Film „Late Night With the Devil“: Quotengier zur Geisterstunde

Thrill „Late Night With the Devil“ bietet lustvoll arrangierten, gewitzten Found-Footage-Horror über Erfolgssucht
Ausgabe 22/2024
Der Schauspieler Rhys Auteri als Moderator in „Late Night With the Devil“
Der Schauspieler Rhys Auteri als Moderator in „Late Night With the Devil“

Foto: Capelight Film

Ein nostalgischer Blick eröffnet Late Night With the Devil: Auf einem TV-Gerät, das noch die Bezeichnung Flimmerkasten verdient, wird eine offenbar jahrzehntealte, von einem reißerisch intonierten Voiceover begleitete Doku abgespielt, die uns im Bilderrausch (Richard Nixon, Vietnamkrieg, Charles Manson) ans Jahr 1971 und an den Beginn der TV-Karriere von Jack Delroy (David Dastmalchian) heranführt.

Seine Sendung Night Owls, ein abendfüllendes Talk-Format mit illustren Gästen, konkurrierte mit der Tonight Show, moderiert von Johnny Carson, konnte quotentechnisch aber nicht mithalten. Verbindungen zu einem okkulten Elite-Netzwerk werden Delroy in der Doku nachgesagt, bevor sie sich einem herben Schicksalsschlag widmet: 1976 erkrankt seine Ehefrau Madeleine (Georgina Haig) an Lungenkrebs und verstirbt. Die Quoten von Night Owls straucheln, bis zum schicksalsträchtigen Halloween-Abend 1977 – die nachfolgend gezeigte Aufzeichnung und eingestreute Backstage-Aufnahmen sollen wiedergeben, was sich in dieser letzten Sendung zutrug.

Das Found-Footage-Narrativ (ein Film gibt vor, mit angeblich gefundenen Originalaufnahmen zu arbeiten), das die australischen Brüder Colin und Cameron Cairnes für ihr Drehbuch- und Regiewerk bemühen, ist im Horrorgenre gewiss keine Novität, aber in der retrophilen Ausprägung in Late Night With the Devil doch bemerkenswert: Nach der pseudodokumentarischen Einführung gleitet der Film ins 4:3-Fernsehformat und direkt in die ominöse letzte Night-Owls-Sendung. Ein in braun-gelb-orange Töne getauchtes Studio mit Live-Band und einem für Halloween kostümierten Publikum bildet das Setting. Mit eleganter Mühelosigkeit fügt sich Moderator Delroy hier ein, nachdem sein Sidekick Gus (Rhys Auteri) ihn und eine mit unheimlichen Phänomenen befasste Sendung angekündigt hat. Demütig bedankt sich Delroy für die Unterstützung des Publikums nach dem Verlust seiner Ehefrau. Fast könnte einem entgehen, wie geschäftstüchtig er zu einem Verweis auf die sogenannte „Sweeps Week“ überleitet, die jährlich wichtigste Messungsperiode für TV-Quoten.

Was hinter der einfühlsamen Fassade lauert, hat das Intro vorab schon angedeutet: Jack Delroy ist erfolgsversessen, hat einst seine Ehefrau in von der Chemotherapie schon deutlich gezeichnetem Zustand für einen rührseligen (und quotenträchtigen) Auftritt in die Sendung gezerrt und diese mitunter auch mit sonderbaren Gästen sensationalistisch aufgeladen, um mit Johnny Carson mithalten zu können. Mit Feinsinn widmet sich Schauspieler David Dastmalchian der Inkongruenz zwischen öffentlicher Persona und verborgenem Ich seiner Figur, die sich im düsteren Verlauf des Abends offenbart. Dabei zieht er keine scharfen Trennlinien, vielmehr scheint Jack imstande, Teile seiner Persönlichkeit vor sich selbst zu verbergen.

Eine Fähigkeit, die in dieser Nacht auf unerwartete Weise herausgefordert wird: Christou (Fayssal Bazzi), nach eigener Auskunft ein Medium in Kontakt mit dem Jenseits, ist der erste Gast, und nach einer Demonstration allzu durchsichtiger Scharlatanerie passiert auf der Bühne Grauenerregendes mit ihm, während zugleich die Beleuchtung Aussetzer hat. Nichts davon will Berufsskeptiker Carmichael Haig (wunderbar theatralisch: Ian Bliss), der zweite Gast, als tatsächlich unerklärlich durchgehen lassen, auch als Christou vor seinen Augen zusammenbricht. Doch den Höhepunkt der vor aller Augen schleichend außer Kontrolle geratenden Sendung bildet dann der Auftritt von „Parapsychologin“ June Ross-Mitchell (Laura Gordon), die das Subjekt ihres Sachbuchs mitgebracht hat: die 13-jährige Lilly (Ingrid Torelli), Überlebende des Massensuizids eines satanischen Kults und offenbar von einem unterschätzten Dämon besessen.

Was sich aus dieser verantwortungslosen Versuchsanordnung der Showmacher entfaltet, strotzt vor spannungsreichen und komischen Momenten. Die Horror-Entladung erfolgt in einer Mischung aus mal mehr, mal weniger passgenauen visuellen Effekten. Unebenheiten wie diese verdeutlichen, dass es sich bei Late Night With the Devil um eine ungeschliffene Indie-Produktion handelt. Über diese kann man ob der originellen Erzählung über Quotengier, die an Sidney Lumets düstere Mediensatire Network (1976) erinnert und zugleich lustvoll die Ästhetik von Okkult-Horror aus den 1970ern (Der Exorzist, Carrie, Rosemaries Baby) heraufbeschwört, hinwegsehen. Außer man verstrickt sich allzu sehr in die Diskussionen um die Verwendung dreier KI-generierter Bildmotive im Film – der Teufel steckt wohl wirklich im Detail …

Eingebetteter Medieninhalt

Late Night With the Devil Colin Cairnes, Cameron Cairnes Australien/USA 2023, 93 Minuten

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