Dominik Bardow
Ausgabe 0116 | 20.01.2016 | 06:00

Kinder der Gazelle

Nicht in Berlin Die ganze Welt soll nach Abu Dhabi kommen. Unser Autor ist schon mal vorgereist

Inzwischen hat ihn wohl schon die halbe Welt gesehen, diesen Wüstenplaneten in einer weit, weit entfernten Galaxis, auf dem der Kampf zwischen der hellen und der finsteren Seite der Macht tobt, der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. Doch nur die wenigsten wissen, dass Jakku, die Sandlandschaft aus dem Kino, in Wirklichkeit in Abu Dhabi liegt. Ich war selbst gerade dort und muss zugeben: Das Wüsten-Emirat sieht nicht weniger futuristisch aus als Star Wars. Und so scheint es geradezu folgerichtig, dass der letzte Teil des Blockbusters teilweise dort gedreht wurde. Einen großen Unterschied gibt es allerdings: Im Film sind sich alle einig, wer böse ist und wer gut.

In der Realität sehen die Emire ihre Staaten zwar als zukunftsweisende, leuchtende Sterne, doch vor allem vom Westen werden sie meist auf der dunklen Seite verortet. Glamour und Ödnis, Reichtum und Unterdrückung sind die Gegensätze im Morgen- und Gesternland, in dem immer weitere Paläste aus dem Wüstensand in den Himmel emporragen, während Aktivisten die Arbeitsbedingungen für die Ärmsten und die Waffengeschäfte der Reichen anprangern.

Weil man es kann

Ein Kollege und ich hatten einen Artikel für einen internationalen Sportjournalisten-Preis eingereicht und waren nun zur Verleihung in Abu Dhabi eingeladen, Flugtickets und Hotelzimmer inklusive. „Für uns ist das Marketing, das nicht viel kostet“, sagte mir ein einheimischer Journalist vor Ort. Wir sind am Ende Zweite geworden und haben ein stattliches Preisgeld bekommen. Abu Dhabi war also mehr als gut zu uns. Aber ist es das auch zu allen anderen?

Abu Dhabi wird Besucher sicher bald auch mit Star-Wars-Reliquien locken, schließlich hat das Emirat auch Ableger des Louvre- und des Guggenheim-Museums sowie eine Ferrari-Welt an den Arabischen Golf geholt. In einen Stadtstaat, der kaum größer ist als Berlin, in die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, zusammen so groß wie Österreich. Die meisten Menschen machen hier nur Zwischenstopp und wälzen sich in Schalensitzen, bis ihr Anschluss nach Asien abhebt. Am Flughafen traf ich aber ein junges Paar, das gerade geheiratet hatte und nun die Flitterwochen in Abu Dhabi verbringen wollte. Ich gratulierte und fragte mich: Warum ausgerechnet hier? Die Hotels sind natürlich erstklassig, aber was gibt es sonst?

Wer auf die T-förmige Insel fährt, auf der Abu Dhabi liegt, sieht auf der Brücke nur wenige Autos, die dafür umso teurer wirken. Wie die Wolkenkratzer, die sich vor einem auftürmen, in denen aber nur wenige Büroangestellte und Hotelgäste ein und aus gehen. Alles wirkt zu groß angelegt für offiziell 1,5 Millionen Bewohner, von denen nur 20 Prozent Einheimische sind. Ein Manhattan, erbaut, einfach weil man es kann, aber man benutzt es kaum. Auch unser Fünfsternehotel in den 300 Meter hohen Etihad Towers wirkte außer von uns Nominierten kaum belegt, dabei ist gerade Wintersaison.

Aus unserem Zimmer im 32. Stock waren schon die nächsten Bautürme zu sehen und noch einige brache Inseln. Auf einer stand nur eine einzige Villa, dafür mit grünem Garten. Doch die Massen sollen ja noch kommen. Abu Dhabi versucht, ein Traumziel für Touristen zu werden. Laut eigener Auskunft haben hier 2014 schon 3,5 Millionen Menschen in Hotels übernachtet, im benachbarten Dubai waren es sogar 11,6 Millionen, Tendenz steigend.

Wo die Menschen sind

Die Konkurrenz ist groß unter den Emiraten, auch zu den Golf-Nachbarn Oman, Katar und Bahrain. Sie alle sind durch Öl- und Gasfunde schnell reich geworden, doch drohen die Vorhaben irgendwann auszugehen. Bis dahin soll der Tourismus eine tragende Säule der Wirtschaft sein. Die Welt soll kommen. Deswegen holte sich Katar die Fußball-WM 2022 ins Land, Bahrain und Abu Dhabi immerhin einen Grand Prix der Formel 1. Aber auch die größte Waffenmesse der Welt findet jährlich in Abu Dhabi statt. Die Herrscherfamilie wird verehrt, aber über Politik wenig diskutiert. Die Emiratis sind dafür umso sportbegeisterter, im Fernsehen werden sogar Bowling- und Holzhackwettbewerbe übertragen. Auf den vielen begrünten Sportplätzen findet man dagegen kaum Menschen. Vielleicht weil die meisten Einheimischen lieber in luftigen Gewändern durch klimatisierte Einkaufszentren flanieren, als sich im Freien zu bewegen, wo die Temperaturen im Sommer 50 Grad übersteigen und es im Dezember immer noch 28 Grad waren.

„Abu Dhabi“ bedeutet übersetzt „Vater der Gazelle“. Vor wenigen Jahrzehnten war hier nichts als flacher Sand, erfuhren wir bei einem Besuch im Heritage Village, in dem ein Beduinendorf nachgestellt war. Im Hintergrund erhob sich die Skyline. Näher kamen wir in zwei Tagen Kamelen und Wüstenboden nicht. Der Film Star WarsDas Erwachen der Macht wurde 200 Kilometer weiter südlich gedreht, an der Grenze zu Saudi-Arabien. Auf einer Bootstour erklärte man uns dann, wie Perlentaucher hier jahrhundertelang ihr Leben unter Wasser riskierten, bis japanische Zuchtperlen ihr Geschäft zerstörten. Doch Allah sei Dank fand sich ein neuer Schatz, das Öl. Der Sprung von der Stammes- zur Zukunftsgesellschaft ging dann schnell, für einige zu schnell.

Flaniert man durch die Straßen, trifft man wenig Einheimische und kaum Touristen. Am Wegesrand schwitzen Arbeiter, die den Bürgersteig noch fertigstellen müssen. Nur Kopfwickel und Helme schützen sie gegen die Sonne. Bauarbeiter wie Hotelangestellte kommen hier meist aus Indien, Nepal oder von den Philippinen. Sie bringen vergleichsweise viel Geld heim, genießen aber kaum Bürgerrechte und leben abseits der Glitzerstadt auf dem Festland, nahe der Wüste, wo weniger Lichter leuchten. Aber wenn nicht gerade eine Fußballweltmeisterschaft im Land ansteht, wie in Katar, interessiert ihr Schicksal nur wenige. Abu Dhabi? Am Ende war ich verloren in der Geisterstadt.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/16.