Andre ist erleuchtet

Eventkritik Der ehemalige Tennis-Star Andre Agassi besucht Berlin, um seine Autobiografie "Open" vorzustellen - und predigt. Journalisten und PR-Leute haben damit leider keinen Spaß

Der einstige Tennis-Punk ist im Barock angekommen. Durch eine Seitentür betritt Andre Agassi den edlen Palais-Saal des Hotel Adlon in Berlin, wo die Pressemeute unter Kronleuchtern auf ihn wartet. Leicht nach vorne gebeugt, die Füße etwas nach innen verdreht, watschelt er hinein. Der Gang ist einem Wirbelleiden am Rücken geschuldet, erfährt man in seiner Autobiografie Open. Er wird das Buch hier vorstellen, die erste Station eines dreitägigen Berlin-Tripps, gefolgt von einem Auftritt bei einer Spendengala und einer Signierstunde.

Warum tut der Mann sich das noch an, warum gerade jetzt? Das Buch ist bereits seit einem Monat auf dem Markt, Agassi seit drei Jahren dem Tennis-Zirkus entflohen, den er laut seinem Buch doch so gehasst hat, obwohl er zwischen 1986 und 2006 alle großen Tennis-Turniere gewann, die es zu gewinnen gibt. Ein Hauch von Boris Becker weht durch den Saal – kann da etwa doch jemand nicht ganz ohne die Aufmerksamkeit, das Scheinwerferlicht?

Die Apparate der Fotografen blitzen und klackern. Agassi stellt sich neben einen Papp-Aufsteller seines Buchcovers, das eine Großaufnahme seines Gesichts zeigt. Eine Verlagsfrau drückt ihm noch ein Exemplar seiner Biografie in die Hand. Dreimal Agassi für die Fotografen, dreimal weit aufgerissene Augen und ein qequältes Lächeln, das irgendwann im Blitzlicht erstirbt. Ein Fotograf schreit verzweifelt: „Ändru, luck to se side, plies!“ Doch Agassi hat genug: „Das war’s jetzt, besser werde ich nicht mehr aussehen“, sagt er und setzt sich an den Pressekonferenztisch. Er war schon immer ein eigenwilliger Typ, schwierig, lässt sich von niemanden herumkommandieren. Vielleicht eine späte Reaktion auf seinen Vater, der ihn von Kindheit an zum Tennis-Star drillte.

Statt Vokuhila, abgeschnittener Shorts und bunter Hemden trägt der 39-Jährige nun einen schwarzen Pullover und eine dicke Armbanduhr, doch die Surfer-Perlenkette um den Hals zeugt noch vom frühren Selbstverständnis: Er ist noch der alte. Das bekommt auch die Dame vom Verlag zu spüren. Sie hat all das hier organisiert, sie moderiert Agassi an und will, so der Plan, ein kleines Interview führen, bevor die Journalisten dran sind. Doch weiter als bis zur ersten Frage kommt sie nicht: „Reisen Sie mit leichtem Gepäck?“ Die Verlagsfrau hatte es gut gemeint: als Eisbrecher eine kleine Anspielung auf sein Buch, in dem Agassi beschreibt, wie pedantisch er früher alles in seine Tennistasche packte. Doch heute reist er mit Koffern und hat keinen Bock auf den Scheiß. „Warum fragen sie nach meiner Tasche?“, fragt Agassi säuerlich-genervt zurück.

„Können die bitte die Fragen stellen“, sagt er und deutet Richtung Journalisten. Doch von denen hebt keiner den Arm. War Agassi in seinem Buch so „open“, dass am Ende keine Fragen offen bleiben?

Dann kommen doch Fragen, so sinnige wie die, warum er seine Frau, die deutsche Tennislegende Steffi Graf, eigentlich „Stefanie“ und nicht „Steffi“ nennt? „Weil sie so heißt“, antwortet Agassi nüchtern.

Irgendwann antwortet er auf jede Journalistenfrage mit der Einlassung: „Ich weiß nicht, ob sie das Buch gelesen haben, aber...“ Dann fängt er an zu predigen, redet von „Bewusstseinsströmen“, „schwierigen Wassern, durch die ich navigieren musste“, wie wichtig es für ihn sei, „die Hand auszustrecken und mich den Leuten verbunden zu fühlen.“ Agassi redet langsam, ruhig, mit weit geöffnenten Augen. Die Pressekonferenz wird zur Selbsthilfegruppe, Agassi zum Guru, die Kronleuchter spiegeln sich in seiner Buddha-Glatze. „Ich lasse Sie so tief in meinen Kopf wie es nur geht“, sagt Agassi, und fügt hinzu: „Wir tragen alle unsere Dämonen mit uns herum.“ Millionen von Menschen werde von ihren Eltern ein Leben aufgezwungen, das sie nicht wollten, Millionen würden eines Morgens in einer Ehe aufwachen, in der sie nicht glücklich seien. „Ich hoffe, dass meine Reise den Menschen hilft, Chancen zu ergreifen und ihr eigenes Leben zu leben.“

Das ist seine Botschaft, sein Buch, deswegen ist er hier. Die effektvoll platzierten Enthüllungen – die Drogen, die Perücken, die Affären – sind das Werk seines Ghostwriters J.R. Moehringer, eines Journalisten und Pulitzer-Preis-Gewinners. Die PR-Tour, die TV-Auftritte, das Scheinwerferlicht – Teil der Vermarktungsmaschinerie der Verlage; im November tourte Agassi durch die USA, im Dezember ging es erst nach London, dann nach Berlin und von hier nach Amsterdam und Paris. Agassi selbst dagegen ist hier, um zu predigen, um die Leute an seiner Erleuchtung teilhaben zu lassen. „Ich tue das nicht für das Rampenlicht, sondern um über mein Buch zu sprechen“, sagt er. Agassi hat drei Jahre mit Moehringer, seinem Ghostwriter und Therapeuten, sein Leben durchgekaut. Nun ist die Botschaft reif und muss an die Menschen: „Als ich das Buch geschrieben habe, wollte ich, dass es ein Licht wird, das auf alle scheint, die es lesen.“ Als er aufhört zu reden, stürmen die Journalisten nach vorne und holen sich ein Autogramm vom Erleuchteten.

Am Samstag macht er seine Aufwartung bei Springer. Bei „Ein Herz für Kinder“, der TV-Spendengala des Verlages, passt er sich dem allgemeinen Kitsch-Level der Veranstaltung an und erzählt Thomas Gottschalk von seiner Schule für benachteiligte Kinder in Las Vegas. Am Sonntag dann eine Autogrammstunde im Dussmann-Kulturkaufhaus. 30- bis 50-Jährige stehen Schlange bis zur Friedrichstraße und reden über alte Turniere. Einige haben sich grelle Agassi-Hemden von früher angezogen. Agassi selbst trägt einen grauen Pollunder und sitzt auf einem Podest, durch Absperrbänder getrennt von den Fans. Und sein Licht scheint nur auf diejenigen, die sein Buch gekauft haben: Denn nur die bekommen ein Autogramm, so steht es auf Hinweisschildern geschrieben. Einige haben bis zu fünf Bücher gekauft, um sie signieren zu lassen. Die Drogen, die Perücken – all das mache ihn doch nur noch menschlicher, sagen sie. Agassi sitzt an seinem Schreibtisch auf seinem Podest und lächelt roboterhaft jedem zu, der ein Autogramm möchte, nach 20 Sekunden ist der nächste dran. Am Montag dann geht es weiter nach Amsterdem – auch dort wollen Menschen erleuchtet sein.

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17:05 14.12.2009
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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Ausgabe 41/2021

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