Er kann alles

Porträt Hans Sarpei kickte für Schalke 04 in der Bundesliga. Dann begannen Fans, mit seinem Namen Witze im Internet zu machen – und er machte mit. Nun ist er eine virtuelle Marke
Er kann alles
"Ich haue die Sachen raus, und das finden die Leute gut"

Foto: Kevin Mertens für Der Freitag

Der Mann denkt dreideutig. Er macht Liegestütze ohne Arme, kauft Obst bei Apple, kann seine eigenen Elfmeter halten und auf Land schwimmen. Dieser sagenumwobene Mann ist, wenn man ihm persönlich begegnet, ein ruhiger Mittdreißiger, mittelgroß, Pulli, Jeans, Turnschuhe. Er sitzt in der Lobby eines Berliner Business-Hotels, knetet seine Hände und weiß selbst nicht, warum er all das kann. Sein Name ist Hans Sarpei, das L steht für Gefahr, so heißt es zumindest im Internet. Völliger Nonsens, eigentlich, doch es ist die Art von Humor, um die sich bei Facebook und Twitter Gemeinschaften aus Mitwissenden und Mitlachenden bilden.

Sarpei hat mal Fußball gespielt, er grätschte und rannte jahrelang die Außenbahnen der Bundesliga entlang, nie sehr schnell und elegant, aber immer mit Herzblut. Er hat auch bei einer Weltmeisterschaft gespielt, 2010 mit Ghana, und zuletzt für den FC Schalke 04, oder Schalke hat für ihn gespielt, heißt es im Netz. Nun ist Sarpei ein Internetphänomen. Hunderttausende mögen ihn, Zehntausende sprechen in diesem Moment gerade über ihn.

Es begann mit einem Witz. Sarpei, der bescheidene Fußballer, ist der Mann, der alles kann – wie Chuck Norris, der Actionstar (siehe Kasten). Wer die Ironie nicht versteht, gehört nicht dazu. Die Leute lachten. Und nun, anderthalb Jahre später, lachen sie immer noch und es werden mehr. Denn der Witz ist ernst geworden und wird ziemlich professionell gemanagt. Mittlerweile fragt die Werbeagentur Jung von Matt, die eine Studie über Sarpei erstellt hat, ihre Kunden, ob er „das Meisterstück dafür ist, wie wir Kommunikation heute denken müssen“. Firmen in ganz Deutschland umgarnen ihn.

Er gab dem Hype eine Form

Warum kann der Mann, was er kann? Die Antwort verrät eine Menge darüber, wie Kommunikation im Netz funktioniert. „Ich habe etwas versucht und es hat geklappt“, sagt der 36-Jährige. „Das kann man nicht steuern.“ Und doch hat er genau das geschafft. Er hat dem Hype Form und Richtung gegeben, er hat eine Art Unternehmen daraus entwickelt.

Früher hatten Fußballer, die keinen Fußball mehr spielen konnten, nicht viele Wahlmöglichkeiten. Sie wurden Trainer oder gingen in ihre Lehrberufe zurück, sie eröffneten einen Kiosk oder reisten als Sportartikelrepräsentant durchs Land. Mit wachsendem Medienaufkommen kam die Option Fernsehexperte dazu, aber davon gibt es nicht viele. Hans Sarpei hat eine neue Karriereoption gefunden.

Fußball spielen will er eigentlich immer noch. Sein Knie ist gerade kaputt. Er schuftet in der Physiotherapie, will wieder fit werden. „Ich versuche, noch einmal zurückzukommen, vielleicht noch ein Jahr zu spielen“, sagt er. Sarpei warte nicht auf einen neuen Vertrag, der neue Vertrag warte auf ihn, sagen seine Fans im Internet. Die Wahrheit sieht anders aus. Ende Juni lief sein Kontrakt bei Schalke aus. Er hofft, im Winter einen neuen Verein zu finden, noch mal helfen zu können, vielleicht im Amateurbereich in seiner Heimat Köln. Bis dahin hat er viel Zeit, um „mich mit anderen Themen zu beschäftigen, mir Gedanken zu machen: Wie geht es weiter?“

