Katalonien wird nicht aufgeben!

Info-Blog (7) Die katalanische Zeitung "El Nacional.cat" ließ vor Tagen die Leser*innen über nachstehende Frage abstimmen:
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"Glauben Sie, daß vor dem 22. Mai eine Regierung in Katalonien steht?" Das Abstimmungsergebnis war eindeutig: 81% der Leser*innen stimmten mit Ja - und der Rest setzte -wie ich auch- wenig Hoffnung auf die parlamentarischen Independentistas, dass sie sich auf einen gemeinsamen und juristisch wasserdichten Kandidaten bzw. Kandidatin einigen. Insbesondere die CUP bleibt ihrer Haltung treu und schlägt alle personellen Alternativen zu Puigdemont kategorisch aus. Wenn die Investitur in den nächsten Wochen nicht gelingen sollte, dann sind Neuwahlen für wahrscheinlich Juni angesagt. Letzteres wäre ein Rückschritt im Kampf für die "Zurückeroberung der Republik" (Anna Gabriel), da selbst viele Anhänger*innen der Independentistas aus Enttäuschung bzw. Resignation mit Wahlmüdigkeit reagieren könnten. Zudem würden die unionistischen Parteien unter Federführung der rechten Ciudadanos die bisherige Mehrheit der Independentistas Ernsthaft in Frage stellen ( sog. faire Wahlen unter Artikel 155 wird es nicht geben).

Ein "Sieg für die Katalanische Republik über die Monarchie des 155" wie am 21-D kann, aber muss nicht zwingend eintreten. Vor diesem Hintergrund sollten die parlamentarischen Independentistas bis zum 22. Mai regierungsbildend agieren, da allein die Internationalisierung sowie die juristische Verteidigung des demokratischen Rechts auf Unabhängigkeit dem Wählerauftrag vom 21-D in keinster Weise im Parlament gerecht wird. Noch ist es nicht zu spät für die Bildung einer unabhängigkeitsorientierten Regierung. ------------------------------------------------------

Ein zweites Mal wurde ein katalanischer Präsident von Deutschen in Gefangenschaft genommen. Insofern steht die Inhaftierung von Puigdemont - historisch betrachtet - im Schatten der Vergangenheit: "Zunächst ist zu beachten, dass es die deutsche Gestapo war, die im besetzen Frankreich den mit deutscher Unterstützung weggeputschten katalanischen Regierungschef Lluis Companys verhaften ließ. Companys wurde schließlich von der Gestapo an die Faschisten in Spanien übergeben, schwer gefoltert und danach erschossen." Und weiter heißt es im Artikel von Ralf Streck: "Vor einigen Monaten hatte schon ein Sprecher der regierenden spanischen Volkspartei (PP) erklärt, dass Puigdemont wie Companys "enden könne", was als Morddrohung verstanden wurde." weiterlesen hier Jagd auf Separatisten: Im Unterschied zu Belgien wurde Puigdemont in Deutschland festgenommen

In diesem Zusammenhang appelliert Rovira an die deutsche Bundesregierung bzw. an die Bundeskanzlerin: "Das heutige spanische Regime ist nicht wie die Franco Diktatur, hat aber vieles von deren politische Gesinnung behalten. Im heutigen Spanien gibt es keine Gewaltenteilung mehr. Puigdemont ist ein politisch verfolgter Mensch, der keine Gerechtigkeit von den politisierten, spanischen Richtern und Staatsanwälten erwarten kann. Die Auslieferung an Spanien wäre eine Schande für ein Land, das zu Recht als eines der demokratischsten Länder der Welt gilt. Man kann nur an die zuständigen deutschen Behörden appellieren. Bitte lassen Sie so ein Unrecht nicht geschehen; spielen Sie bitte nicht in die Hände der spanischen Ultranationalisten, die in Katalonien die Grundprinzipien der westlichen Demokratie mit den Füßen schamlos zertrampeln." Offener Brief an Fr. Dr. Angela Merkel

