Protestform oder Körperkult?

Nacktheit Jede dritte Frau wird sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Um das zu ändern, ziehen Femen-Aktivistinnen blank. Die entblößte Brust als Widerstand gegen das Patriarchat?
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Protestform oder Körperkult?
Weiß, was Aufmerksamkeit erregt: Miley Cyrus

Christopher Polk/Getty Images

Nacktheit ist überall. Eine entblößte Männerbrust fällt schon lange nicht mehr als außergewöhnlich oder erotisch auf und spätestens durch die Nacktszene des Skandalfilms „Die Sünderin“ (mit Hildegard Knef, 1951) wurde das christlich-konservative Adenauer-Deutschland langsam aber sicher (wieder!) an nackte Frauenkörper in den Medien gewöhnt. Bei der Onlinespielerei “Fashion or Porn” werden Bildausschnitte gezeigt, die man einer der beiden Branchen zuordnen muss. Es ist ein ganz schön kniffliges Unterfangen, die lasziv geschminkten Lippen (waagerecht) und kindlich glattrasierten Lippen (senkrecht) richtig einzuschätzen. Das überrascht allerdings nur noch diejenigen, die auch an einen Zusammenhang von Sehkraft und Onanie glauben.

Miley Cyrus kämpft um Aufmerksamkeit

In Spielfilmen, in Musikvideos, selbst aus dem traditionell etwas prüderen Medium Fernsehen sind teilweise und vollständig nackte Körper heute nicht mehr wegzudenken. Zugegeben, der Penis kommt im Vergleich zur Vulva deutlich zu kurz, also seltener ins Bild. Dass dies vor allem an männlich dominierten Produktionsbedingungen und nicht an der weniger ansprechenden Ästhetik des Penis an sich liegt, ist kaum zu bezweifeln. Wer noch mehr sehen will, kann sich im Internet gratis durch eine unvorstellbar große und vielfältige Pornolandschaft klicken. Dass nackte Haut wie ein Magnet Blicke auf sich zieht, hat auch Miley Cyrus (22), die den Kinderschuhen, also der Figur Hannah Montana noch nicht lange entwachsen ist, längst verstanden. Sie kämpft mit Polaroidfotos ihres unverhüllten Körpers geradezu verzweifelt um Aufmerksamkeit: “Mir gefällt es, dass ich mit Sexualität in Verbindung gebracht werde, […]”. Dieses Vergnügen nennt sie kurzerhand Protestkampagne, weil Instagram eines ihrer freizügigen Bilder gelöscht hat. Auch die australische Bloggerin Emma ist Teil der „Free the nipples“-Bewegung und lädt ihre Leserinnen auf dem Blog „our breasts“ ein, ihre Brüste so zu lieben und zu zeigen, wie sie sind.

Auch abseits der Medien wurde in Deutschland mit der eigenen Nacktheit selten so nonchalant umgegangen wie heute. Noch in den Neunziger Jahren haben Eltern versucht, ihren Töchtern bauchfreie Tops zu verbieten. Diese können das heute nur noch belächeln. Vor allem in Anbetracht der heutigen Mode, unten rum ausschließlich feinfaserige Leggings zu tragen, wobei Hintern und Vulva mehr als nur angedeutet werden. In der Uni, in Clubs, am Arbeitsplatz zeigen junge Menschen so viel Haut, wie man es früher höchstens auf Sylt gutgeheißen hätte. Denn in den frühen Sechziger Jahren, als es für Westdeutsche bezahlbar und üblich wurde, in den Urlaub zu fahren, war die Insel Sylt der einzige Ort in der BRD, wo es Freikörperkulturstrände gab.

Die prüden Reaktionen auf die neue Freizügigkeit bleiben natürlich nicht aus. So verstoßen Fotos nackter Frauenoberkörper in den gängigen sozialen Netzwerken noch immer gegen die Nutzungsbedingungen. Doch auch online gibt es immer einen Weg für Nacktheit. Die App Snapchat beispielsweise lädt geradezu dazu ein, Bilder zu verschicken, für die man sich später schämen könnte. Die Empfänger*innen können sie nur wenige Sekunden betrachten.

