Tu es für den Körper, Junge!

Der Sportsfreund Unser Autor bekommt mit 33 Jahren die ersten Leiden des Alters zu spüren. Doch eines hat er von seinem Vater gelernt: Aufgeben ist verdammt noch mal keine Alternative
Tu es für den Körper, Junge!
Sieht entspannt aus, ist in Wirklichkeit aber eine Qual: Reha

Foto: Adrian Murell/Getty Images

Vor einem Monat hatte ich einen Hexenschuss. Ich will jetzt kein Mitleid, aber es war schon mein dritter. Dabei hatte ich nur meinen Schlüssel gesucht, mich nach links gedreht, nach rechts geschaut, und schon schoss der Schmerz ins Kreuz. Den letzten hatte ich immerhin noch beim Fahrradfahren. Es war einfach frustrierend, selten habe ich mich so alt und schwerfällig gefühlt. Eine Woche schlich ich krumm herum, ließ mir Schmerzen wegspritzen, dann begann die Physiotherapie. Immerhin war ich in professionellen Händen. In einem Reha-Zentrum in Berlin-Mitte, in dem sich auch viele Profisportler fit machen lassen.

Überall hingen gerahmte Trikots herum, bekritzelt mit Dankesworten der Athleten für die Physios. Ich war ihnen nicht ganz so dankbar. Mit quälenden Übungen ließen sie mich am Boden kauernd meine Beckenbodenmuskulatur kräftigen. Ich wusste nicht einmal, dass ich so etwas habe. Mit einer Fußfessel musste ich Gewichte ziehen, während immer jemand neben mir stand und mir sagte, was ich alles falsch mache. So in etwa, dachte ich, muss sich die Ehe anfühlen. Aber die Tortur traf ja nicht nur mich, sondern auch: Fußballerinnen von Turbine Potsdam, Basketballer von Alba Berlin, Volleyballer der Berlin Volleys. Sie alle schindeten sich und wurden ständig getriezt. Hinter den Kulissen ist Profisport eine ganz schön Quälerei. Aber ein verletzter Spieler, der monatelang in der Reha alleine an Maschinen und auf Matten schwitzt, bekommt wenigstens Tausende von Euro dafür. Ich muss zuzahlen, weil die Kasse nicht alles übernimmt. Mich hat die Plackerei jedenfalls sehr frustriert. Ich hatte ja schon vorher prophylaktisch jeden Morgen Frühsport gemacht und dennoch wieder einen Hexenschuss bekommen. Trotzdem muss ich mich mit gerade einmal 33 Jahren quälen, nur um mich wieder normal zu fühlen. Profisportler werde ich jedenfalls nicht mehr. Und es schützt meinen Rücken immer noch nicht hundertprozentig. Wofür lohnt sich dann noch, sich zu überwinden?

Dann musste ich an meinen Vater denken. Ich verdränge den Gedanken oft, aber er hat Bauchkrebs. Das Ende des Jahres wird er nicht mehr erleben, sagen die Ärzte. Aber jedes Mal, wenn ich ihn besuche, turnt er am Bettkantenrand, rafft sich zu Spaziergängen über Krankenhausflure auf und trainiert die Lunge an einer Art Blasebalg, so gut es noch geht. Das wird ihn nicht mehr retten, höchstens den Rest Leben ein wenig erleichtern. Er macht es trotzdem, gewissenhaft. Vielleicht weil er einfach ein pragmatischer Mensch ist, der sich nicht, wie ich, ständig mit Fragen nach dem Warum aufhält. Er konzentriert sich auf das, was er tun und beeinflussen kann. Der Rest liegt nicht in seiner Hand. Wie er dem Tod gegenübertritt, ringt mir Respekt ab. An ihm kann ich mich aufrichten, wenn ich verzweifle, dabei ist er der Kranke. Mein Vater wollte nie Profisportler werden, er hat nicht mal gerne Sport getrieben. Dafür schuftet er jetzt, um noch einmal bis zum Fluss zu kommen, der direkt vor seinem Haus fließt. Ich sollte froh sein, dass ich noch Beckenbodenmuskulatur habe. Im Prinzip ist es egal, ob man einen Hexenschuss hat, ein kaputtes Knie oder todkrank ist, ob man 33 oder 70 ist, wie hoch oder gering die Erfolgsaussichten sind.

Wir kämpfen nicht gegen unseren Körper, sondern für ihn, um uns besser zu fühlen, einen Moment. Aufgeben, habe ich jedenfalls gelernt, ist verdammt noch mal keine Alternative.

Dominik Bardow schreibt in seiner Kolumne für den Freitag regelmäßig über sportives Privatvergnügen

06:00 16.04.2016
Geschrieben von

Dominik Bardow

Autor des Freitag
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