Die kalte Realität

Der Sportsfreund Geständnisse eines Sportreporters: Warum ich hiermit den Ball abgebe
Die kalte Realität
War ein leuchtendes Beispiel seiner Zunft: NDR-Reporter Kurt Emmerich
Foto: Rust/Imago

Für viele Menschen klingt es wie ein Traum: das eigene Hobby zum Beruf machen. Auch ich habe als Kind den Kicker durchgeblättert und gedacht: Sportreporter sein, das wär’s doch. Mich den ganzen Tag mit Fußball oder Basketball beschäftigen, und sie bezahlen mich auch noch dafür!

Heute bin ich Sportreporter. Mein Hobby ist nicht mehr mein Hobby, es ist mein Beruf. Und wenn ich abends erledigt nach Hause komme – oder eher nachts, denn Sportreporter arbeiten meist abends und an Wochenenden –, dann will ich von Fußball oder Basketball nichts mehr wissen. Dann lese ich ein Buch oder schaue eine Doku. Mich weiter mit Sport beschäftigen, ohne dass man mich dafür bezahlt? Das wäre wie ein Finanzbeamter, der nach Feierabend noch mal Steuererklärungen durchgeht, just for fun.

Ganz so extrem ist es natürlich nicht, ich war ja wirklich mal Fan, stand in der Stadionkurve und sang mit. Aber jetzt sitze ich auf der Pressetribüne und schaue öfter auf meinen Laptop als auf das Spielfeld. Und ich starre auf mein Smartphone. Denn ich soll ja nicht nur mit Spielschluss einen fertigen Online-Bericht abschicken, sondern parallel dazu noch die Twitter-Gemeinde bespaßen. Vom Spiel sehe ich wenig, soll es aber danach dem Leser erklären. Am Ende des (Arbeits-)Tages will ich es oft gar nicht mehr sehen.

Jetzt werden viele sagen: „Buhuhu, der Medienfuzzi heult herum, der sollte mal meinen Job sehen, wir können gerne tauschen!“ Ich glaube, wirklich gute Journalisten schreiben aus Überzeugung. Und dass der Leser merkt, ob der Autor einen Text nur pflichtschuldig hingerotzt hat. Unter einem freudlosen Schreiber leidet am Ende der Leser, auch weil er heutzutage ohnehin überall so viele freud- und lieblose Texte vorgesetzt bekommt: Infobrocken, Transfergerüchte, Phrasen von Pressekonferenzen, Liveticker. Diese Freitag- Kolumne, in der ich meine Themen selbst aussuchen konnte, war für mich da fast wie Urlaub vom Hauptjob.

Ich glaube, es läuft etwas falsch in dieser Branche. Im Journalismus allgemein, der aus verschiedenen Gründen vor die Hunde zu gehen droht, und ganz speziell eben im Sportbereich. Die Vereine und Athleten werden austauschbarer, glatter. Es fehlen echte Typen und Geschichten, weil kaum noch jemand da ist, der Geschichten erzählt. Weil wir nicht mehr hinsehen, sondern livetickern, twittern und updaten. Wer heute einmal als Reporter bei einem Fußballspiel war, der hält das nicht mehr für einen Traumjob. Da drängeln sich die Newssklaven an Absperrgittern. Zeichnen austauschbare Floskeln von fußballspielenden PR-Automaten auf. Und übertragen diese dann ungefiltert ans Publikum. Hauptsache, Google mag die Schlagworte, damit das Klickvolk auf die Homepage kommt.

Ich würde aber gerne als Mensch über Menschen für Menschen schreiben. Das war mein Traum. Ich war auch Fan von echtem Sportjournalismus. Aber den gibt es heute kaum noch, er hat keine reale Chance mehr. Deshalb gebe ich den Job auf. Ab dem neuen Jahr bin ich kein Sportreporter mehr. Auch diesen Kolumnenplatz reiche ich schweren Herzens weiter, an Sarah Khan, die ab Januar an dieser Stelle als „Die Dingsbums“ über die wundersame Welt der Dinge schreiben wird. Es wäre einfach nicht ehrlich, mich weiterhin „Sportsfreund“ zu nennen.

Ich hoffe, ich wünsche mir, dass ich irgendwann an einer Bar stehe und doch wieder Lust habe, ein Fußballspiel zu schauen. Wie gesagt: Ich war mal Fan. Und ich wäre es gern wieder.

Dominik Bardow schreibt in dieser Kolumne für den Freitag zum letzten Mal über sein sportives Privat- und Berufsleben

06:00 31.12.2016
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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