Lasst die Amateure ran!

Der Sportsfreund Mit Olympia ist es wie bei der Fußball-EM: Die Profis sind müde oder lustlos. Warum also sollen die überhaupt dabei sein?
Dominik Bardow | Ausgabe 31/2016 3
Lasst die Amateure ran!
Letzter Platz, aber große Hingabe: Eric „the Eel“ Moussambani, 2000 in Sydney
Foto: Gallo Images/Imago

Ganz ehrlich, ich habe keinen Bock auf Rio. Olympische Spiele kann ich jetzt echt nicht gebrauchen. Ich bin noch völlig erledigt von der Fußball-Europameisterschaft, von langen Abenden und zähen Matches. Jetzt noch mal 16 Tage Sport-Großevent? Brauchen das die Zuschauer?

Olympia verliert allmählich an Fans und Bedeutung, die Einschaltquoten zumindest sinken seit Jahren kontinuierlich. Und Meldungen über Zika, soziales Elend und Baupfusch machen nicht gerade Lust auf unbeschwerte Spiele. Dabei habe ich durchaus ein Herz für Sport, gerne auch in abseitigen Disziplinen. Manche Sportarten sehe ich bei Olympia zum ersten Mal live und bleibe fasziniert am Fernseher hängen. Rugby ist zum Beispiel wieder dabei, das zu sehen, darauf hätte ich Lust. Aber wenn die Übertragungen ständig zwischen den Wettbewerben springen – gerade noch lief da wer, jetzt springt jemand, gleich wird geschwommen –, werde ich wahnsinnig.

Die meisten Sportler sind ja auch irgendwie austauschbar. Die gleiche Badekappe, die gleiche Fechtermaske, die gleichen Radlerhosen. Kaum einer sticht heraus. Die bekanntesten Golfer, Fußballer oder Basketballer sind ja gar nicht dabei, die haben so wenig Bock auf Rio wie ich. Das war schon bei der Fußball-EM zu sehen: Viele hochbezahlte Profis wirken nach einer langen Saison müde oder lustlos.

Am liebsten schaue ich deshalb die Eröffnungsfeier, auch an diesem Freitag wieder. Staunend stelle ich jedes Mal fest, wie viele Länder es gibt auf der Welt, 206 nehmen teil. Und während Deutschland mit 425 Athleten durch die Manege stolziert, hält bei Afghanistan, Laos oder Togo jeweils nur ein Sportler das Fähnchen seines Landes hoch. Und strahlt über das ganze Gesicht.

Die sogenannten Exoten begeistern mich auch in den Wettkämpfen. Sie kommen mit Abstand als Letzte ins Ziel, aber freuen sich einfach, dabei zu sein. Das Publikum feiert sie. So wie Schwimmer Eric „the Eel“ Moussambani aus Äquatorialguinea, der 2000 in Sydney auf 100 Metern Freistil fast ertrunken wäre. Oder Ruderer Hamadou Djibo Issaka aus Niger, dem der Stadionsprecher in London 2012 „Du schaffst das!“ zurief, als alle schon im Ziel waren. In Rio werden wieder viele Anfänger dabei sein. Wenn eine Läuferin wie Sarah Attar aus Saudi-Arabien 2012 als erste Frau ihr Land vertritt, dann geht es für mich nicht darum, welche Zeit sie erreicht. Höher, schneller, weiter ist mir egal. Dabei sein ist alles, darum ging es doch mal bei Olympia, um Spaß am Sport. Die Exoten machen weiter, selbst wenn ihnen alle davonrennen. Da geht mir als Zuschauer das Herz auf.

Klar werden selbst die Außenseiter vermarktet. Der Rodler Bruno Banani aus Tonga änderte dem Sponsor zuliebe seinen Namen. Aber echte Begeisterung an der Bewegung ist unbezahlbar und ansteckend, auch am Fernseher, tausende Kilometer entfernt.

Deshalb, liebes Olympisches Komitee, mein Appell: Ladet die ganzen Profis wieder aus, die sich nach Rio schleppen, für Geld oder Ruhm. Lasst wieder Amateure antreten! Die erbringen zwar nicht die besten Leistungen, aber sind mit Freude dabei. Das wäre auch ein schönes Zeichen gegen den Größenwahn, der viele demokratische Länder davon abhält, Olympia-Gastgeber zu werden. Nur mit Höher und Schneller geht es nicht weiter. Dann bekommen wir Zuschauer auch nach einer langen Sport-Saison wieder Energie und entdecken Olympia neu, gemeinsam mit den Anfängern in den Arenen. Mit dem Herzen dabei sein, das ist alles.

Dominik Bardow schreibt in seiner Kolumne für den Freitag regelmäßig über sportives Privatvergnügen

06:00 06.08.2016
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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