Pablo Iglesias bittet um Entschuldigung.

Corona Iglesias öffentliche Entschuldigung bei den Kindern in Spanien könnte Geschichte machen. Wann hat jemals ein Regierungsvertreter zu Kindern
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in respektvoller Weise eingeräumt, Fehler gemacht zu haben. Der Anlass für die direkte Ansprache des Vizeregierungschefs zu den Kindern war die ursprünglich geplante Lockerungsübung nach 6 Wochen totaler Ausgangssperre. Demzufolge sollten 'Einkaufserlebnisse' für Eltern mit Kindern gestattet werden - also Einkaufswege zu Supermärkten bzw. Apotheken war das Rezept für die schrittweise Rückkehr in die 'Normalität'.

'Hauptsache' Luft zum Atmen unabhängig von der Sinnhaftigkeit für die Kinder wurde unisono in der Politik und in der (auch deutschen) Presse wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Das Kindeswohlverständnis im Sinne von 'Hauptsache' Luft schnappen beim Einkauf (wer es sich leisten kann) ist aber Ausdruck eines weitverbreiteten Menschenbildes bei den politischen Entscheidungsträgern, das nicht nur die kleinen Menschen (Kindern) zum Mittel für fremde Zwecke erklärt bzw. zum Homo oeconomicus (Haben statt Sein) verkürzt. Insofern nur folgerichtig die Entscheidung der 'linken' Regierung, die Kinder mittels Freigang zu den Konsumtempeln auf ihre künftige Rolle als Konsumenten erzieherisch vorzubereiten. Ob Iglesias diese ökonomistische Sichtweise auf den (kleinen) Menschen gesehen hat und ihn zum Handeln bewog, kann ich nicht beurteilen. Aber immerhin hat Iglesias (selbst Vater) eingestanden, dass die Wünsche und Rechte der Kinder gerade in dieser Zeit drastischer Einschränkungen hinsichtlich der Bewegungsfreiheit und Selbstbestimmung anders gedeutet werden sollten. Mit den Worten vom Podemos-Chef zu den Kindern:

"Du musstest aufhören, zur Schule zu gehen, du musstest aufhören, eine Menge Freunde und Familie zu sehen, du musstest zu Hause spielen und konntest nicht nach draußen gehen und spielen. Das war für euch nicht einfach und deshalb bitten wir euch um Verzeihung."

Jetzt dürfen Kinder einmal am Tag, eine Stunde lang und im Umkreis von einem Kilometer von ihrem Zuhause auf der Straße spazieren gehen und spielen. Zu diesem Rückzieher mußte die 'progressive' Regierungskoaliton aber von außen gezwungen werden. Denn offenbar haben Hunde in Spanien mehr Rechte als Kinder, so Ralf Streck:

"Man kann sich bei solchen Maßnahmen ein Bild über die "Volksnähe" von abgehobenen Politikern in Madrid machen. Die schicken zwar seit fast zwei Wochen viele Menschen wieder in öffentlichen Verkehrsmitteln auf die Arbeitsstellen, aber erlauben es den gleichen Menschen bisher nicht einmal, einen Spaziergang mit den Kindern in der Sonne zu unternehmen, um auch Vitamin D Reserven anzulegen, das bekanntlich im Sonnenlicht produziert wird und als Immunmodulator gilt .Hunde haben in dieser Krise bisher mehr Rechte als Kinder, denn die dürfen ausgeführt werden.

Vermutlich können sich Villen-Besitzer mit Garten und Schwimmbad kaum vorstellen, wie es sich anfühlt, mit zwei oder drei Kindern seit sechs Wochen in einer kleinen Wohnung eingeschlossen zu sein, die oft keinen Balkon haben und bisweilen nicht einmal Fenster auf die Straße hinaus, sondern nur in einen Innenhof oder einen Lichtschacht.

Zu dieser "Kaste" gehört wohl nun auch die Partei Podemos, die einst zu deren Sturz angetreten ist, die nun aber Teil dieser Regierung ist und Ministerposten einnimmt. Schließlich gehören auch die Podemos-Chefs bekanntlich nun zu den Villen-Bewohnern im Umland der Hauptstadt.

Es fiel dieser Regierung tatsächlich nichts Besseres ein, als Kinder bis 14 Jahre ab Montag mit den Eltern zum Einkauf aus dem Haus zu lassen. Und der Aufschrei in der Öffentlichkeit war enorm. Schon seit Tagen hatte sich das abendliche Klatschen für die Beschäftigten im Gesundheitssektor zum Teil in ein Topfschlagen verwandelt, um den Unmut darüber auszudrücken, dass die Eltern zwar wieder zur Arbeit müssen, aber nicht einmal zeitlich begrenzt mit den Kindern ins Freie können."

Eingebetteter Medieninhalt

Die Hauptsache-Denke befindet sich durch die ersten Exit-Debatten ausgelöst wieder auf den Durchmarsch in die Köpfe der Menschen:

Hauptsache (ungesunde) Luft - Hauptsache (ausbeuterische) Arbeit - Hauptsache (selektierende) Schule usw...

