Andere bauen ab, ich baue auf

Der Sportsfreund Unser Autor hat mit dem Kickboxen angefangen. Ein Lob der Aggression
Dominik Bardow | Ausgabe 43/2016 8
Andere bauen ab, ich baue auf
„Ginge nicht was Friedlicheres? Joggen oder Tennis?“
Foto: Chung Sung-Jun/ Getty Images

Ich habe mit Kickboxen angefangen, bei einem Sportverein gleich um die Ecke. Die Reaktionen aus meinem Freundes- und Familienkreis waren einhellig: „Was, du?“ – „Passt doch gar nicht zu dir.“ – „Ginge nicht was Friedlicheres? Joggen oder Tennis?“ – „Du tust dir doch bestimmt nur weh.“ Und so weiter.

Kickboxen hat offenbar keinen guten Ruf. Oder ich habe einen zu guten. Ich bin ein netter Kerl, ich habe mich noch nie geprügelt. Na gut, ein Mal in der siebten Klasse auf dem Schulhof, aber das fällt eher unter Rangelei. Selbst wenn ich physisch gewusst hätte, wie man jemandem ins Gesicht schlägt, hätte ich es mental nicht gekonnt. Sich zu schlagen ist sozial nicht akzeptiert, Konflikte sollte man immer mit Worten ausdiskutieren.

Klar, Kickboxen macht fit, aber bitte nur als Trockenübung, im Fitnesskurs, als Alternative zu Zumba und Step. Oder wenn schon als Kampfsport, dann zur Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen. Auch wenn Kickboxen dafür nicht besonders nützlich ist.

Gesellschaftlich gelten Boxen und Kickboxen höchstens als sinnvoll für Jugendliche aus Problemvierteln. Die sollen im Ring unter der strengen Hand des Trainers lernen, ihre Aggressionen abzubauen und sich einzugliedern. Mir geht es nicht darum, Aggressionen abzubauen. Im Gegenteil: Ich will aggressiver werden! Wenn Sie das jetzt schockt, dann zeigt das nur, wie negativ das Image ist, das Aggressionen heutzutage haben. Seine Wut als Aggression auszuleben, das führt doch nur zu Hass und Gewalt, davon muss es doch weniger geben in der Welt, nicht mehr! Sport sollte all das abbauen, nicht fördern! Sehe ich anders.

Wut ist wie Trauer, Freude oder Angst biologisch sinnvoll. Wut in kleiner Dosis heißt: Das gefällt mir nicht, da übertritt jemand meine persönliche Grenze, dagegen sollte ich etwas tun. Man muss nicht schreien oder toben, es reicht meist, deutlich Nein zu sagen. Machen nur die wenigsten. Ich auch zu selten, ich bin lieber nett. Sage lieber Ja oder Jein, weil ich mich ein Nein nicht traue und keinen Streit will. Also frisst man lieber alles in sich hinein.

Es sind meist die unscheinbaren Typen, die irgendwann durchdrehen. Dabei wirkten die immer so nett! Weil sie genauso einen falschen Umgang mit ihrer Wut hatten wie chronische Schläger. Der eine reagiert zu stark aggressiv, der andere zu wenig. Beide brauchen ein vernünftiges Maß, das kann Sport ihnen geben. Mittlerweile bieten Kliniken therapeutisches Boxen an, gegen Depressionen und Burn-out. Es soll Patienten bei der Selbstwahrnehmung und Selbstbehauptung helfen, beim Aushalten von Widerständen und zu einer besseren Körpersprache führen. Aggression kann man nämlich auch so zeigen: Rücken gerade, dem Gegenüber in die Augen sehen.

Ich war jetzt ein paar Mal beim Kickboxen, und ich merke, wie anstrengend das ist, einfach nur die Fäuste hochzuhalten. Habe ich bisher nie gemacht. Aber die Kraft kommt langsam. Jemandem ins Gesicht geschlagen habe ich noch nicht, nur in die Handschuhe meines Sparringspartners. Danach klatscht man sich ab und merkt, dass Kämpfen auch Spaß machen kann, wenn der Respekt da ist. Den muss man sich auch verdienen. Indem man einstecken und austeilen kann.

Im Alltag hat mir das Kickboxen auch schon geholfen – gegen die Kommentaren nämlich übers Kickboxen. Passt nicht zu dir, zu aggressiv, du bist doch so nett? Rücken gerade. Blickkontakt. Nein, sehe ich anders.

Dominik Bardow schreibt in seiner Kolumne für den Freitag regelmäßig über sportives Privatvergnügen

06:00 29.10.2016
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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