Fußball geht immer

Der Sportsfreund Wie der deutsche Kapitalismus das Gespräch unter Männern rettet
Ausgabe 35/2016
Ich trink Ouzo, welcher Fan bist du so?
Ich trink Ouzo, welcher Fan bist du so?

Foto: Marc Müller/Bongarts/Getty Images

Ich weiß ja nicht, worüber Frauen sprechen, wenn sie nichts zu reden haben, aber vielleicht haben sie ja immer was zu reden. Für uns Männer ist das komplizierter. Wenn wir bei Doppeldates, Hochzeits- oder Familienfeiern anderen Männern vorgestellt werden, will oft kein Gespräch zustande kommen. Gott sei Dank hat der liebe Gott Fußball erfunden. Fußball geht immer. Die Erleichterung ist groß und das Gespräch gerettet, wenn sich der Gegenüber auch für Sport interessiert.

Fußball ist oft der kleinste gemeinsame Nenner bei Männern, und wenn man sich auf keine Mannschaft einigen kann, dann zumindest immer auf eine Feststellung: alles ungerecht. Früher konnten Werder Bremen und der 1. FC Köln noch deutscher Meister werden, heutzutage wird es am Ende immer Bayern München. Dass das langweilig ist, geben selbst viele Bayern-Fans zu. Und weil der Dauermeister vergangene Woche das Liga-Eröffnungsspiel gegen Bremen 6:0 gewonnen hat, ist vielen Fans die Lust auf die neue Saison vergangen, zumindest was den „Kampf“ um die Meisterschaft angeht. Wenn wir Männer uns dann in Rage geredet haben, kommt meist einer in der Runde mit folgender Lösung um die Ecke: „Man müsste das wie im US-Sport machen, da herrscht Chancengleichheit.“ In den großen Basketball-, Football-, Baseball- und Eishockeyligen der USA werden vor jeder Saison die besten junge Talente an die Teams verteilt und die schlechtesten Mannschaften des Vorjahrs dürfen als Erste zugreifen. So bekommen sie die potenziellen Stars von morgen und spielen bald wieder um die Meisterschaft mit. Wäre das nicht etwas für die Bundesliga? Die besten jungen Spieler gehen nach Darmstadt statt nach München?

Im Prinzip sind die kapitalistisch geprägten Amerikaner da kommunistischer als wir. Wir Europäer haben es geschafft, die Ständegesellschaft in den Sport zu überführen, hat Komiker John Oliver neulich im US-Fernsehen gewitzelt. Klar, theoretisch kann in Europa ein Verein in die erste Liga aufsteigen und Meister werden. De facto wird das nie passieren. Das Tellerwäscherteam wird keine Millionärsmannschaft, eher kauft die das Tellerwäscherteam auf.

Warum führen wir dann nicht einfach das US-System bei uns ein? Dann hätte jeder die Chance, einmal Meister zu werden, höre ich oft. Aber so einfach geht das nicht. Die besten jungen Talente spielen in den USA an Schulen und Universitäten, sie sind vertraglich nicht an die Jugendabteilung eines Vereins gebunden, daher kann man sie später frei auf die Mannschaften verteilen. Viele Teams aber spielen absichtlich eine ganze Saison schlecht, um bald das beste Talent zu ergattern. Absteigen können sie ja nicht, wenn sie dauernd verlieren, es gibt in den USA keine zweite oder dritte Liga. So wird nicht Leistung belohnt, sondern Verlieren. In der Bundesliga mag nicht alles perfekt sein, aber zumindest verliert niemand absichtlich. Nicht einmal Darmstadt.

Bayern, muss man zugeben, hat sich seine Millionen auch durch jahrzehntelange gute Leistungen verdient. Wir in Europa sind dafür, dass Leistung belohnt wird und Verlierer mit dem Abstieg bestraft werden. Im Sport sind wir keine Kommunisten, auch wenn wir Fans oft damit hadern. Aber wenn alles gerecht scheinen würde, könnten wir uns auch nicht mehr aufregen. Dann wäre unser kleinster gemeinsamer Nenner weg. Deswegen stimme ich oft nur zu und freue mich einfach, dass wir etwas zu reden haben bei Doppeldates und Hochzeitsfeiern. Fußball sei Dank.

Dominik Bardow schreibt in seiner Kolumne für den Freitag regelmäßig über sportives Privatvergnügen

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Geschrieben von

Dominik Bardow

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