Bildung im digitalen Zeitalter. Eine Dystopie

Essay Eine Gedichtinterpretation in vier Sprachen, aber keine Ahnung von Steuern, Miete und dem Internet? Was bedeutet Bildung in einem digitalen Zeitalter wirklich?
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Bildung im digitalen Zeitalter. Eine Dystopie
Die neue Generation lebt zwischen Likes, Selfies und Google

Foto: Joe Readle/ Getty Images

„Was bildet ihr uns ein?“1 fragt ein sogenannter „Bildungsblog der jungen Generation“. Einbildung ist auch eine Bildung hat Oma früher immer gesagt. Doch was bedeutet Bildung in einem digitalen Zeitalter? So greifbar, wie der Begriff Bildung im ersten Moment scheint, ist er nicht. Im Spanischen unterscheidet man zwischen educación und formación. Wie hebt sich die deutsche Bildung von der englischen education oder der französischen culture ab? Die Autorin und Journalistin Kathrin Passig ist sich sicher, dass Bibliotheken im physischen, analogen Sinne schon bald keine Rolle mehr spielen werden. Versuchen wir eine Annäherung an Bildungsbegriffe der Jetztzeit.

Dass Bildung nicht nur das reine Anhäufen von Wissen ist, wusste Alexander von Humboldt schon bevor wir nahezu sämtliche Informationen innerhalb weniger Sekunden über Suchmaschinen finden können. Warum nennt sich 'Google' eigentlich Such- und nicht Findmaschine? Weil es nicht ums Finden geht. Wir bekommen eine Information vorgesetzt, anstatt sie zu erfahren. Wir können sie, ebenso schnell wie wir ENTER drücken können, wieder aus dem Gedächtnis löschen und am nächsten Tag kurzerhand erneut suchen; ganz ohne Kosten und Aufwand. Der Informationskonzern 'Google' kann gar nicht wollen, dass seine Nutzerinnen nachhaltig fündig werden. Wir sollen schließlich weitersuchen, weiterklicken, weiterhin vergessen. Und wir begeben uns hörig auf die Suche: Nach Zahlen, Daten Fakten. Nach Promis, Pornos und der nächsten Pizzabude. Ebenso schnell kann man sich erklicken, dass „...das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt“2 laut Humboldt „[e]in Zeichen der Bildung“sei. Diese drei Verhältnisse geben dem Folgenden seine Struktur.

Beim Verhältnis zum Selbst bieten sich zwei Möglichkeiten der Bildung: Sich selbst kennenzulernen ist die erste. Die zweite besteht darin, sich selbst fremd zu werden. Auch wenn die beiden Bausteine sich auf den ersten Blick widersprechen und unvereinbar scheinen, sind beide unabdingbar, wenn man sich tatsächlich bilden will. Auch sind es keine zwei verschiedenen Formen oder Techniken von Bildung, die unabhängig voneinander bestehen können.

Begeistert leite ich meinem Vater den Link zu einem Artikel3 einer sozialistischen Tageszeitung weiter. Sein Autor versucht, mittels Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ die Angst der westeuropäischen Medien vor dem Islam zu erklären. Es ist lange her, dass ich einen Text zum aktuellen Islamophobie-Komplex geradezu verschlungen habe, der länger als das Timeline-Teaserformat ist. Nach fast einer Woche mailt mir mein Vater wortkarg: „Habe mich am Wochenende durch den Artikel gequält. Etwas zu viel Elfenbeinturm, finde ich.“ Entfremdung überkommt mich. Unser einziges gemeinsames Interesse – ich habe es von ihm geerbt – ist jetzt wohl der VfB Stuttgart!

