G - Ein SPD-Bürgermeister im Saarland

Gemeinde Wadgassen Zum 27. Januar: Gegen Null gehende tatsächliche Erinnerungsarbeit. Elke Herrmann (1942-2009), SR: "Jede Gemeinde hat den Bürgermeister den sie verdient."
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Es war der 6. März 2018, da erhielt ich von der Sekretärin von Bürgermeister G einen Telefonanruf. Die Dame meinte, ich wolle ja „beim Chef vorbeikommen.“ Ich war von der von ihr so getroffenen Feststellung überrascht und erwiderte, was ich schon mal so gehört hatte, „seit wann kommt denn der Knochen zum Hund?“ Aber was ging diesem Satz voraus?

Am 27. Januar 2017 sah ich im Fernsehen die Übertragung der Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus, aus Anlass der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Soldaten. Von der Gedenkstunde prägte sich mir tief ein, als der Schauspieler mit Down-Syndrom, Sebastian Urbanski, den Brief des 43jährigen Ernst Putzki, einem Patienten der Heil-und Pflegeanstalt Weilmünster, an seine Mutter schrieb. Der Brief wurde in Weilmünster in der Verwaltung abgefangen. Putzki schreibt in dem Brief 1943 u.a.: „Die Menschen magern hier bis zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen.“ Im Januar 1945 wurde Ernst Putzki in Hadamar ermordet. Sebastian Urbanski las den Brief mit einer Empathie, die mich zutiefst erschütterte.

Ende 2017 bekam ich irgendwie zu Gehör, die Gemeinde Wadgassen wolle ein „Mahnmal gegen das Unrecht“ auf dem Spurker Friedhof errichten. Ich fand das seltsam, ein „Mahnmal gegen das Unrecht?“ Sowas hatte ich noch nie gehört und fragte bei der Gemeindeverwaltung nach, was das beinhaltet. An eine präzise Auskunft kann ich mich dabei leider nicht erinnern. Später erfuhr ich, ich sprach mit einem Kulturwissenschaftler. Ich weiß noch, dass ich ihn fragte, ob man auch „Euthanasie“-Opfer in der Gemeinde Wadgassen habe, an die man denken könnte; er verneinte, er wisse nicht, ob es solche in der Gemeinde Wadgassen gäbe.

Als nächstes wollte ich nun lesen, was bisher in der Heimatzeitung über das in der Herstellung bereits befindliche „Mahnmal gegen das Unrecht“ steht und welche Nazi-Opfer es in der Gemeinde Wadgassen gibt. Der Heimatzeitung konnte ich dabei Folgendes entnehmen:

„Vor dem Hintergrund einer Aufarbeitung der Fragen nach Flucht, Vertreibung, Zwangsarbeit und Ermordung im Wadgasser Raum soll ein zweites Mahnmal entstehen. Dieses soll in den Sprachen der Menschen, die während der Naziherrschaft ermordet und vertrieben wurden, aber auch der Zwangsarbeiter, die hier gelebt und gearbeitet haben, die historischen Fakten benennen. Der geplante Gedenkort biete nach den Worten von Bürgermeister G >>die einmalige Chance, historische und gegenwärtige Gedenkmomente zusammenzuführen und die damit verbundenen menschlichen Tragödien der vergangenen und der neuesten Zeit gleichermaßen als Fehlentwicklungen zu brandmarken.<< „Daraus könne Großes werden.“ Bürgermeister G wiederholte das nochmals für uns ganz normalen Menschen: „Daraus kann Großes werden“, kommentierte die Saarbrücker Zeitung unsere Ideen zum geplanten Gedenkort Spurker Friedhof.“