Wir aber wollen unsere Körper zeigen

Auch wenn die Anzahl und Frequentierung von FKK-Bereichen seit der Wiedervereinigung nachlässt, ist klar, dass wir uns unser Nacktsein nicht mehr nehmen lassen. Ganz im Gegenteil: Wir wollen nackt sein, wir wollen unsere Körper zeigen. Allerdings nicht am offiziell ausgeschriebenen FKK-Strand. Diese wurden von den Nudist*innen schließlich als absolut blick- und erotikfreie Orte konzipiert. Ein öffentlicher Garten Eden der Unbeschwertheit, der Unschuld und der Gleichheit. Damit ist es heute nicht mehr so weit her. Dennoch bevorzugt die jüngere Generation, die nicht selten als “oversexed, but underfucked” belächelt wird, digitale Plattformen, die Sexappeal nicht nur zulassen, sondern beinahe danach verlangen: Im scheinbar Privaten (WhatsApp, Tinder, Snapchat, etc.) werden massenweise Nacktfotos, Penisbilder und Aftersex-Selfies versandt. Hier ist die Schamgrenze besonders niedrig. Natürlich ist es leichter, auf Senden zu klicken, als sich tatsächlich vor anderen Menschen auszuziehen und der Gefahr einer direkten Reaktion auszusetzen. Dumm nur, dass diese Bilder oft – ob direkt oder indirekt – auch diejenigen zu Gesicht bekommen, denen man sich nicht unbedingt nackt zeigen will: Eltern, Kolleg*innen, Fremde.

Aber was ist das für eine Gesellschaft, in der wir das Licht ausmachen, um miteinander zu schlafen, obwohl wir den Körper der oder des Anderen längst in vielfachen Posen auf unserem Handybildschirm gesehen haben? Fällt das tatsächliche Nacktsein im Privaten so schwer, obwohl fremde, vermeintlich perfekte Nacktheit so präsent ist – oder gerade deshalb? Problematisch ist sicher, dass weder in expliziten, popkulturellen Artefakten (z.B. Verfilmung „Feuchtgebiete“), noch in der vorwiegend sexistischen Werbung (z.B. Astra, Junge Union, H&M, etc.) Frauen außerhalb eines sehr engen Schönheitsideals gezeigt werden. Was ist mit Trans*menschen? Wo sind die übergewichtigen H&M-Kundinnen? Warum wird selbst die Frau auf den Plakaten für das brave Hustenbonbon Pulmoll objektifiziert und sexualisiert?

Terre des Femmes, eine deutsche Frauenrechtsorganisation verleiht seit 2014 den „Wütenden Kaktus“, um diese Art von Werbung abzustrafen. Doch so ein Negativpreis bringt statt der gewünschten Aufmerksamkeit für sexistische Strukturen häufig eher Häme. So beispielsweise von Moderator Jan Böhmermann, der sich in seinem, mit dem „Goldenen Medienpimmel 2014“ ausgezeichneten, Neo Magazin über selbigen lustig macht. Mit welchen Protestformen kann man der Reduzierung auf Sexualität des nackten (weiblichen) Körpers wirklich Einhalt gebieten?

"Die Ukraine ist kein Bordell"

Seit 2008 antworten Femen-Aktivistinnen weltweit mit nackten Brüsten. Worauf? Das wird oft nicht ganz klar, wahlweise auf Putin, die katholische Kirche, Sextourismus oder einfach: das Patriarchat. Die Organisation, die in Kiew gegründet wurde, überrascht bei medial beachteten Großveranstaltungen mit unangekündigten Nacktprotesten. „Es geht nicht um die Nacktheit an sich, sondern darum, dass eine nackte Frau auch stark ist“, sagt die Femen-Aktivistin Theresa auf einer Podiumsdiskussion in Leipzig. Anstatt zu fordern, Frauen nicht auf ihren Körper zu reduzieren und diesen nackt darzustellen, gehen sie in die Offensive und wollen den Frauenkörper „restrukturieren und entsexualisieren“, indem sie ihre nackten Brüsten mit griffigen Parolen beschriften.

Die Ukraine ist kein Bordell“ war in der Anfangszeit der Leitsatz der damals noch recht kreativen Protestbewegung gegen Prostitution. Als sich die Errungenschaften der Orangen Revolution 2013 am Maidanplatz in Gewalt und Luft auflösten, verpasste es Femen allerdings, sich die Proteste aus der Bevölkerung anzueignen und sich an die Spitze einer ukrainischen Bürger*innenbewegung zu stellen. Femen ist nur eine unter vielen, doch mit Abstand die bekannteste feministische Gruppierung der Ukraine. Dennoch gelingt es den Aktivistinnen bisher nicht, in ihrem Büro, das nur wenige hundert Meter vom Maidanplatz entfernt liegt, langfristige Kooperationen, inhaltliche Forderungen oder institutionelle Struktur zu erarbeiten. Die eigene Unerfahrenheit gilt schon lange nicht mehr als Argument gegen den Vorwurf, orientierungs- und ziellosen Nippel-Aktivismus zu betreiben.

Trotz allem erzielen die lose organisierten Femen-Gruppen maximale mediale Aufmerksamkeit. Die Bilder ihrer kurzen Aktionen bei sportlichen oder politischen Großveranstaltungen oder beispielsweise während der Heiligabendmesse im Kölner Dom, werden in allen Massenmedien reproduziert. So groß die Reichweite der Bilder auch ist, so wenig Inhalt steckt dahinter. Begibt man sich auf die Suche nach Inhalten und Zielen von Femen, sucht man leider vergeblich. Diese Lücke wird stattdessen mit nationalistischer Symbolik gefüllt. Bei einer Aktion in Hamburg, im Sommer 2013 haben die selbsternannten „Soldatinnen“ Bordelle mit Konzentrationslagern verglichen und an eine Mauer vor der Herbertstraße, in der Sexarbeiterinnen arbeiten „Arbeit macht frei“ gesprüht. Diese Banalisierung des Holocausts ist im besten Falle unbedacht, im schlimmsten Falle dummer und gefährlicher Aktivismus. Der Vergleich wurde von den Verantwortlichen bei der genannten Podiumsdiskussion in Leipzig weder zurückgenommen, noch entschärft.

