Wilde Erzählungen vom Rio de la Plata

Kino Mit starkem Storytelling und sechs voneinander unabhängigen Episoden lädt „Relatos Salvajes“ ein, aus der gesellschaftlichen Erzählung des Verzeihens auszureißen
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Wilde Erzählungen vom Rio de la Plata
In "El más fuerte" (Der Stärkste) legen sich zwei Autofahrer miteinander an

Foto: Screenshot, Trailer

Die sechs kurzen, in sich abgeschlossenen Erzählungen hängen weder zeitlich, noch räumlich oder personell zusammen. Und doch spannt sich ein hermetischer Bogen über die zwei Stunden ästhetisches und tragikomisches Vergnügen. „Wild tales – Jeder dreht mal durch!“ heißt die argentinisch-spanische Produktion und das Durchdrehen zieht sich tatsächlich als eine der wenigen Brücken durch die sechs mikrokosmischen Erzählungen.

Wir können uns zum Beispiel in dem jungen Mann wiederfinden, der frühmorgens jämmerlich schluchzend ins Haus seiner Eltern kommt, weil er angetrunken eine schwangere Frau angefahren und mitsamt ungeborenem Baby getötet hat. Gemeinsam mit seinem Anwalt und einem Polizisten baldowert der steinreiche Vater einen Plan aus, um den verweichlichten Sohn vor der Gefängnisstrafe zu schützen: Der treue Gärtner bekommt Geld und rechtliche Verteidigung versprochen, wenn er die Tötung auf seine alten Schultern nehme. Nach langer Diskussion, wer mit wie viel Geld bestochen werden müsse, wird der gutmütige Gärtner letztendlich abgeführt und noch am Gartentor der Villa vom wütenden Witwer der Angefahrenen in einem Rachsuchtsanfall ermordet. Der fahrerflüchtige Jüngling hat ein drittes Menschenleben auf dem Gewissen.

In der Episode „Straße zur Hölle“ kabbeln sich zwei dickköpfige Drängler auf einer verlassenen Landstraße im Norden Argentiniens bis in den gemeinsamen Feuertod. Black. In „Pasternak“ lässt der gleichnamige, gescheiterte Musiker gleich ein ganzes Flugzeug voller Freunden, Lehrerinnen und Angehörigen in einen hauptstädtischen Vorgarten stürzen. Black. Der Mittvierziger „Bombita“ (Ricardo Darín), der nicht nur von seiner Frau verlassen, sondern auch von einem Abschleppdienst in Buenos Aires unglaublich ungerecht behandelt wurde, rächt sich mit einem Bombenanschlag.

So tödlich und gewaltsam die meisten Episoden auch enden, sie werden mit Fingerspitzengefühl und Liebe zum ästhetischen Detail erzählt. Der unsympathische Mafiaboss liegt in seiner eigenen Blutlache. Black, Durchatmen. Der nächste Racheakt bahnt sich an. Rache ist das Motiv, das sich wie ein blutroter Faden durch den Film zieht. Ein Motiv, so alt und simpel, wie die Menschheit selbst. Aber der argentinische Regisseur Damián Szifrón schafft es, dieses so leichtfüßig und vielfältig zu erzählen, wie es keine Bibelverfilmung, kein Blockbuster, kein Tatort schafft.

http://www.culturamas.es/wp-content/uploads/2014/10/relatos-salvajes.jpgMit Leichtigkeit entwirft Szifrón vermeintlich alltägliche Figuren, die töten oder getötet , sobald wir anfangen, uns mit ihnen zu identifizieren. Bombita wird von dem solide spielenden Ricardo Darín dargestellt, der damit wie in jedem argentinischen Kinofilm seine obligatorische Protagonistenrolle bekommt. Doch diesmal stiehlt ihm die Bildgewalt der vielfältigen Szenarien die Schau. Dank von Trierscher Einfachheit in der Komposition und Klarheit im Schnitt sowie einem angemessen facettenreichen Soundtrack kann man gar nicht anders als sich lächelnd zurückzulehnen und die nächste Vergeltung zu genießen.

Ganz nach us-amerikanischem Vorbild schließt die Inszenierung einer Mega-Hochzeit den Episodenzyklus ab. Es wird betrogen, gevögelt, gelogen und getanzt bis der Rettungswagen kommt. Man möchte sich in den Arsch beißen und in den Kinosaal rufen, ob irgendjemand bei einem so bodenständigen und befriedigenden Streifen solch einen kitschigen Showdown bräuchte. Allerdings wird man von seinen eigenen Tränen, abwechselnd Tränen der Freude und der Melancholie davon abgehalten.

„Relatos Salvajes“ hält uns den Spiegel vor: Wann habe ich mich eigentlich das letzte Mal gerächt? Natürlich können wir nicht jede Trennung oder Kündigung mit einem Massenmord vergelten, aber in Zeiten, in denen wir unsere Chefin duzen und gesellschaftliche Feindbilder quasi nicht mehr existieren, sind diese einfühlsamen Lach- und Rach-Geschichten eine gelungen andere Erzählung.

Seit 8. Januar 2015 auch in deutschen Kinos.

Zunächst erschienen bei http://www.doktorpeng.de
21:14 16.01.2015
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Geschrieben von

Doktor Albahaca

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