Was Rovira noch als vorherrschende "selektive Demokratie" in Spanien bezeichnet, kann der Katalonienkenner Axel Schönberger mehr als nur unterstreichen - und spricht von schwersten Menschensrechtsverletzungen durch das Rajoy-Regime: "Die Menschenrechtsverletzungen reichen von millionenfacher illegaler Kontrolle von Ferngesprächen, Briefen und E-Mails und der Verwehrung des kollektiven Menschenrechts auf Selbstbestimmung über die unverhältnismäßige und exzessive Ausübung körperlicher Gewalt bis zur Einschränkung der Menschenrechte auf freie Meinungsäußerung und Meinungsfreiheit, des Rechts auf friedliche Versammlung und der Wahrnehmung des aktiven und passiven Wahlrechts. Es ist ein unerhörter Skandal, dass es in demokratischen Wahlen gewählten katalanischen Politikern untersagt wird, an Sitzungen des katalanischen Parlaments teilzunehmen, dort ihr Wahlrecht auszuüben und sich auch selbst zur Wahl zu stellen! Ein Land, in dem wie in Spanien so etwas staatlicherseits vorsätzlich und wiederholt ungestraft praktiziert wird, ist weder ein Rechtsstaat noch eine Demokratie. Wer angesichts solcher Umstände zynisch kommentiert, dass Spanien ein "demokratischer Rechtsstaat" sei, muss sich fragen lassen, ob er in den dreißiger Jahren auch das nationalsozialistische Deutschland als solchen bezeichnet hätte." weiterlesen hier Die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen in Westeuropa seit den letzten Jahrzehnten"

Apropos Festnahme von Puigdemont erklärte der europapolitische Sprecher der Linkspartei im Bundestag, Andrej Hunko, "dass es nicht überraschend wäre, wenn Puigdemont in Deutschland vom spanischen Geheimdienst ausgeschnüffelt wird. Bereits die Aktivitäten, die Ende März zur Festnahme Puigdemonts durch die Polizei in Schleswig-Holstein geführt hatten, müssten hinterfragt werden. Ein Agieren der Geheimdienste wäre »politisch skandalös«, so Hunko." Spitzel gegen Puigdemont

Im schweizerischen "Vorwärts" heißt es im Zusammenhang mit der offensichtlichen Bespitzelung von Puigdemont: "Spanische Geheimdienste sorgten am 25. März für eine zielgenaue Festnahme von Carles Puigdemont – in Kooperation mit dem Bundeskriminalamt und der Bundespolizei Deutschlands. In den Medien wird darüber nur in wenigen Andeutungen berichtet, die Öffentlichkeit erfährt nichts.

Puigdemonts Verhaftung war also das Ergebnis einer Geheimdienstoperation. Der CNI hat jahrzehntelange Übung darin, untergetauchte Etarras, Mitglieder der baskischen Widerstandsorganisation Eta und Flüchtlinge aus dem Baskenland, im Ausland aufzuspüren und Hinweise für Verhaftungen zu geben – letztes Jahr etwa in Berlin: Am 27. Oktober 2017 wurden dort Iñigo Gulina Tirapu und Mikel Barrios verhaftet aufgrund Europäischer Haftbefehle wegen angeblicher Eta-Mitgliedschaft und damit zusammenhängender Straftaten in Spanien und Frankreich.

12 AgentInnen des CNI und weitere Beamte der Comisaría General de Información, des Geheimdienstes innerhalb der Nationalpolizei Spaniens, verfolgten im März 2018 jeden Schritt von Carles Puigdemont, seit er Belgien verlassen hatte. An dem Auto, mit dem Puigdemont gemeinsam mit vier weiteren Personen am 23. März in Helsinki los fuhr, hatten die AgentInnen einen GPS-Peilsender angebracht, einen «Geolocalizador», wie es auf Spanisch heisst. Wo Puigdemont verhaftet wurde, entschieden die spanischen AgentInnen in Absprache mit dem BKA. Wie üblich, beschränkten sich die Agent-Innen auf die Vorbereitung, die Festnahme selbst führte die Einsatzgruppe der Bundespolizei durch.

