen neuer Verbrechen an Kindern wieder neue Kritik auf sich zogen. Im Norden des Jemen hatte die Saudi-Koalition eine Koranschule bombardiert, 10 Kinder wurden getötet, 28 verletzt. Prompt tönte die saudische Propaganda, in diesem Fall personifiziert durch den saudischen Brigadegeneral Assiri, den Sprecher der “Koalition”, es habe sich bei dem Ziel überhaupt nicht um eine Schule, sondern um ein Trainingslager der Huthis für Kindersoldaten gehandelt. Dagegen sprach freilich schon das Alter der Kinder zwischen 6 und 14 oder 15 Jahren; die meisten Kinder waren also selbst für die Verhältnisse jemenitischer Kindersoldaten viel zu jung.

Die Saudis behaupteten freilich damit, sie hätten ein “militärisches” Ziel getroffen – und ihr Angriff sei demnach ja auch rechtmäßig. Und man konnte damit auch gleich noch einmal die Huthis beschuldigen, hätten diese doch damit die Kinder gefährdet und seien damit die wirklich Schuldigen für deren Tod bzw. Verwundung. Ernst nehmen kann man diese saudische Behauptung freilich nicht, es ist nicht mehr als eines der vielen phantasiereichen Märchen, die die Saudis schon zur Begründung und Rechtfertigung ihrer Luftangriffe verbreitet haben.

Der neueste UNICEF-Bericht über Kinder im Jemen gab den Saudis nun die Gelegenheit, ihre Propaganda wegen der Kindersoldaten der Huthis zu wiederholen und sich damit gleich auch wieder von den Vorwürfen wegen der Bombardierung der Koranschule weißzuwaschen. Das scheint man zumindest wohl gemeint zu haben.

Der UNICEF-Bericht spricht alle Verbrechen gegen Kinder im Jemenkrieg an, vermeidet aber konkrete Beschuldigungen einzelner Kriegsparteien. Den größten Teil der von UNICEF angesprochenen Verbrechen an Kindern sind dabei eindeutig auf die Luftangriffe der saudischen Koalition und auf die saudische Importblockade zurückzuführen. Der UNICEF-Bericht erwähnt auch die Kindersoldaten, freilich ohne hier die Huthis namentlich zu erwähnen. Es sind in der Tat auch beide Seiten, die Kinder als Soldaten einsetzen – wenn auch die Huthis das in größerem Umfang tun.

Der neueste Propagandartikel zu diesem Thema, erschienen auf der Seite der saudischen Zeitung Asharq Al-Awsat, verwendet nun den UNICEF-Bericht auf eine besonders dreiste Weise. Nicht nur, dass er – wie man ja schon gewohnt ist – all das unerwähnt lässt, was die Saudis selbst belasten würde. Nein, diesmal werden Vorwürfe an die Huthis im Besonderen wie auch spezielle Elemente der saudischen Anti-Houthi-Propaganda in einer Weise wiedergegeben, als würde es sich dabei um Aussagen des UNICEF-Berichts selbst handeln – nur dass sie darin überhaupt nicht zu finden sind.

Im Folgenden wird dieser Artikel in Asharq Al-Awsat näher analysiert. Diese Analyse ist auf Englisch, sind doch der UNICEF-Bericht wie auch der saudische Artikel nur auf Englisch verfügbar.

Violation of children’s rights in Yemen

When speaking of the violation of children’s rights, Saudi propaganda likes to stress the objection against the Houthis recruiting child soldiers. The newest UNICEF report on children in Yemen (http://www.unicef.org/infobycountry/files/CHILD_ALERT_YEMEN-UNICEF_AUG_2015_ENG_FINAL(1).pdf) again was taken as occasion to repeat this objection, AsmaAl-Ghabiri did so in Asharq Al-Awsat(http://english.aawsat.com/2016/08/article55356624/unicef-asharq-al-awsat-children-trained-use-heavy-weapons-yemen). The result just was flimsy propaganda. Why?