Doch hier hört Entfremdung noch lange nicht auf: Wer hat sich unter Menschen noch nie einsam gefühlt? Sobald man in einer Gruppe agiert, sprechen und handeln wir anders als wir es alleine tun würden. Der beste Beweis dafür sind Parteien, religiöse Fanatiker und Mutproben im Stil der Vorstadtkrokodile. Selbstentfremdung für Fortgeschrittene: Erasmus, Freiwilligendienst, Auslandssemester. Ein Großteil der westeuropäischen Bildungs-Twens verbringt alle paar Jahre mehrere Monate ins Ausland, wo sie die Welt erotisch, ekstatisch und nicht zuletzt auch akademisch erobern wollen. Dabei werden sie für kurze Zeit in völlig fremde Lehrsysteme geworfen, wo sie kaum etwas der Diskurse auf Norwegisch oder Polnisch verstehen. Aus Langeweile oder Überforderung flüchten sie auf die obligatorischen neonfarbenen Massenpartys, die mit teurem Import-Bier und mehrsprachigen Flirt- und Trinkspielen versuchen, eine weltoffene Atmosphäre aufkommen zu lassen. Auch wenn die Austauschstudentin dann nicht allein nach Hause geht, bleibt sie in der Regel einsam und freut sich umso mehr, tolle Fotos von der Beachparty versenden und Sprachnachrichten ihrer Clique aus Marburg empfangen zu können. Wer zurückkommt, findet sich weder in der Fremde, noch Zuhause gänzlich zurecht, hat sich seiner Wurzeln entrissen und wird sich selbst fremd. Gut möglich, dass diese Erfahrungen ein Bestandteil von Bildung sind. Jedoch höchstens ein kleiner.

Ist ein fotografisches Gedächtnis Voraussetzung für Gebildetsein? Ist Bildung die Disziplin der Fleißigen? Ist es Bildung, ein Ziel vor Augen zu haben, in allem was man tut? Ist man gebildet, wenn man auch mal unvernünftig ist und bewusst die objektiv sinnvollen Grenzen überschreitet? Ist es Bildung, sich selbst einschätzen zu können, sich selbst voraussehen und somit beherrschen zu können? Ist es möglich, sich selbst kennenzulernen? Jeder zweite Yoga- oder Kampfsportkurs verspricht seinen Kundinnen höhere, neue, nie gekannte Selbsterkenntnis. Spätestens seit wir die Wahl zwischen Beatles und Beach Boys, zwischen Star Wars und Star Trek haben, wird uns gesagt dass wir uns selbst kennen lernen und uns selbst nahe sein müssen. Auch wenn wir es uns nicht eingestehen, sehen wir uns gegenseitig strampelnd in der Sehnsucht nach Einzigartigkeit untergehen. Dann teilen wir noch schnell ein Foto oder einen Clip, der beweist, dass wir mit unserer neuen Wohnung, Beziehung, Arbeit jetzt noch ein bisschen glücklicher sind. So einfach, wie Yogakurse und heftig.co-Posts es darstellen, ist es allerdings auch in Zeiten des Individualismus nicht, sich selbst kennenzulernen. Vermutlich ist es nicht nur unmöglich, sondern auch nicht besonders erstrebenswert, zum Kern seines eigenen Wesens vorzudringen. Nicht umsonst heißt es in Statusmeldungen von Teenagern oft: Freunde sind diejenigen, die dich kennen und trotzdem mögen.