Das Vorgehen des CNI soll dabei vom spanischem Geheimdienstgesetz gedeckt sein, welches als Aufgabe die «Neutralisierung von Bedrohungen der nationalen Sicherheit» festlegt. InformantInnen aus Geheimdienstkreisen betonen gegenüber spanischen Zeitungen wie beispielsweise «El País», die internationale Zusammenarbeit mit Geheimdiensten anderer, befreundeter Staaten – wie in diesem Fall mit Deutschland – sei dabei fundamental, wie etwa die Internetzeitung «Público» schreibt." Spanien entscheidet mit

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An Zynismus ist die deutsche Bundesregierung offensichtlich nicht zu überbieten, wenn sie im Zusammenhang mit Puigdemonts Auslieferungsverfahren folgende Erklärung durch die deutschen Leitmedien verbreiten läßt: "Spanien ist ein demokratischer Rechtsstaat", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Es sei die Überzeugung der Bundesregierung, dass der Katalonien-Konflikt innerhalb der spanischen Rechts- und Verfassungsordnung gelöst werden müsse. "Aus diesem Grund haben wir in den vergangenen Monaten die klare Haltung der spanischen Regierung zur Gewährleistung dieser Rechts- und Verfassungsordnung auch unterstützt", fügte Seibert hinzu." Berlin will Puigdemont nicht helfen

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Die Bundesregierung wird aber eine klare Stellung zur Auslieferung von Puigdemont beziehen müssen, so Puigdemonts deutscher Anwalt Wolfgang Schomburg. Er fordert eine Nichtauslieferungserklärung der Bundesregierung. Schomburg ist der Auffassung, "dass das Auslieferungsverfahren nicht nur juristisch, sondern auch politisch beendet werden muss. Da die Regeln der Internationalen Rechtshilfe eine politische Bewilligung des spanischen Rechtshilfeersuchens verlangten, habe er Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) dazu aufgefordert, "unverzüglich" zu erklären, dass sie diese politische Bewilligung verweigern wird, damit "spanische Interessenskonflikte" nicht "auf deutschem Boden ausgetragen" werden.

Außerdem kündigte Schomburg an, das Bundesverfassungsgericht einzuschalten, falls Puigdemont nicht bald freigelassen wird. Das auch von anderen namhaften Juristen angegriffene Gewaltkonstrukt des spanischen Richters Pablo Llarenas hält er für "unhaltbar"." weiterlesen hier Ehemaliger Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vertritt Puigdemont

Allerdings schrieb das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein am 5. April in seiner Begründung zur Aussetzung der Auslieferungshaft, "dass es im Fall des abgesetzten katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont lediglich eine Auslieferung wegen des Vorwurfs der Untreue, aber keine wegen "Rebellion" für möglich halte, weil die vom spanischen Richter Llameas konstruierte Gewaltgefahrschaffung nach deutschem Recht nicht strafbar sei." Aber auch der zentrale Vorwurf im derzeit laufenden Auslieferungsverfahren gegen Puigdemont am Oberlandesgericht in Schleswig gerät ins Wanken, d.h. der Veruntreuungsvorwurf (mit Steuergeldern das "illegale" Referendum finanziert zu haben) von Llarena gegenüber Puigdemont. Dazu der eher pro-spanische "Spiegel": "Der Madrider Ermittlungsrichter Pablo Llarena forderte am Mittwoch Spaniens Finanzminister Cristobál Montoro in einer richterlichen Verfügung auf, seine Behauptung näher zu begründen, die katalanische Regierung habe keinen einzigen Euro Staatsgeld für das verbotene Abspaltungsreferendum am 1. Oktober 2017 ausgegeben. "Ich weiß nicht, mit welchem Geld diese chinesischen Urnen vom 1. Oktober bezahlt wurden", hatte Montoro am Montag der Zeitung "El Mundo" gesagt. "Aber ich weiß: nicht mit öffentlichem Geld."