Das Internetphänomen Hans Sarpei wirkt nicht wie ein Mann, der sich viele Gedanken machen muss, der echte Sarpei schon. Er spricht bedächtig, fast schüchtern, manchmal kiekst seine Stimme nach oben. Der erste lustige Spruch kommt nach einer Dreiviertelstunde, im Netz geht das schneller. Als ihm seine Nichte vor anderthalb Jahren sagte, die reden über dich im Internet, gab er seinen Namen ein und verstand zunächst nichts. „Alle dachten, ich führe alle diese Seiten“, erzählt er. Also beschloss er: „Ich hole alle in eine Gruppe, in meine Gruppe“. Über Facebook oder Twitter veröffentlicht er seitdem selbst Sprüche und Bilder, etwa wie er vor einem Kopierer einen schwarzen Ausdruck hochhält und drunterschreibt: „Schon wieder eine schlechte Kopie von Hans Sarpei“. Sein Humor ist so schwarz wie seine Hautfarbe. Das kommt an.

Versteckter Spott in den Sarpei-Witzen habe ihn nie getroffen, sagt er. Auch der latente Rassismus nicht, der in Online-Äußerungen mitschwingt wie der, dass sich in seinem „vornehmen Gesicht die Kraft des schwarzen Kontinents“ zeige. Sarpei kam mit drei Jahren Ende der Siebziger aus Ghana nach Köln-Chorweiler. „Ich habe wegen meiner Hautfarbe viel mit Ausländerfeindlichkeit gelebt“, sagt er. Es klingt, als rede er über jemand anders. Der Mann kann auch ernst sein: Er fuhr als Unicef-Pate im Kölner Karneval mit, will für Integration werben. „Wenn ich es schaffe, mit diesem Phänomen den Leuten die Augen zu öffnen, wäre das toll.“

Beim Sprechen deutet er oft ein Lächeln an, aber die Augen wirken ernst, man weiß nie: War das jetzt gerade Ironie? Im Netz ist es einfacher, dazuzugehören, da ist alles Ironie. Humor ist das Erkennungszeichen. Auch wenn Sarpei über den Kanzlerkandidaten der SPD oder die Wirtschaftskrise witzelt. „Ich haue etwas raus, damit die Leute drüber lachen, auch wenn es um ernste Themen geht, wo man denkt: Okay, puuh, kann man das jetzt machen? Aber dann können die Leute ein bisschen drüber grinsen, lachen und sehen die Themen ein paar Minuten nicht mehr so ernst.“

Das ist seine Stärke. Er tauscht sich aus mit seinen Fans, erschließt sich neue Themenfelder. Das hat eine Hamburger Werbeagentur herausgefunden. Bei Jung von Matt haben ihn zwei Mitarbeiter zwei Wochen im Internet observiert, ein Profil und Strategien erstellt. Herausgekommen ist eine 20-seitige Analyse. Sie liegt vor Sarpei auf dem Tisch. Er deutet darauf und sagt: „Da steckt Potenzial drin.“

Eine Spaßmarke

Das Papier ist durchsetzt mit Werbersprech. Sarpei sei eine Spaßmarke, steht da, eine Funbrand. Wer in sozialen Medien als Marke bestehen wolle, der müsse nicht nur Spaß verstehen, sondern bereiten. Und wer keinen Spaß kann, der braucht Hans Sarpei. Denn der ist laut Studie ein Virus, ein „Internet-Mem“, entstanden aus der Spannung zwischen Hoffnung und Empörung, aus abfälligen Kommentaren über sein Alter, seine körperliche Unterlegenheit und der Hoffnung, er schlage Gegenspieler durch Erfahrung – und durch Wunderkräfte.

