Fangesänge aus dem ersten Rang

Musik Deutsche Indie-Größen bringen ein „Fussical“ auf die Bühne. Dabei überzeugt vor allem der Soundtrack
Dominik Bardow | Ausgabe 26/2016

Wie langweilig diese Fußball-EM in Frankreich ist. So langweilig, dass Rot-Weiß Oberhausen schon für eine Dauerkarte in der Regionalliga wirbt. „Schlimmer ist es bei uns auch nicht“, schrieb der viertklassige Verein neulich bei Twitter. Wenn die Darsteller auf der großen Bühne enttäuschen, lohnt sich ein Blick über den Spielfeldrand. Man könnte ja mal wieder ins Theater statt zum Public Viewing gehen. Am besten mit Musik, aber nicht ganz ohne Fußball: also „ein Fussical“.

Mit diesem Untertitel wirbt das Stück Der Spielmacher, das Ende Juni in Berlin Premiere feierte und zu dem auch ein gleichnamiges Album erschienen ist. Der Zeitpunkt während der EM garantiert Aufmerksamkeit, eine Vorlage wie ein Elfmeter, die aber auch den Druck erhöht, sie zu verwandeln. Viele haben sich schon übernommen beim Versuch, Fußball auf die Ebene der Kunst zu heben. Der Sport gehorcht seiner ganz eigenen Dramaturgie, die sich Deutungen oft verschließt. Regisseur Patrick Wengenroth und Musiker Maurice Summen verwenden Fußball deshalb auch eher als Metapher für moderne Gesellschaftskritik. Das Hebbel am Ufer haben sie zwar zum Stadion umbauen lassen, Tribünen ragen empor, rund um ein Spielfeld mit Toren und Werbebanden. Aber das einzig Ballartige, das hier über den blauen Rasen rollt, ist Regisseur Wengenroth in einem aufgeblasenen Kostüm.

Die Spieler des fiktiven Vereins Bussard Berlin tragen glitzernde Trainingsanzüge, Perücken und Stöckelschuhe. Der Drittligist steht sensationell im Viertelfinale des DFB-Pokals, doch Spielmacher Mehmet Müller, verkörpert von der künftigen Tatort-Komissarin Eva Löbau, ist hin- und hergerissen zwischen Spielerfrau Helena und Mitspieler Andrea. Gerade als Mehmet entnervt die Karriere beenden will, macht ihm ein Scheich aus Abu Dhabi ein Angebot – und will den Verein gleich mitkaufen. Passend zur Klubhymne Korruption ist mein Verein. Die Handlung spielt am Ende aber nur eine untergeordnete Rolle.

Drama ohne Skript

Dafür werden alle (Schatten-)Seiten des Fußballs durchgekaut: Doping, Konformitätszwang, unterdrückte Homosexualität, Starkult, Erfolgsdruck, Steuerbetrug, der Mensch als Ware. Die patriarchale Fußballbranche wirkt dabei umso grotesker, weil fast alle männlichen Hauptrollen mit Frauen besetzt sind. Es ist indes zu merken, dass die 17 Songs vor dem Stück da waren. Der großartige Soundtrack mit Indie-Größen wie Die Türen, Jens Friebe, Andreas Spechtl oder Christiane Rösinger, die ebenfalls zur Besetzung gehören, bleibt eher hängen als deren schauspielerische Leistungen. Dabei sind die Grundfragen des Stücks spannend: Kann sich der Mensch in seinen Möglichkeiten spielerisch entfalten? Wird er durch soziale Spielregeln unterdrückt? Oder bieten sie ihm erst einen Wirkraum?

Antworten, außer einem bisschen Kapitalismuskritik, hat das Stück auch nicht. Aber deswegen gehen ja jedes Wochenende Zehntausende lieber ins Stadion – um den Fußballern bei genau diesem Konflikt zuzuschauen: Spielen sie sich frei oder unterliegen sie dem Zwang? Das ist großes Drama, ohne Skript. Auch wenn es manchmal so uninspiriert vorgetragen wird wie bei dieser EM. Trotzdem kann man sich als Fußballfan ruhig mal wieder eine Dauerkarte fürs Theater kaufen. Um es mit Rot-Weiß Oberhausen zu sagen: „Schlimmer ist es bei uns auch nicht.“

Info

Der Spielmacher Various Artists Staatsakt / Universal 2016

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06:00 01.07.2016
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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Ausgabe 27/2020

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