Mit dieser Aussage entlastet der spanische Finanzminister den Katalanen Puigdemont. Richter Llarena hatte in seinem Haftbefehl gegen den abgesetzten Regionalchef geschrieben, die Separatistenregierung habe öffentliche Mittel in Höhe von 1.602.001,57 Euro für das Referendum ausgegeben. Im Haftbefehl beantragte er daher Puigdemonts Auslieferung wegen angeblicher "Korruption". Montoros Zitate widersprechen Llarenas Erläuterungen. Vor ihm hatte auch schon Premierminister Mariano Rajoy erklärt, aus dem regionalen Liquiditätsfonds der Zentralregierung sei "kein einziger Euro" für das Plebiszit ausgegeben worden." Veruntreut oder nicht veruntreut, das ist hier die Frage

Vor diesem Hintergrund das Video, in dem Rajoy zugibt, dass Puigdemont kein Geld veruntreut hat:

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Die extrem politisierte Justiz in Spanien unterhält mit Pablo Lllarena aus unionistischer Sicht den erfolgreichsten Saboteur von Regierungsbildungen in Katalonien: "Am 20. März gab es den vierten Versuch, einen neuen Regierungschef für Katalonien zu bestimmen: Jordi Turull, einst die rechte Hand von Carles Puigdemont, erklärte seine Bereitschaft, sich wählen zu lassen. Er tat dies in Absprache mit dem im belgischen Exil befindlichen Ex-Premier, an dem die separatistische Mehrheit in der katalanischen Legislative nach wie vor als legitimem Kandidaten für das zu besetzende Amt festhielt. Kaum war Turulls Bewerbung bekannt, lud Richter Pablo Llarena vom Obersten Gerichtshof in Madrid, der gegen die Protagonisten einer katalanischen Unabhängigkeit ermittelt, Turull und 24 weitere Politiker für den 23. März zum Gerichtstermin vor. Er habe die Anklageschrift fertiggestellt und mit dem notwendigen Material versehen, um 13 der Vorgeladenen wegen „Rebellion“ anzuklagen. Da schien Llarenas Ermittlungen ein schneller Erfolg beschieden zu sein. Noch am 1. März hatte er erklärt, dass die Ermittlungen wegen ihrer „Komplexität“ bis zu 18 Monate dauern könnten. Hinter der Anklage stand im Übrigen außer der Staatsanwaltschaft die zur extremen Rechten gehörende Partei Vox.

In Barcelona setzte daraufhin Parlamentspräsident Torrent die Sitzung zur Investitur von Turull für den 22. März an. Einmal gewählt – so seine Einschätzung – wäre Turull zumindest bis zu einem rechtskräftigen Urteil vor dem Gefängnis sicher. Doch wusste keiner genau, ob die Wahl zum katalanischen Regierungschef Llarena tatsächlich davon abhalten würde, Turull in Untersuchungshaft zu stecken.

Dann kam es anders als geplant: Beim Parlamentsvotum am 22. März verfehlte Turull die absolute Mehrheit, weil sich die das Unabhängigkeitsprojekt bisher unterstützende linke Candidatura d’Unitat Popular (CUP) enthielt. Zu einem für den 23. März angesetzten zweiten Wahlgang – es hätte nun die einfache Mehrheit gereicht – kam es nicht mehr, weil Llarena beim Gerichtstermin am 23 März gegen Turull Untersuchungshaft verhängte und ihn ins Gefängnis schickte."

Zu Recht stellt Eckart Leiser fest, dass Llarenas juristisches Vorgehen als Ausdruck einer Strategie verstanden werden muss, um das am D-21 gewählte Parlament in Katalonien zu entmachten. weiterlesen hier Jurist ohne Grenzen

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Pere Grau Rovira macht in seinem aktuellen Artikel folgenden Lösungsvorschlag zum Katalonienkonflikt: "ein von Europa überwachtes, faires Referendum mit der Garantie, dass die Ergebnisse von allen Seiten respektiert werden. (Nicht zu vergessen: für einen solchen Referendum gibt es im katalanischen Parlament eine 80prozentige Mehrheit)

Ansonsten, wenn man diesen europäischen Krisenherd weiter gären lässt, wird man vielleicht von einer nicht nur moralischen Katastrophe für die EU überrascht. Und das kann keiner wünschen." Über ausgebliebene und eingetretene Katastrophen

Dazu der katalanische EU-Abgeordnete Jordi Solé i Ferrando in einem Telepolis-Interview, der sowohl einen innerspanischen als auch einen europäischen Dialog einfordert:

