Pädagogischer Tag zum Thema "Digitalisierung"

Bildung Demnächst soll in einer Schule im Rahmen eines pädagogischen Tages über die Digitalisierung von Lernen debattiert werden und in die Unterrichtsentwicklung einfließen.
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Dagegen ist erstmal wenig einzuwenden, da mit dem politischen (pädagogischen) Kampfbegriff Digitalisierung die verschiedenen Akteure in der Bildungslandschaft divergierende Interessen und Ziele verfolgen, sodass für viele Lehrer/innen Diskussions- und Handlungsbedarf besteht.

Meiner Meinung nach wird mit dem Allheil-Buzzword "Digitalisierung" eine Sau durchs Dorf getrieben - und die Schulakteure werden es wieder ausbaden müssen. Insofern sind solche pädagogischen Tage oder öffentlichen Diskurse aus meiner Sicht reine "Alibi-Veranstaltungen" bzw. postdemokratische Scheindebatten, da es unisono heißt:

Die Wirtschaft 4.0 braucht die Bildung 4.0.

Demzufolge scheint jedweder Widerstand gegen die Durchdigitalisierung der kompletten Bildungs- und Schullandschaft zwecklos:

"Die Hauptinitiative der Digitalisierung der Bildung kommt von der IT-Branche. Im Zwischenbericht der Plattform „Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft“ steht, wer das Bildungsministerium berät – nämlich Akteure der IT-Wirtschaft: Vom Bitkom und der Gesellschaft für Informatik (GI) über Microsoft und SAP bis Telekom und Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI) sind alle vertreten.

Nicht vertreten dagegen sind Kinderärzte, Pädagogen, Lernpsychologen oder Neurowissenschaftler, die sich mit den Folgen der Nutzung von Bildschirmmedien bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Erziehung soll tatsächlich "revolutioniert" werden. Wie bei Industrie 4.0 Roboter den Arbeiter, so sollen bei der "Digitalen Bildung" Computer und Software die Hauptrolle übernehmen, die Aufgabe des Lehrers wird neu definiert, er wird zum Lernbegleiter. Daran gibt es heftige Kritik: 37 Hochschullehrer und Pädagogen haben eine Petition initiiert, mit der sie sich gegen diese Ökonomisierung der Bildung wenden, hunderte haben sich angeschlossen. Pädagogen, Neurobiologen und Psychologen warnen vor der Dehumanisierung der Schule.

In der Stellungnahme "Trojaner aus Berlin: Der„Digitalpakt#D“ (November 2016) protestieren sie mit folgenden Worten:

"Der „Digitalpakt#D“ ist Teil einer Neudefinition von Schule und Unterricht auf dem Weg zu einer zunehmend vollautomatisierten, digital gesteuerten „Lernfabrik 4.0“. Lehrkräfte werden zu Sozialcoaches und Lernbegleitern degradiert. Statt Unterricht ist die automatisierte Belehrung durch Computerprogramme und Sprachsysteme das Ziel. http://www.s-oe-s.de/wp-content/uploads/2017/05/Hensinger_SOES_170515_Di...

Der Bildungsforscher Christoph Türcke bringt die neoliberale Bildung 4.0. mit einer gesunden Prise Ironie folgendermaßen auf den Punkt:

"Endlich wird der Schüler ernst genommen. Der Lerner oder die Lernerin, wie dieses neue Kunstwort heißt, sei doch das Zentrum aller Bildung. Es werden Selbstentfaltung und Abschaffung von autoritären Strukturen versprochen. Dabei läuft das Ganze auf eine gesteuerte Form von Verwahrlosung hinaus. Und die autoritären Strukturen hören überhaupt nicht auf, sie gehen nur über auf die Lehrmaterialien."Philosoph Christoph Türcke: "Man braucht die Schulen eigentlich nicht mehr"

Schön, dass wir mal darüber geredet haben!

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Anmerkung: Ich bin kein Gegner von digitalen Medien (einschl. Handy-Nutzung) im Unterricht- im Gegenteil: Wenn sie aus didaktisch-methodischen Gründen sinnvolle Lern-Bildungs-Prozesse mit technischen Hilfsmitteln unterstützen, dann spricht nichts gegen deren Einsatz im Schulsystem. Für mich ist aber nicht die modernste Technik "der" Erfolgsfaktor für "guten" Unterricht, sondern das, was der Bildungsforscher John Hattie in einer Studie mit mehr als 800 Metaanalysen wissenschaftlich belegen konnte: Entscheidend für den Lernerfolg ist eine gelingende Lehrer-Schüler-Beziehung.

Irgendwann wird man die „Hattie-Studie“ (siehe besonders Seite 7) wiederentdecken, aber vielleicht ist es dann zu spät...

Eingebetteter Medieninhalt

13:23 23.11.2017
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