In it’s report, UNICEF also mentions recruiting and using child soldiers. Yes, that actually happens in Yemen, and it happens quite often. The UNICEF report deals with all violations of children in the Yemen war, recruiting child soldiers being just one of them. And all the violations are just let aside which in most cases are either due to Saudi coalition air raids, killing, injuring, destroying homes, destroying schools, killing parents and relatives, or are due to the Saudi blockade, preventing supply of food and medical equipment. And of course also is not mentioned that as far as recruiting child soldiers is concerned, BOTH sides in the conflict are doing that. Saudi puppet president Hadi had just posed with child soldiers as body guards. This is true, there are more child soldiers with the Houthis.

The claim by Asharq Al-Awsat the UNICEF report “affirmed the dangerous involvement of Houthi militias in crimes committed against Yemeni children, by mainly recruiting child soldiers and enrolling them in training camps to become a main target during the ongoing war” just is wrong – by UNICEF, no side is specially blamed for recruiting child soldiers. In the whole UNICEF report, there is not a single match for “Houthi”.

The report just says that: “Children are also being recruited and used by armed forces and groups across the country”. That sounds quite different. – And there is the objection the Houthis “enrolling them in training camps to become a main target during the ongoing war”. Well, “training camps” do not have a single match in the UNICEF report, neither have “training” nor just “train” alone. This is just an invention by the Saudi author!

Asharq Al-Awsat further claims that the Houthi child soldiers “were turned into humanitarian shields behind which rebel forces are hiding”. Well, “human shields” has no matches at all in the UNICEF report, neither does “rebels”. All that is just an invention by Asharq Al-Awsat. And: “The dire humanitarian conditions in Yemen were further deteriorating due to the activities of Yemeni rebels.”: The UNICEF report tells absolutely nothing of that – the whole article is just Saudis well-known propaganda, now trying to pretend this would be part of an international report and by this trying to give more weight to the own flimsy propaganda.

Quite different to all that propaganda, the UNICEF report in length stresses all the children rights violations which for the most part are the fault of the Saudi air raids and blockade of Northern Yemen: Children being killed (bombing), suffering from malnutrition (blockade, bombing of transport), missing even basic healthcare (bombing of hospitals, blockade of imports of medical needs), children losing their homes and made refugees (bombing), children missing education (schools bombed).

Well, it is obvious why in the moment the Saudis stress the subject of child soldiers, as they already did the last time before this UNICEF report was published. They are repeating this objection of recruiting child soldiers against the Houthis again and again, pretending as if this would be the heaviest and almost the only violation of children rights happening in Yemen. Thus, they try to divert attention from their own and much heavier violations of children’s rights.

And now, the Saudis have been blamed for having bombed a Koran school, having killed 10 children. And Saudi propaganda wanted to tell us that this would have been no school at all but a Houthi training camp for children soldiers, thus a military target. And thus they would have targeted it for right, and the Houthis even should be blamed for these victims, as they had risked the children’s lives to become a target. Thus, because of that, in this Asharq Al-Awsat article there is the reference to a “training camp”. All of that is the most primitive propaganda – by means of a very flimsy distraction.

And there still something more has to be added. Many of these child soldiers just do this “job” because they do not have any alternative: Their schools have been destroyed (by whom??); factories, working paces, where they could go to find their first job, have been destroyed (by whom??); their fathers have lost their working places, because they had been destroyed (by whom??), or, in other cases the breadwinner of the family had lost his job because the whole economic infrastructure had been severely damaged (by whom??).

Within such circumstances these kids have become the only breadwinner for their family with no other jobs for them than getting soldiers . Who also is to blame for this – because of having destroyed everything??? The blame simply is falling back to the Saudis themselves – at least for a great part.

19:28 21.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dietrich Klose

Vielfältig interessiert am aktuellen Geschehen, zur Zeit besonders: Ukraine, Russland, Jemen, Rolle der USA, Neoliberalismus, Ausbeutung der 3. Welt
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Dietrich Klose

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