"Wir fordern so einen Dialog bereits seit langer Zeit. Wir haben die spanische Regierung inzwischen 18 Mal zu Gesprächen aufgefordert. Wir waren immer offen für einen Dialog und wir sind es immer noch, obwohl unsere Führer im Gefängnis und im Exil sind. Aber die spanische Regierung weist unsere Dialogangebote systematisch zurück, obwohl wir keine Vorbedingungen stellen.
Die Selbstbestimmung ist unser Vorschlag. Wir wollen die Mittel der Demokratie nutzen, um über unsere politische Zukunft zu entscheiden. Unser Projekt ist eine katalanische Republik, die zu Europa gehört. Was Herr Rajoy und die spanischen Parteien mit Katalonien vorhaben, wissen wir nicht - abgesehen von dem, was wir jetzt gerade erleben: Ein antidemokratischer Weg, Repression, "Nein" zu allem, eine Verweigerung von Gesprächen mit Parteien, die eine Unabhängigkeit wollen.
Dialog ist aber die Basis für die Lösung jedes politischen Konflikts. Auch dieser Konflikt kann nur politisch gelöst werden. Nicht mit Richtern, nicht mit Repression.
Es ist eine europäische Angelegenheit und eine politische Angelegenheit. Deshalb sollte die EU vermitteln. Besonders die EU-Kommission. Sie sollte die beiden Parteien an einen Tisch bringen.
Aber Junckers Kommission war bisher eine große Enttäuschung. Sie sah nur weg, als unsere Leute von spanischen Polizisten geschlagen wurden. Als man unsere Politiker ins Gefängnis stecke. Obwohl hier Grundrechte auf dem Spiel stehen. Ob Katalonien unabhängig wird, ist unsere Sache. Aber der Schutz dieser Grundrechte, dieser grundlegenden europäischen Werte, ist eine europäische Angelegenheit. Deshalb brauchen wir eine Reaktion aus Europa, aus der EU." "Wir werden wahrscheinlich eine neue Führung in Madrid brauchen"
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Wieder hat sich bestätigt, was Reiner Wandler hinsichtlich der independentistischen Bewegung seit längerem beobachtet: "...die Unabhängigkeitsbewegung ist mehr. Es sind Hunderttausende von Menschen, die in den vergangenen Jahren immer wieder auf die Straße gingen, und es sind die über zwei Millionen, die trotz brutaler Repression beim Referendum am 1. Oktober für die Loslösung von Spanien stimmten." So auch am 15.4. in Barcelona, wo 750.000 Menschen unter dem Motto "Wir wollen Euch zu Hause" auf die Straße gingen: „Die Demonstranten schwenkten die Fahnen der katalanischen Unabhängigkeit und trugen gelbe Schleifen am Reverse. Diese sind das Zeichen der Bewegung für die „Freilassung der politischen Gefangenen“ und die „Heimkehr der Exilierten“.

Der Marsch fand genau sechs Monate nach der Inhaftierung der Vorsitzenden der Bürgerbewegung für die Unabhängigkeit Katalanische Nationalversammlung (ANC) Jordi Sànchez und des Kulturvereinigung Òmnium, Jordi Cuixart, statt. Mittlerweile sitzen sieben weitere Angeklagte in Untersuchungshaft. Sie gehörten zur Regierung des flüchtigen Carles Puigdemont, der in Deutschland darauf wartet, ob er nach Spanien ausgeliefert wird oder nicht. Sechs weitere Politiker haben sich nach Belgien, die Schweiz und Schottland abgesetzt. Auch sie werden zu Hause der Rebellion, der Veruntreuung öffentlicher Gelder oder des Ungehorsams beschuldigt.

„Politische Probleme müssen auf politischer Ebene durch Dialog und Verhandlungen gelöst werden“, heißt es im Manifest, das am Ende der Demonstration verlesen wurde. Es gehe um die „einheitliche Verteidigung der katalanischen Institutionen und das Recht der Katalanen, über ihre Zukunft zu entscheiden“. Katalanen gehen „für die Freilassung der politischen Gefangenen“ auf die Straße

