Geständnis eines Touristen

Der Sportsfreund Unter Pingpong-Shows stellt sich der Ahnunglose wohl etwas anderes vor. Die Darbietungen sind in Thailand illegal – zuecht
Dominik Bardow | Ausgabe 03/2016 3

Ich fühle mich schlecht. Ich wollte aus dem Urlaub berichten, vom Muay-Thai-Boxen, fand aber in Bangkok keinen passenden Kampftermin mehr. Stattdessen waren ein Backpacker-Freund und ich in einer Pingpong-Show. Ich hoffe, Sie wissen nicht, was das ist, befürchte aber, Sie wissen es doch. Na ja, hatte ich gedacht, das Ganze hat ja auch eine sportliche Komponente, wenn eine Frau ihren Unterleib trainiert. Tatsächlich hat es mich nur verstört, und ich muss es mir jetzt von der Seele schreiben. Wer empfindlich ist, sollte besser nicht weiterlesen.

Ich habe während meiner Thailand-Reise allerlei Zeug probiert, Skorpione gegessen, Elefanten geritten und meinen Kopf auf einen Tiger gelegt. Man will ja nachher etwas zu erzählen haben. Auch wenn mir schon klar war, dass das nicht gut sein kann für die Betroffenen, in dem Fall die Tiere. Aber die Neugier war stets größer. Ich schätze, das treibt Touristen wider besseres Wissen auch in diese Pingpong-Shows.

Ein Mann auf der Straße hatte uns zugeflüstert: „Pingpong, 12 Euro 50 plus Freigetränk.“ Er fuhr uns zu einem Hinterhof, in dem viele Thai-Männer rauchten. Aus einer Tür kamen kopfschüttelnde Touristen. Eine Frau führte uns in eine Hinterzimmerbar mit einer Bühne in der Mitte, um die etwa 30 Leute saßen, alles Backpacker-Touristen, gut die Hälfte Frauen. Auf der Bühne wechselten sich drei füllige Thailänderinnen ab. Ihre Mienen waren beim Tanzen ausdruckslos. Die Menge johlte und klatschte, als sie sich hinhockten.

Ich weiß nicht, wie ich beschreiben soll, was dann geschah. Die Frauen öffneten Colaflaschen, bliesen in Trillerpfeifen, rauchten Zigaretten, pusteten Kerzen auf Torten aus – nur eben nicht mit der Hand oder dem Mund. Sie zauberten Girlanden, Tischtennisbälle und Bananen aus sich hervor und feuerten sie ins Publikum. Ich duckte mich und hielt meine Hände fassungslos vor meinen Mund. Die Besucher, auch die weiblichen, schienen sich aber zu amüsieren. Ein betrunkener Tourist hielt feixend einen Ballon hoch. Ich werde nie verstehen, wie der Pfeil so schnell aus einem Blasrohr sauste und genau den Ballon traf.

Neue Gäste wurden angekarrt. Wir gingen. Die ganze Nummer hat mich ratlos zurückgelassen. Ich weiß nicht, wie gesundheitsgefährdend dieser, nun ja, Sport für die Frauen ist, ob sie eine andere Wahl hatten oder ob sie es als Erniedrigung empfanden. Im Netz stößt man nur auf negative Berichte über solche Shows. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es nicht schlimmer wäre, sich bei einem alten, dicken weißen Sextouristen auf der Straße einzuhaken, wie es in Bangkok so viele Frauen tun. Hätte ich nachgefragt, hätten die Barbesitzer wohl so reagiert wie bei meinem Begleiter, der im Hinausgehen den Hinterhof fotografierte: Sofort umzingelte ihn eine Gruppe wütender Männer, er löschte das Bild umgehend.

Pingpong-Shows sind in Thailand illegal. Aber die Touristen gehen hin. Aus Neugierde, damit sie nachher etwas zu erzählen haben. So wie ich jetzt. Und ich bereue es. Es schadet wohl nicht nur den Frauen, sondern auch den Besuchern. Ich habe in Thailand auch Sinnvolles gelernt, habe zwei Tage in einem Kloster meditiert. Ein Mönch dort sagte, man könne den Verstand so sehr vergiften wie den Körper oder die Umwelt. Allein deshalb rate ich von Pingpong-Shows ab. Wenn schon nicht, um dieses Gewerbe zu boykottieren, dann wenigstens, um sich die Erinnerung zu ersparen. Ich fürchte, ich werde bis an mein Lebensende hochschrecken, wenn ich ein Plopp-Geräusch höre.

Dominik Bardow schreibt in seiner Kolumne für den Freitag regelmäßig über sportives Privatvergnügen

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06:00 23.01.2016
Geschrieben von

Dominik Bardow

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