Überhaupt besteht Rückkehr(sehn)sucht nach 'Normalität', so wie wir sie bisher kannten. Das ist den Menschen nicht vorzuwerfen, sondern bittere Realität angesichts der Bewältigung des Alltags nicht nur jetzt in der Coronazeit, wo wir auch nicht annährend Wissen, welche psychosozialen, politischen und wirtschaftlichen Folgen der coronabedingte Lockdown für die Gesellschaft mitsichbringt. Dennoch bietet die Coronkrise vielfältige Chancen für Veränderungen, die gutes, würdevolles und friedvolles Leben für Alle zum Ziel hat.

Die Chancenverkündigungen (siehe auch mein letzter Beitrag: Jeder Krise wohnt eine Chance inne) dürfen nicht zu einer reinen akademischen Debatte ausarten, die die abhängig Beschäftigten nicht abzuholen vermag. In diesem Zusammenhang hat Hans-Jürgen Urban, promovierter Sozialwissenschaftler und als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall zuständig für Sozialpolitik, Arbeitsgestaltung und Qualifizierungspolitik, diesen lesenswerten Artikel 'Corona-Pandemie: Eine Krise als Chance zur Beschreitung neuer Wege' in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht. Dort heißt es unter anderem:

"Corona-Krise als Chance um Reformwiderstände zu überwinden und neue Wege zu beschreiten

Hier könnte die Krise ein Zeitfenster öffnen. Die politikwissenschaftliche Theorie der Pfadabhängigkeit besagt, dass es Gesellschaften in der Regel schwerfällt, gewohnte Bahnen zu verlassen. Sie kennt aber auch Übergangsphasen („critical junctures“), in denen Krisenschocks helfen, Reformwiderstände zu überwinden und Pfadwechsel einzuleiten. Und ein solches Momentum könnte die Corona-Krise erzeugt haben.

Doch ein Problem schleppt sich aus der Vergangenheit in die Zukunft. Neue Weichenstellungen setzen handlungsmächtige Akteure voraus und Verschiebungen nach links eine starke Linke. Und die fehlt. Die Krise wird aus der politischen Mitte gemanagt. Die Linke analysiert und räsoniert, bleibt aber weitgehend wirkungslos. Wieder einmal schwächelt der neoliberale Kapitalismus, und wieder einmal fehlt eine Kraft, die die Gunst der Stunde nutzen und die Gesellschaft auf einen progressiven Pfad drängen könnte.

Doch Fatalismus ist keine Option. Die Konflikte um die Entwicklung von Ökonomie, Gesellschaft und Politik werden die Nachkrisenphase prägen. Sie werden intensiv ausfallen und alle Reformkräfte werden sich aufrappeln müssen. Vor allem Gewerkschaften sowie Akteure aus der Ökologiebewegung und dem fortschrittlichen Spektrum der Parteien sind gefragt. Annäherungen in Fragen von Umweltstandards, Verteilungsgerechtigkeit und Schutz prekärer Arbeit, die vor der Corona-Krise sichtbar wurden, sollten fortentwickelt und zu Konzepten einer solidarischen Nachkrisenpolitik aktualisiert werden."

Von einem guten Freund, Gerald Warnke, zum Nachdenken und kreativen Suche nach Alternativen statt irrsinnigen Normalitätsrückkehr:
Die Geschichte von Dornröschen ging so: Um das Mädchen vor dem sicheren Tod zu bewahren, erklärten ihre Angehörigen sich selbst zu einem Beinahetod bereit. Alle fielen freiwillig in einen hundertjährigen Schlaf, alles erstarrte, alles stand still, es schliefen die Köche und die Hofdamen und sogar das Feuer im Kamin.
Ob das die einzige Möglichkeit war, den Fluch zu bannen – ich weiss es nicht. Ich weiss nur noch, dass in den hundert Jahren ringsherum ein so dichter Wald wuchs, dass sich der spätere Retter der Prinzessin nur mit grösster Mühe einen Weg zum Schloss freischlagen konnte.
Aber von da an ging alles weiter wie zuvor. Jetzt bin ich schon verwundert:

Die Gebrüder Grimm kannten das Coronavirus doch noch gar nicht. Doch das Märchen klingt so. Und dann: Irgendwie kann es das doch auch nicht gewesen sein, dass alles weiter geht wie bisher.

Kann denn da nicht mal jemand ein modernes Ende des Märchens schreiben. Wo am Ende der Frieden noch vorbeikommt mit einer weißen Taube. Und vielleicht das Klima auch besänftigt wird. Und ein großes Fest mit riesigen Kesseln Suppe auf den Lagerfeuern gefeiert wird, wo alle auf der Welt satt werden. Aber wirklich alle. Und der Frieden feiert mit. Und die weißen Tauben tragen die Nachricht zu allen Menschen auf der Erde. Und das Klima macht einen sanften Wind dazu.
Kann das nicht mal jemand in die Hand nehmen, diese Dornröschen-Geschichte? Vielleicht noch ein paar Bilder dazu malen für die ganz Kleinen. Also muss ja jetzt nicht gleich ganz große Literatur werden. Einfach ein schönes Märchen.
Und dann lesen wir Dornröschen allen Kindern vor.
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