Schwarzhemden und die Union aller Slawen

RECHTSRADIKALE SUBKULTUR IN RUSSLAND Profaschistische Vereine setzen darauf, dass es bald keine beständige Immunität gegen nazistische Ideen mehr gibt

Auf dem Mamajew-Hügel werden Bücher von Baptisten und jüdischen Theologen verbrannt. Dass sich auf der Anhöhe mitten in der Stadt Wolgograd, dem früheren Stalingrad, wo vor 58 Jahren die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges geschlagen wurde, ein solcher Nazi-Ritus wiederholt, scheint unfassbar. Neben der gewaltigen, Furcht wie Ehrfurcht erregenden Skulptur der Mutter Heimat, die mit gezogenem Schwert zum Kampf gegen die Feinde ruft, stehen heute - glatzköpfig und in schwarzen Hemden - junge Russen, denen die geistige Nähe zu jenen willkommen ist, die einst loszogen, ihre Großväter zu versklaven oder umzubringen. "Mein Vater sagt, ich sei ein Faschist", schreit der Führer der Wolgograder Skinheads - er nennt sich Nicks, obwohl er in der russisch-orthodoxen Kirche auf den Namen Witalij getauft wurde - in die Fernsehkameras. "Na, wenn schon - wir sind Faschisten, weil wir uns für die Einheit des russischen Volkes einsetzen. Deutsche und Russen sind Brudervölker, der Krieg zwischen ihnen war ein Missverständnis. Hitler brachte schließlich das Hakenkreuz nach Russland. Er wollte uns retten." - Seine Großmutter, erzählt "Nicks", sei Kriegsteilnehmerin gewesen. Sie störten seine Auffassungen nicht, weil er ein "ordentlicher Junge" sei und sich mit den Kameraden um die Soldatengräber aus dem Großen Vaterländischen Krieg kümmere.

Es gibt heute in Russland über 40 offiziell eingetragene, rechtsradikale Organisationen und Vereine, die sich mehrheitlich als "nationale Patrioten" definieren. Ihre Statuten und ideologischen Traktate weisen kaum signifikante Unterschiede auf. In der Regel hofieren sie eine Allianz slawischer Völker, fordern eine Staatsordnung, die nationale Minderheiten in die Schranken weist, und spielen ansonsten auf der Klaviatur der autoritär-nationalistischen Versuchung.

Entstanden ist die Szene Mitte der achtziger Jahre aus der berüchtigten Vereinigung Pamjat, die sich schon damals einer militant antizionistischen Propaganda verschrieben hatte und alle Unbilden der Russen auf "Verschwörungen von Juden und Freimaurern" zurückführte. Pamjat gehörten irgendwann einmal nahezu alle heute bekannten "Nationalpatrioten" an, die erst nach dem Abgang der Sowjetunion eigene Strukturen implementierten. Das spektakulärste Aufgebot, das seine Sternstunde 1993 feiern konnte, heißt bis heute Russische Nationale Einheit (RNE). Nachdem sich ihre Matadore im Herbst 1993 während des - im entscheidenden Stadium bewaffneten - Konfliktes zwischen Präsident Jelzin und den Volksdeputierten auf deren Seite schlugen und das Parlamentsgebäude in Moskau nach allen Regeln der Kriegskunst verteidigten, wuchs ihr Ansehen rasant. In der mehr als 10.000 Mitglieder zählenden Bewegung sammeln sich inzwischen viele ehemalige Militärs. Im Unterschied zu RNE schert sich die russische Skinhead-Szene ostentativ wenig um Ideologien oder einen offiziellen Status. Für die "Glatzen" mit ihrem Einzelkämpfer-Mythos firmiert die martialische Rhetorik von RNE unter "leeres Geschwätz". RNE revanchiert sich mit dem Vorwurf, die Skins diskreditierten die "nationale Idee", provozierten unnötig die Polizei und vereitelten so eine "politische Anerkennung der wahren patriotischen Kräfte".

Zweifellos wäre es überzogen, derzeit in Russland eine "braune Gefahr" ausmachen zu wollen. Die klar profaschistisch gestimmten Strukturen markieren (noch) die absolute Peripherie der politischen Landschaft. Selbst als sich einige etablierte Parteien vor den Dumawahlen im Dezember 1999 im Ruf nach der "starken Hand" gefielen, verhalf das den Ultrarechten nicht zu wachsender Popularität. Nach seriösen soziologischen Erhebungen folgt ihnen bestenfalls ein Prozent der Wählerschaft. Die kolportierten abstrusen Verschwörungstheorien xenophoben und oft rabiat antisemitischen Inhalts sind deshalb nicht weniger beunruhigend, auch wenn sie nur einer kleinen, willfährigen Anhängerschaft das Bewusstsein knebeln.

Die Behörden begegnen diesem militanten Rassismus bislang eher abwartend. Es sei sehr schwierig, heißt es immer wieder, dagegen mit rechtlichen Mitteln anzugehen. Aussagen, die erkennbar zum Rassenhass anstachelten, erschienen nicht selten "doppeldeutig" - außerdem würden in der juristischen und kriminalistischen Praxis die Präzedenzfälle fehlen, an die man sich halten könne. Bisher haben nur Moskaus Stadtverordnete einen Erlass verabschiedet, der die Miliz autorisiert, "administrative Maßnahmen gegen den Gebrauch nazistischer Symbole" zu ergreifen. Innerhalb der Russischen Föderation gibt es keine rechtlich verbindliche Definition des Begriffs "Faschismus", was Staatsanwaltschaften und Gerichte geradezu lähmt. Der vor einem Jahr in der Duma eingebrachte Gesetzentwurf über die Eindämmung des politischen Extremismus wurde in die Ausschüsse verwiesen und liegt erst seit einem Monat dem Parlament wieder vor.

Laut Umfragen sind die meisten Russen nach wie vor der Auffassung, da ihr Land am furchtbarsten unter dem vom deutschen Faschismus geführten Krieg gelitten hätte, gäbe es keine wirklich reale Basis für nationalsozialistische Ideen. Die Wirklichkeit bezeugt anderes. Eine ganze Generation - die heute 20- bis 30jährigen - ist mit einer aufblühenden und staatlicherseits stets bagatellisierten Gewalt aufgewachsen. Gewalt erscheint für sie nicht grundsätzlich unannehmbar. Darauf setzen rechtsradikale Wortführer, die längst davon überzeugt sind, das es in der russischen Gesellschaft keine verlässliche Immunität gegen eine faschistische Weltanschauung mehr gibt. Als Hitlers Armeen über die Sowjetunion herfielen, wurden sie vor allem als Eroberer und Versklaver gesehen, die man schon aus Gründen der Selbsterhaltung bezwingen musste. Die geistige Auseinandersetzung mit der nazistischen Ideologie als solcher fand nach 1945 nie tiefgründig und umfassend statt, was sich nun - unter radikal veränderten sozialen Bedingung - bitter rächt.

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