Anschlag in Reyhanli. Wer steckt dahinter?

Türkei/Syrien Für die türkische Regierung standen die Täter des Bombenanschlags in Reyhanli schnell fest. Doch an der offiziellen Darstellung mehren sich die Zweifel.
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Beinahe stündlich werden die Nachrichten über den verheerenden Bombenanschlag in Reyhanli, Türkei in den Onlineangeboten der Tageszeitungen und Wochenmagazinen aktualisiert. Staatliche Stellen der Türkei sprechen von 49 Opfern der Anschläge, während lokale Quellen von bis zu 300 Toten ausgehen.

Für die türkische Regierung sind die Urheber der Tat klar. Der syrische Geheimdienst hätte zusammen mit linksradikalen Gruppen, der DHKP-C sowie der THKP-C, und der Unterstützung von Angehörigen der diskriminierten Minderheit der Aleviten die zwei Autobomben gelegt. Auch syrische Kriegsflüchtlinge, die immer häufiger von Anwohnern attackiert werden, sind verdächtigt an dem Anschlag beteiligt gewesen zu sein.

Nachdem kaum 24 Stunden nach dem Anschlag 9 Mitglieder der DHKP-C und der Splittergruppe THKP-C festgenommen wurden, verkündete Premier Recep Tayyip Erdogan noch einmal wen er wirlich hinter der Tat vermutet. Er habe "keine Zweifel mehr an der Verantwortung des syrischen Regimes" für den grausamen Bombenanschlag verantwortlich zu sein. Dies sei "gewiss".

Voraus gingen diesem sensationell schnellen Fahndungserfolg eine staatlich verhängte Nachrichtensperre über alles was mit Reyhanli und dem Bombananschlag zusammenhängt. Nach einer kurzen Ermahnung zur "Zurüchaltung" von Seiten der türkischen Regierung was Spekulationen über die Urheberschaft betrifft, wurden der Öffentlichkeit die vermeintlich Schuldigen präsentiert.

Doch es mehren sich immer mehr Zweifel an der offiziellen Darstellung. Die Grenzregion Hatay, in der die Stadt Reyhanli sich befindet, ist nur einen Steinwurf von Syrien und damit vom dortigen Bürgerkrieg entfernt. Die türkische Regierung unterstützt dort offen den sunnitisch-islamistischen Widerstand gegen das Regime von Baschaar-al-Assad. Waffen und Sprengstofflieferungen an die dortigen Rebellen wurden immer wieder publik gemacht. Waffenkonvois und bewaffnete islamistische Kämpfer passieren munter die Grenze zur Türkei und wieder zurück. Die Sicherheitskräfte haben, nach Auskunft von lokalen Quellen, Anweisungen erhalten diese nicht zu kontrolliern.

Und noch ein weiteres pikantes Detail läßt zumindest Zweifel an der offiziellen Darstellung aufkommen. In türkischen Medienblogs macht ein Video die Runde welches von Angehörigen der Al-Nusra-Front aufgenommen wurde. Dieses Video zeigt wie Mitglieder der sunnitisch-islamistischen Gruppe den Anschlag filmen und "Allah" preisen. Die Al-Nusra-Front unter der Führung von Ayman-Al-Zawahiri gehört zum Netzwerk Al-Quaida des verstorbenen Osama Bin Laden. Zawahiri selbst ist auf der Liste des meistgesuchtesten Männer des US-Inlandsgeheimdienstes FBI zu finden, es wird im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. September nach ihm gefahndet. Die Al-Nusra-Front ist Teil des Büdnisses "Mujahideen" welches wie auch die "Freie Syrische Armee" und die kurdische "Partei der Demokratischen Union" gegen das Regime von Baschaar-al-Assad im syrischen Bürgerkrieg kämpfen.

Wurde der blutige Doppelanschlag von der Al-Nusra-Front verübt um die internationale Gemeinschaft zu einem Eingreifen im syrischen Bürgerkrieg zu bewegen? Interesse an einem Eingreifen hätten mehrere Mächte in der Region. Von den absolutistischen Emiraten der arbabischen Halbinsel, allen voran Saudi-Arabien und Katar über Frankreich wie natürlich die Kämpfer der Anti-Assad Koalition. Interessant ist deswegen die schnelle Festlegung der Erdogan Regierung auf die Syrer und die linksradikalen Gruppen. Die DHKP-C (Revolutionäre Befreiungspartei-Front) hat heute in einer Stellungnahme jede Beteiligung an dem Bombenanschlag von sich gewiesen. Und auch die syrische Regierung weist die Beschuldigungen zurück und beschuldigt ihrerseits die türkische Regierung ein Eingreifen der NATO in den Syrienkonflikt vorbereiten zu wollen.

Sicher sind auf jeden Fall die Großmachtsambitionen der AKP und des türkischen Premiers Erdogan in der Region. Dieser tanzt in Äußerungen noch zwischen kräftigen Sprüchen in Richtung Damaskus und beschwichtigenden Äußerungen hin und her. Doch hinter den Kulissen verlangt er von den USA und Großbritannien die Rebellen mit noch mehr Waffen zu beliefern. In Washington und London wird derweil noch gezögert. Denn es ist nicht absehbar ob diese Waffen nicht zu anderer Zeit und andernorts wieder eingesetzt werden könnten.

Das Video der Al-Nusra-Kämpfer:

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=y5s32NxnhhY

21:55 14.05.2013
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Geschrieben von

Dominik Lehmann

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