Das Verhältnis zu Anderen scheint von diesen dreien unserer reflektiertestes zu sein, wenn man auf die Timelines der sozialen Netzwerke schaut. Menschen und ihre Beziehungen zueinander sind das Material der Geschichten, die uns bewegen: Adam liebt Eva, Julia liebt Romeo, Angelina Jolie liebt arme Kinder und mein Ex hat mit meiner besten Freundin geschlafen. Und was macht ein tatsächlich reflektiertes Verhältnis zum Anderen aus? Vor Kurzem erzählt mir ein Freund, dass er für seine Kälte kritisiert wurde: Er könne Menschen nicht wertschätzen; es sei verletzend, dass er nie Anerkennung zeige. Ähnlich erging es ihm nach einem kurzen Monolog an einer Schauspielschule: Er erwecke den Eindruck, sich selbst zu langweilen und müsse sich zu öffnen, damit man mit ihm arbeiten könne, so der Professor. Niemand kommt auf die Idee, dass jemand seine Gefühle für sich behält, weil er ein reflektiertes Verhältnis zu sich und seinen Mitmenschen hat, weil sein Misstrauen zu gut begründet ist. Viel zu nahe liegt die Vermutung, dass die Generation Y, eingehüllt in ein Netz aus hunderten Likes und gefilterten Selfies, weder sich selbst, noch den realen, den haptisch und emotional erfahrbaren Mitmenschen wahrnimmt. Sensibilität scheint ausgeschlossen.

In Dave Eggers Dystopie „The Circle“4 versucht das gleichnamige Internetunternehmen, alle Menschen miteinander zu vernetzen, um die menschliche Gemeinschaft klüger, sicherer und schöner zu machen. Der Preis, den jedes Individuum dafür zahlen muss, ist hoch: Totale (Selbst-)Überwachung und soziale Kontrolle bis hin zur Gefährdung der Demokratie durch einen global und allseitig agierenden Monopolisten. Er wird von der euphorisch (mit-)teilenden Masse klag- und fraglos hingenommen.

Seit ich angefangen habe, diesen Text zu schreiben, habe ich mehr als ein Dutzend Mal die zahlreich eingehenden Nachrichten auf meinem Telefon kontrolliert. Passiert ist nichts. Ist es Bildung, seine Sinne zu zerstreuen? Immer und überall Informationen aufnehmen zu können (zu müssen) und die relevanten Signale aus dem Strom herauszufiltern? Oder haben unsere Dozentinnen eigentlich recht, wenn sie wieder einmal sagen, dass wir unsere Bachelorarbeit innerhalb einer Woche schreiben könnten, wenn wir nur konzentriert arbeiten würden?

Was auch immer das digitale Zeitalter ausmacht, wann immer es begonnen hat: Es beeinflusst den Bildungsbegriff nur marginal. Selbstverständlich verändert die globale Vernetzung unsere Art zu kommunizieren und unser Verhältnis zu Wissen und Charakter. Doch dies ist nicht mehr als eine völlig neue Infrastruktur. Viel relevanter für sich bildende Menschen ist, und ebendies zeigt die Internet-Revolution, noch immer der individuelle Drang, Wissen und Charakterstärke zu erlangen einerseits und andererseits die Gelassenheit5, sich nicht vom persönlichen Ungenügen und Nichtwissen unterkriegen zu lassen. Dass uns soziale Netzwerke, mobile Applikationen und narzisstische Selbstüberwachung dabei helfen können, ist klar – sofern wir diese Tools richtig einsetzen, was nach Dave Eggers erschreckend realistischer Dystopie nicht besonders wahrscheinlich ist.

1Zuletzt aufgerufen am 14.10.2014. S. http://wasbildetihrunsein.de/

2Vgl. Dietrich Benner: „Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie: eine problemgeschichtliche Studie zum Begründungszusammenhang neuzeitlicher Bildungsreform.“, Juventa Weinheim 2003

3Vgl. Raul Zelik: „Wir leben in einer durchgeknallten Welt.“ Zuletzt aufgerufen am 13.10.2014.

S. http://www.neues-deutschland.de/artikel/945788.wir-leben-in-einer-durchgeknallten-welt.html?

4 Vgl. Dave Eggers: „The Circle“, 2013, McSweeney's: ISBN 978-0-385-35139-3

5s. Meister Eckhart-Brief 2005, d. Thüringer Kultusministeriums: „Erlernen von Gelassenheit“

Zunächst erschienen bei http://www.doktorpeng.de
17:11 17.01.2015
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Geschrieben von

Doktor Albahaca

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