Grafiken und Tabellen zeigen, dass Sarpei Menschen mit einer Vehemenz beschäftigt, die andere Sportler wie Sebastian Vettel, die Klitschkos oder Bastian Schweinsteiger nicht erreichen, auch Heidi Klum oder Angela Merkel nicht. Sarpei sei aber kein Spielball der Massen, sondern ein kluger Akteur. Ein Manager der drei I: Interaktion, Integrität, Inspiration. Er nehme an den Gesprächen teil, zeige Ecken und Kanten, beziehe Stellung. Bei den Fans gelte er als ehrlich, nahbar, echt, bescheiden und kompetent.

Jung von Matt musste er für die Analyse nichts zahlen, dafür bekam er auch nichts. „Es war eine Win-Win-Situation.“ Den Sprech der Branche beherrscht er längst. Er weiß jetzt, wo seine Zielgruppe liegt, bei 12- bis 18-Jährigen, er erreicht aber auch Jüngere und Ältere. Mit der Agentur habe er keinen Kontakt mehr, aber er berate sich mit einem Freund, der dort arbeitet. „Ich frage ihn, dass ich da nichts falsch mache“, sagt Sarpei. „Er kennt sich da besser aus.“

Raphael Brinkert ist Geschäftsführer Beratung bei Jung von Matt. Der 35-Jährige ist Schalke-Fan und mit dem Spieler Christoph Metzelder befreundet. Über Metzelder freundete sich Sarpei mit Brinkert an. „Ich bin kein Spielerberater“, sagt Brinkert am Telefon, er helfe nur einem Freund. „Er erreicht unglaubliche Reichweiten“, schwärmt Brinkert, weit jenseits des Fußballs. „Hans hat den Fußballschuh gegen das Smartphone getauscht.“ Das könne auch für andere Fußballer eine Option sein. „Die Spieler sind Personenmarken, die durch soziale Netzwerke immer interessanter werden.“

Doch Standard-Aussagen dominieren die Facebook-Seiten vieler Fußballer. Nur etwa 16 Prozent der Botschaften werden gelesen, originelle Mitteilungen erreichen bis zu 40 Prozent und verbreiten sich rasend schnell. Mit ein wenig Kreativität könnte also theoretisch jeder, was Hans Sarpei kann, nämlich eine eigene Community haben. „Es gibt viele, die solche Gedanken haben, aber sie nicht schreiben“, sagt Sarpei. „Sie denken, das ist zu gewagt, aber ich haue die Sachen raus, und das finden die Leute gut.“

Durch seinen Ruhm ist Sarpei zum Internetjunkie geworden. Er schaut ständig auf sein Smartphone, durchsucht das Netz nach Themen, sitzt nachts bis drei Uhr auf der Couch, um Fans zu antworten. „Wenn mir nichts einfällt, dann schreibe ich auch einfach mal: Gute Nacht.“

Er trägt eine Rolex am Handgelenk, sonst stellt seine Kleidung keinen Reichtum aus. Er lebt von Erspartem aus Fußballerzeiten, doch sein Netzruhm brachte ihm auch Werbeverträge – für Schokolade („Nur Hans Sarpei ist härter als Nappo“), eine Boulevardzeitung („Bild kannst du knicken, Hans Sarpei nicht“) und eine Warenhauskette („Ab sofort schreibt Karstadt schwarz“). Vor allem der Job als Social-Media-Berater für Karstadt Sport sorgte für Aufsehen. Das Unternehmen macht Verluste, entließ vor Bekanntgabe des Deals 2.000 Mitarbeiter.

„Ich habe erst durch die Reaktionen im Internet gemerkt, dass sich die Leute schon eine Meinung über Karstadt gebildet haben“, sagt Sarpei, eine negative. Er versucht, mit Aktionen dagegenzuwirken: Hobby-Teams können ihn für ein Spiel als Trainer gewinnen. „Ich sage den Leuten aber auch: Was die vor Ort machen, ist ein anderer Part. Ich bin nicht der große Mann bei Karstadt.“ Der Beratervertrag läuft bis Ende des Jahres. „Für solche Kleinigkeiten bekommt man nicht so viel. Ich bin neu in dem Business und lerne viel.“ Vielleicht mache er auch einmal ein Praktikum.