FKK haben glücklicherweise nicht die Nazis erfunden

Auffällig ist außerdem, dass auch bei Femen nur jene Frauen ihre Brüste zeigen (dürfen?), die den engen, westlichen Schönheitsidealen entsprechen. Ein Schelm, wer sich bei dieser doppelmoralischen Freizügigkeit der Schönen und Schlanken an den „Bund für Leibeszucht“ erinnert fühlt. In den musste eintreten, wer auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen noch der Freikörperkultur frönen wollte: „Wir haben es so weit gebracht, dass, obwohl unsere Frauen und Mädchen an den Ufern der Flüsse und Seen und an der Meeresküste wirklich kaum noch bekleidet sich an Sonne, Luft und Wasser erfreuen, die Gattung jener ewigen Ferkel ausgestorben ist, die an solchen Anblicken Anstoß nimmt, oder, was dasselbe ist, etwas anderes als reine Freude daran zu empfinden.”, so Hitler einst.

Doch die Nationalsozialisten waren nicht die ersten, die die Hüllen fallen ließen. Schon 1903 eröffnete das erste Nacktbaderesort in der Lübecker Bucht, schon wenige Jahre später waren es mehrere hundert. Die Nudist*innen entstammen der sogenannten Lebensreform-Bewegung, zu der im weitesten Sinne auch eine Welle der Homöopathie und ein für diese Zeit ungewöhnlicher Verzicht auf Alkohol und Fleisch zählten. Ihren Höhepunkt hat sie anfangs des 20. Jahrhunderts. Die gesundheitsbewussten Nackturlauber*innen warfen nicht nur die einschnürenden Korsetts und Kragen von sich, sondern legten damit auch wilhelminische Moralvorstellungen und gesellschaftliche Zwänge ab. Sylt und vor allem die Freikörperkultur der damaligen DDR, wo Nacktsein immer auch Opposition bedeutete, waren Überbleibsel dieser vielfältigen Reformbewegung von Menschen- und Naturfreunden, die die beiden Kriege und den arischen Körperkult überlebt haben.

Feminismus durch Empowerment und Bildungsarbeit

Bloggerin Emma hat keine Angst davor, sich nackt zu zeigen. Auch mit ihrem „large labia project“ protestiert sie gegen gängige Schönheitsideale, indem sie Fotos ihrer Vulva veröffentlicht. Zahllose Frauen folgten ihrem Motto „everything has beauty, but not everyone sees it“ und laden Fotos ihrer Geschlechtsteile ins Internet, um selbstbewusst die ästhetische Vielfalt ihrer Genitalien zu demonstrieren. Hiermit setzen sie, jede für sich, ein Zeichen gegen Schönheitsoperationen und die vereinheitlichenden Körperideale, die schon längst auch den Genitalbereich erreicht haben. Doch können diese Bilder die Reduzierung des weiblichen Körpers auf Sexualität durchbrechen?

Die Motivationen sich nackt zu zeigen, sind also ebenso zahlreichund vielfältig, wie die Protestformen gegen ausschließlich sexualisierte Freizügigkeit. Nicht alle, die sich das Label feministisch geben, haben dasselbe Verständnis von Widerstand: e*vibes ist eine sexismuskritische, queerfeministische Gruppe aus Dresden. Ihre Vertreter*innen haben sich zusammengeschlossen, als sie 2012 einen Slutwalk organisieren wollten. Hierbei gehen Frauen nackt oder kaum bekleidet auf die Straße, um gegen die Umkehr des Täter-Opfer-Verhältnisses (victim blaming) bei Vergewaltigungen zu demonstrieren. Bald merkten die jungen Dresdner*innen jedoch, dass sie lieber langfristig zusammenarbeiten wollen. Mit einem offenen Brief an Femen, in dem sie deren nationalistische Aktion in Hamburg scharf kritisiert, zeigt e*vibes auf, wie Protest auch gehen kann: Konsensentscheidungen, Empowerment, Bildungsarbeit und vor allem eine differenzierte Darstellung von Inhalten. Ihre öffentliche Reichweite ist bei Weitem nicht so groß wie die von Femen. Doch manchmal führt der weitere Weg schneller ans Ziel.

Dank an MK, AW, AK, VK, UH.

zunächst erschienen auf www.doktorpeng.de
00:28 11.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Doktor Albahaca

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