Ich recherchierte im Internet und fand: 8 jüdische Bürger wurden in der Shoah ermordet (lt. Yad Vashem), ein Widerstandskämpfer wurde von der SS auf dem Todesmarsch von Dachau nach Bergen-Belsen erschossen, 2 Bürger wurden in der „Euthanasie“ in Hadamar vergast, ein Kind von 4 Jahren in der Heil- und Pflegeanstalt Eichberg in Eltville im Rheingau getötet. Ich las Bücher des Investigativjournalisten Ernst Klee, die Doktorarbeit von Christoph Braß, „Zwangssterilisation und Euthanasie im Saarland“ und die von Claudia Flöter über „Zwangssterilisation und Euthanasie an neurologisch-psychiatrischen Patienten sowie Umgang mit ausländischen Patienten und Zwangsarbeitern im Landeskrankenhaus Homburg/Saar“. Mit dem Wissen über Nazi-Opfer aus der Gemeinde Wadgassen fertigte ich ein Schreiben, das ich per E-Mail am 4. Januar 2018 an die Gemeindespitze richtete. Ich wollte, dass sich der Gemeinderat damit befasst und die hiesige Gemeinschaftsschule mit einem Schulprojekt das Thema Nazi-Opfer der Gemeinde Wadgassen sich zu Eigen macht. Das Resultat zu meiner Eingabe an die Gemeinde Wadgassen ist niederschmetternd: Fast 3 Wochen lang erhielt ich keinerlei Antwort. Bürgermeister G war, wenn ich anrief, nie da. Auch gab es keinen Rückruf, trotz Nennung meiner Telefonnummer. Ich rief bei der Heimatzeitung den Regionalleiter Herrn W an und bat ihn, die Zeitung möge das doch publik machen. Herr W schrieb aber nichts darüber in der Zeitung, er rief bei der Gemeindeverwaltung an, und nun schrieb Bürgermeister G am 24. Januar 2018 mir Folgendes: „durch Kontaktaufnahme von Herrn W habe ich erfahren, dass Sie mir Anfang Januar einen Brief zur Thematik Naziverbrechen, Euthanasie, Zwangsarbeiter bezogen auf den Wadgasser Raum haben zukommen lassen, der mich bis heute nicht erreicht hat.“ Obwohl ich eine automatisierte Empfangsbestätigung erhielt, schickte ich erneut meine Eingabe per E-Mail an Bürgermeister G. Wer jetzt aber glaubt, ich hätte nun eine Antwort bekommen, den muss ich enttäuschen. Das Prozedere war das gleiche wie zuvor: Anrufe, und wiederum Anrufe, Bürgermeister G war nie da. Also rief ich Ende Februar 2018 erneut bei Herrn W von der Heimatzeitung an und bat ihn inständig, die Angelegenheit doch nun öffentlichkeitswirksam zu machen. Aber nein, er machte das wiederum nicht öffentlichkeitswirksam, damals wusste ich noch nicht, dass Bürgermeister G, als er noch nicht Bürgermeister war, bis 2004 im Bereich Online-Marketing der Heimatzeitung tätig war, und nicht nur das allein, so wird auch noch gemunkelt, die jetzige Ehefrau von G sei bis zu dem Zeitraum als G in die SPD „geholt“ wurde, im März 2017, auch bei der Heimatzeitung tätig gewesen. So kam es, wie schon bereits gesagt, am 6. März 2018 zu dem seltsamen Telefonanruf, ich wolle ja „beim Chef vorbeikommen.“

Nun war, nach meiner Absage, beim „Chef“ vorbeizukommen, meine Eingabe aber immer noch nicht beantwortet. Ich rief Tod und Teufel an, sprach, da ich 50 Jahre in der SPD bin, den Fraktionsvorsitzenden der SPD im Gemeinderat Wadgassen darauf an, der wollte dann mit Bürgermeister G sprechen. Alles das aber half nicht, so dass ich mich an die Kommunalaufsicht wandte. Daraufhin erst schrieb mir Bürgermeister G, den Inhalt meiner Eingabe aber ablehnend, am 1. Juni 2018, 5 Monate nach meiner ersten E-Mail: „Ich bedanke mich sehr für Ihre Anregung, muss Ihnen jedoch leider mitteilen, dass Ihr Vorschlag vom 4. Januar 2018 leider nicht in der aktuellen und bereits beschlossenen Gesamtkonzeption aufgenommen werden kann.“

