Was hat Guttenberg denn falscher gemacht?

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http://www.schulbilder.org/diogenes-und-alexander-t10454.jpg„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Mit Theodor Adornos Formel lässt sich sowohl Guttenbergs richtiges als auch das nachvollziehbare Verhalten seiner Kritiker und Rezensenten erklären. Die kapitalistische Demokratie stampft als inzwischen inversives Gebilde durch die Gesellschaftslandschaft. Fast alles hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Guttenberg selbst ist lediglich das Ergebnis eines Pseudo68er Mainstreams, der in den Nachrevolutionsjahren zur Elite anschwoll. Beklagt man Guttenberg, so steht der Taxifahrer Fischer nicht weit vom Stamm. Auch er ist einer, geradezu derjenige überhaupt, der mit seiner Tellerwäscherkarriere noch jede Mitvierzigerin in den 1990ern zu Tränen rührte. Nun ist sie eine Schwiegermutter und der Zögling Theodor aus dem finanziellen Hochadel beeindruckt mit viel Geld, nur an der wissenschaftlichen Einstellung hapert es. Die Krähe hackt der Krähe zumindest ein Auge aus. So, wie kleine Jungs gern Pilot werden wollen und unsere Eltern uns schon früh als Fast Track Kids aufbereitet haben, ist es nur zu verständliche Norm, sich heutzutage jeden Wunsch zu erfüllen. Und Verteidigungsminister, na das ist doch was. Wer will nicht gern im Geld schwimmen, ein Herrscher sein und dazu noch wissenschaftliche Anerkennung kassieren. Die Klatschspalten aller Zeitungen berichten davon, wie gesundheitsfördernd und sozialpsychologisch beruhigend es ist, reich zu sein, Anerkennung zu genießen und den leisesten Widerspruch mit einer Entlassung zu belohnen. In den Kreisen der Guttenbergkritiker ist das nicht anders. Man ist Professor oder auf dem besten Wege zu einer lebenslangen Verbeamtung mit hohem Gehalt und freut sich darauf, dass Jüngere sich widerspruchslos lehren lassen, was man selbst nicht so genau weiß. Guttenberg lebt vor, was hier Gesetz ist. Er konnte, auch wenn es anders behauptet wird, nicht damit rechnen, dass irgendwann in seiner Amts- und Lebenszeit einer sich trauen würde, die Probe aufs Exempel zu machen und nachher das Exempel auch noch statuiert. Das für eine Verteidigungsrede zu halten oder es dahin umzumünzen, wäre falsch und obendrein eine saftige Selbstverleugnung. Guttenberg zu verurteilen ist so, als würde man Brad Pitt dafür in Haftung nehmen, sich in Fightclub selbst verprügelt zu haben. Guttenberg hat von allen seinen parlamentarischen Kollegen die überzeugendste Rolle gewählt und gespielt. In kurzen knappen und schmerzlosen Zügen hat er die politische, die wissenschaftliche und die Finanzwelt parodiert. Die Frage nach der ‚richtigen Zitierweise‘ ist insofern Kleingeld, als sie in jeder der Haus- und Doktorarbeiten nach jeweiligen Hausstandards gehandhabt wird. Das ist bekannt und nicht nur die ‚Hochburgen‘ zimmern ich nach Gutdünken ihren eignen Stiel zusammen. Es wird gekupfert, was das Zeug hergibt. Politiker, Wirtschaftler, Journalisten, ja selbst jede kleine Klempnerfirma – sie alle interessiert es keinen Pfifferling, wer was wann wozu gesagt hat, solange es effizient zum ‚Richtigen‘ führt. Das Trauma der westlichen Urheberrechte bricht bloß aus. Die Affäre Guttenberg ist ein Witz. Man sollte sich besser fragen, warum sie plötzlich entstanden ist und die eigenwillige Tatsache nicht hinter Glas versteckt bleiben sollte.

18:49 25.02.2011
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Geschrieben von

DOKTOR

So langsam, wie diese Seite kann man gar nicht mehr sein.
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