Auch im Hinblick auf abstruse Terrorismusvorwüfe gegenüber politischen Aktivisten und/oder einfachen Bürgern, die ledglich ihr Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Anspruch nahmen, wurden Demonstrationen organisiert und durchgeführt: "Bis zu 62 Jahre sollen baskische Jugendliche wegen einer Körperverletzung in den Knast und der Prozess, der am Montag beginnt, wird zeigen, ob Spanien auch Straßenblockaden in Katalonien als Terrorismus einstufen kann, schreibt Ralf Streck in Telepolis. Weiter heißt es bei Streck: Die Unionisten haben die Anschläge auf Charlie Hebdo in Frankreich 2015 missbraucht, um "Terrorismus" in Spanien neu zu definieren und sehr breit auszuwalzen, weshalb alles im Land der Postfaschisten nun Terrorismus sein kann, wenn es die Regierung über ihr Ministerium für Staatsanwaltschaft so will.

Am Montag beginnt vor dem spanischen Sondergericht "Audiencia Nacional" der Prozess gegen Jugendliche aus der Kleinstadt Altsasu, für die am Nationalen Gerichtshof insgesamt 375 Haftjahre gefordert werden. Die Kleinstadt liegt auf dem Weg zwischen Iruña und der baskischen Hauptstadt Gasteiz (Vitoria) an der Grenze zwischen der Provinz Navarra und Araba. Sie war am frühen Morgen des 15. Oktobers Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen zwei paramilitärischen Guardia Civil (außer Dienst) und ihren Partnerinnen mit Jugendlichen aus dem Ort. Aus einem Wortgefecht, das die Zivilgarden nach Aussagen von Zeugen (die im Prozess nicht aussagen dürfen) begonnen haben, entwickelte sich eine Prügelei am frühen Morgen des 15. Oktobers 2016 in der Bar Koxka. Dabei wurden der Offizier und der Unteroffizier leicht nach reichlich Trinksport verletzt.

Eine Körperverletzung, die mit gravierenderen Folgen an jedem Wochenende überall passieren kann, wurde von der Regierung durchihre Hardlinerin Lamela am Sondergericht politisiert und will nun ein Exempel statuieren und erstmals zu Verurteilungen kommen. Basken bieten sich da besser an als Puppenspieler in Madrid oder auch die Straßenblockaden in Barcelona, wo sogar ein Richter am Sondergericht im Fall von Tamara Carrasco, Mitglied eines Komitees zur Verteidigung der Republik (CDR), (noch?) keinen Terrorismus erkennen konnte, während die Staatsanwaltschaft auch in diesem Fall die breite und massive Kriminalisierung von Protesten beabsichtigt." weiterlesen hier Zehntausende gegen absurde spanische "Terrordefinition"

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Leseempfehlung: Wer sind die CDRs? CDRs sind du, ich, wir! Bist du bereit einem beizutreten?

"Diese bürgerliche, freiwillige Bewegung, die Klassen- und Altersgrenzen durchbricht und keiner politischen Partei angehört, besteht aus einfachen Arbeitern, Bürgern und Bewohnern aller Altersgruppen und Lebensbereiche, die die Republik von Grund auf aufbauen wollen mit sozialen Grundlagen. Der Fokus liegt auf republikanischen Werten, auf der Einführung der vollen Demokratie; das heißt, dass die Beteiligung der Bürger an Regierungsentscheidungen so direkt wie möglich ist. Sie nannten sich anfangs Referendum Defense Committees (CDRs) und wurden gegründet, um die unzähligen Hindernisse zu umgehen, die der spanische Staat dem Referendum in den Weg gelegt hatte. Sie bewachten Wahlurnen und Stimmzettel. Während des Referendums am Wochenende hielten sie die Wahllokale offen und organisierten Bürgeraktivitäten für die Anwohner. Sie haben von den frühen Morgenstunden des 1. Oktober an bis zum Abschluss der endgültigen Abstimmung friedlichen Widerstand geleistet und das Wahlrecht der Menschen auch bei polizeilichen Einsätzen geschützt." weiterlesen hier WER SIND DIE CDRs?

Abschließend zwei lesenswerte Artikel zur Auflösung der ETA:

1. Ralf Streck: ETA übernimmt Verantwortung für "maßloses Leid"

2. Euskadi después de ETA: las asignaturas pendientes para superar el conflicto

18:13 25.04.2018
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