Hervorheben möchte ich, von der Gemeinschaftsschule wurde mir zunächst zugesagt, man würde sehr gerne an einem Projekt über die Nazi-Opfer der Gemeinde Wadgassen arbeiten, zog aber dann das Angebot wieder zurück, als derjenige Lehrer (Konrektor), der mir die Zusage machte, mit gleichem Parteibuch wie Bürgermeister G (SPD), mit diesem Rücksprache hielt, und mir dann sagte: „Die Schule wolle nicht in einen Streit hineingezogen werden.

Jetzt kann ich es kurz machen. Bürgermeister G (SPD) ist bestens vernetzt, alle sind Kumpels, mit dem Herrn Landrat (SPD), wobei der Landkreis Saarlouis die Trägerschaft über die Gemeinschaftsschule hat, mit dem vormaligen Kultusminister (SPD), der jetzigen Kultusministerin (SPD), selbstverständlich mit der gesamten SPD vor Ort einschließlich dem hiesigen SPD-Landtagsabgeordneten K, auch mit den GRÜNEN und der Partei DIE LINKE vor Ort, die beide, als Parteien Bürgermeister G zu seiner Wiederwahl verhalfen; Motto: „Gemeinde macht gemeinsam!“ Sie unterstützen offenbar auch noch die negative Haltung von Bürgermeister G zu meinem Anliegen betr. der Nazi-Opfer aus der Gemeinde Wadgassen. Meine Bemühungen dazu liefen bisher ins Leere. Erreicht habe ich – unter den genannten Bedingungen – nichts, im Gegenteil: Bürgermeister G „glänzt“ und reüssiert in der Heimatzeitung mit Themen wie: „Digital anklopfen beim Bürgermeister“, „Gemeinde will neue Geschäfte im Ortskern“, „Baulücke schließen, der Wald bleibt“, „Gebühren für Grünschnitt werden wohl kräftig steigen“, oder „Die Ideen gehen ihm nicht aus.“

Ein Artikel in der Heimatzeitung, wie mir versprochen, über zwei Wadgasser „Euthanasie“-Opfer mit deren Angehörigen kam nicht zustande.

Das Einzige was sich positiv bei allen Recherchen als Ergebnis darstellen lässt, ist, dass mit dem, was mir aus der Staatskanzlei mitgeteilt wurde (Herr Günther Kiefer), der die Namen aller Saarländer - die in der „Euthanasie“ ermordet wurden – zusammenstellt. Es ist so, dass die Gemeinde Wadgassen leider 15 statt 3 „Euthanasie“- Opfer zu verzeichnen hat.

Bei dem Thema „Euthanasie“, u.a., das ich in einer Besprechung mit Bürgermeister G und dem Kulturbeauftragten der Gemeinde am 6. Juni 2019 im Rathaus führte, warf mich Bürgermeister G zur Tür hinaus. Er vertrat die irrige Auffassung, die Namen von „Euthanasie“-Opfern dürften nicht veröffentlicht werden. Eine derartige heutzutage noch vertretene Auffassung verwundert mich nicht, vor dem Hintergrund des Wissens, dass Bürgermeister G, als er noch nicht Bürgermeister war, 2010 die ultrarechten pflichtschlagenden Burschen der Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken dazu aufrief, sie mögen sich künftig wieder stärker an der Universität engagieren. Jetzt weiß ich wenigstens, mit wem ich es – alles – zu tun habe!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Günter Schott (Saar)

Rentner in Unruhestand beschäftigt sich mit Nazi-Opfern, insbesondere derer aus den "Euthanasie"-Verbrechen
Günter Schott (Saar)

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