Wird er zu professionell?

Die Frage ist, ob unter seiner zunehmenden Professionalisierung irgendwann der Markenkern leidet: die Authentizität. Um zu verstehen, wo die herkommt, muss man schauen, wo der Hype begann. Im April 2011 veranstalten Schalkefans im Blog Web04 eine Sarpei-Woche, mit Gedichten, Liedern und Witzen. Schalke 04 ist ein Fußballverein, den Millionen Fans fast religiös verehren. Es gibt eine Kapelle und Hochzeiten im Stadion, seit 1958 wird auf die Erlösung durch eine Meisterschaft gewartet.

Der Blogger Jan-Nicolai Kolorz rief die Sarpei-Woche ins Leben. Sarpei war da 34, meist Ersatzspieler und kein Fußballkünstler, aber eben „authentisch, wahrhaftig, sympathisch“, sagt Kolorz. Das sei nicht selbstverständlich im modernen Fußball. „Dazu kommt die Verschränkung von urdeutschem Vornamen und afrikanischem Aussehen.“ Die Sache verselbstständigte sich. Kolorz glaubte, das werde nicht länger als einen Monat halten, er irrte sich. „Wir freuen uns total für ihn“, sagt er. Aber Kolorz, der Web04 einen Blog mit Gesinnung nennt, sagt, dass es bei der Bild-Werbung „auch ein bisschen zwickt, das ist nicht schön, aber es macht ihn nicht weniger sympathisch“.

Sarpei kann eben alles, und nichts kann ihm etwas. „Wir haben uns weiterentwickelt von den Chuck-Norris-Witzen“, sagt er. Wir, er, der Humor, seine Fans, seine Gemeinschaft, seine Berater, seine Marke. Aber wie lange lachen die Leute, wie lange kann Hans Sarpei noch alles? Müsste „ein rein digitaler Sarpei nicht langfristig mediale Präsenz einbüßen?“, fragen die Jung-von-Matt-Analysten. Er mache sich da keinen Plan, sagt Sarpei. „Ich will den Leuten nur ein Lächeln geben, das ist das Wichtigste. Wenn ich irgendwann selber nicht mehr lache, habe ich keine Lust mehr.“ Dann lächelt er, oder auch nicht? Ironie ist so schrecklich kompliziert, im echten Leben.

Hans Adu Sarpei wurde 1976 in Tema in Ghana geboren. Seine Eltern lebten bereits in den Siebzigern in Hamburg und gaben ihm daher einen deutschen Vornamen. Sie zogen nach Köln, als Hans Sarpei drei war. Bis er 23 war, kickte er als Amateurfußballer und ließ sich bei Bayer zum Anlagemechaniker ausbilden. Über die Stationen Fortuna Köln und MSV Duisburg schaffte es der Abwehr- und Mittelfeldspieler in die Bundesliga, absolvierte dort 190 Spiele für den VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und Schalke 04. Für Ghana bestritt er 36 Länderspiele und erreichte das Halbfinale der WM 2010.

Im Frühjahr 2011 entwickelte sich unter Schalkefans im Internet ein Kult um Sarpei, der zunächst auf abgewandelten Chuck-Norris-Witzen basierte. Chuck-Norris-Witze sind ein ironisches Internetphänomen, bei dem die Härte, Stärke und Männlichkeit des amerikanischen Actionstars ins Groteske überzeichnet werden. Sarpei beteiligte sich zunehmend selbst über Twitter und Facebook mit Sprüchen, Bildern und Aktionen an den Witzen mit seinem Namen. Auch nach seinem Vertragsende bei Schalke im Sommer bleibt der vereinslose 36-Jährige im Internet aktiv. Mittlerweile hat er über 240.000 Anhänger bei Facebook, über 30.000 folgen ihm bei Twitter. DB

09:00 19.10.2012
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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