„Das ist ein Mörderjob!“

Kristina Schröder Haben es Frauen in der CDU schwerer? Die ehemalige Ministerin bestreitet das und sieht die Partei gut aufgestellt – vor allem mit Friedrich Merz
„Feministin bin ich nicht. Es gibt kein kollektives Interesse aller Frauen“
„Feministin bin ich nicht. Es gibt kein kollektives Interesse aller Frauen“

Foto: Schmott Studios für der Freitag

In ihrem neuen Buch Freisinnig schreibt Kristina Schröder, dass Empörung nicht ihre „Kernkompetenz“ sei. Daran sei schon ihr Pressesprecher verzweifelt, damals, als sie noch Familienministerin unter Angela Merkel war. „Sie müssen einfach empörter sein!“, habe der ihr vor jedem Weltfrauentag gesagt – und sei auf taube Ohren gestoßen.

Jetzt konkurrieren drei Männer um den Vorsitz der CDU. Stört sie das wirklich nicht? Immerhin landet man immer wieder bei ihr, wenn es um Frauen in der Union geht. Hier verrät sie, wen von den Kandidaten sie unterstützt – und ob sie beim nächsten Mal vielleicht doch selbst antreten wird, wenn der Chefsessel im Konrad-Adenauer-Haus mal wieder frei wird.

der Freitag: Frau Schröder, sind Sie eigentlich Feministin?

Kristina Schröder: Kommt drauf an, wie man das definiert. Wenn damit „Gleichberechtigung“ gemeint ist, dann bin ich eine. Aber in Deutschland versteht man darunter „Gleichstellung“, in der Regel Parität – und das ist so gar nicht meins. Chancengleichheit am Start ja, Ergebnisgleichheit am Ziel nein.

Eine Ihrer ersten Amtshandlungen im Ministerium war, die Abteilung für „Gleichstellung“ in „Gleichberechtigung“ umzubenennen ...

Nein! Das war nur eine Überlegung von mir. Aber dann habe ich dort in so entgeisterte Gesichter geblickt, dass ich diesen Kampf nicht auch noch aufgenommen habe. Vielleicht war das ein Fehler. Das hätte gleich am Anfang für Klarheit gesorgt, wie ich ticke.

Sie haben damals das Betreuungsgeld vorangetrieben. Das war als „Herdprämie“ verschrien, weil Frauen dadurch ermutigt wurden, nicht arbeiten zu gehen.

Würde ich komplett bestreiten! Alle Eltern von ein- und zweijährigen Kindern hatten die Wahl: Nehme ich den Kita-Platz, worauf ich auch den Rechtsanspruch eingeführt habe und der durchschnittlich mit 1.000 Euro monatlich vom Staat bezuschusst wird – oder die 150 Euro Geldleistung und organisiere die Kinderbetreuung privat.

Sie selbst haben während Ihrer Amtszeit ein Kind bekommen. Damals stand ein Paparazzo der „Bild“ vor dem Krankenhaus.

Ja. Danach hat man netterweise bei meiner Pressestelle angerufen und gesagt: Wir wollten Sie nur vorwarnen – das wird morgen gedruckt.

Ist das nicht frauenfeindlich? Hätte man bei einem Mann doch nie gemacht.

Ach, kommen Sie! Jetzt tun wir mal nicht so. Ich habe mir doch auch die Bilder von Herzogin Kate angeguckt, wie sie aus dem Krankenhaus gekommen ist. Eine Frau ist nach der Geburt eben spannender als ein Mann. Ist ihr Bauch noch dick? Solche Neugier ist doch menschlich.

Zur Person

Kristina Schröder, 44, war von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Seit 2020 ist sie „Botschafterin“ der neoliberalen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Mit Andreas Rödder leitet sie die bürgerliche Denkfabrik Republik21 . Ihr neues Buch Freisinnig ist im Claudius-Verlag (183 S., 18 €) erschienen

Aber haben nicht auch männliche Kabinettskollegen mal Kinder bekommen?

Lassen Sie mich mal überlegen, ob mir einer einfällt. Hm. Ja, Daniel Bahr! Der wurde Vater während seiner Amtszeit.

Standen bei dem auch Fotografen vor dem Krankenhaus?

Nee, glaube nicht. Obwohl der auch in der Charité war, soweit ich weiß. Aber ich würde da nicht so eine Mann-Frau-Kiste draus machen. Erinnern Sie sich mal an Karl-Theodor zu Guttenberg. Der hat sich damals auch ohne Ende privat inszeniert.

Der wollte das aber auch. Das ist ja der Ehrenkodex unter Hauptstadtjournalisten: Solange die Politiker ihr Privatleben nicht selber thematisieren, ist es tabu!

Stimmt, dieser Konsens wurde bei mir ziemlich ausgereizt. Ich habe damals mit Kai Diekmann von der Bild darüber gesprochen. Der hat sinngemäß geantwortet: Wenn die Familienministerin eine Familie gründet, dann ist das politisch.

Finden Sie das auch?

Ich verstehe schon, was er meint. Andererseits wird ein Gesundheitsminister auch nicht gefragt, welche Vorsorgeuntersuchung er schon gemacht hat (lacht).

Sie mussten am Tag Ihrer Hochzeit sogar die Kirche wechseln, weil Paparazzi davor warteten ...

Ja, das war übel.

Nach einer Legislaturperiode haben Sie 2013 dann aufgehört als Ministerin. Mehr Zeit für die Familie, das war Ihnen wichtiger.

Genau. Ein Jahr vorher hatte ich Angela Merkel deswegen im Bundestag beiseitegenommen. Sie meinte, sie fände es gut, dass ich es ihr gesagt habe. Aber sie könne mir nur raten, darüber zu schweigen.

Wäre es nicht Ihr Job als Familienministerin gewesen, dafür zu sorgen, dass man Beruf und Familie unter einen Hut kriegt?

Als Ministerin kriegt man Beruf und Familie unter einen Hut. Man verdient gut, kann sich eine Kinderfrau leisten ...

Wieso haben Sie dann aufgehört?

Weil ich das unter diesen Bedingungen nicht wollte. Als Ministerin musste ich drei von vier Sommerurlauben unterbrechen. Acht Wochen nach der Geburt meiner Tochter bin ich wieder voll eingestiegen – da war sie noch ein Säugling. Übrigens sind Abgeordnete die einzige Berufsgruppe, die kein Recht auf Elternzeit hat. Dann kam meine Tochter in die Kita und ich hatte mir zur Eingewöhnung extra eine Woche freigehalten. Just am ersten Tag wurde ein Spiegel-Titel veröffentlicht: „Die Familienpolitik in Deutschland ist gescheitert“ oder so ähnlich. Ich habe stundenlang in der Umkleide der Kita gestanden und telefoniert. Meine Kommunikationsstrategie mit Konrad-Adenauer-Haus und Kanzleramt abgesprochen ...

Bei Annalena Baerbock wurde auch viel darüber geredet, wie sie die Kinderbetreuung organisiert.

Ja, da habe ich letztens mit meiner Mutter drüber gestritten. Die meinte, das ginge ja gar nicht, als Außenministerin hätte Baerbock gar keine Zeit mehr für ihre Kinder. Ich habe ihr dann gesagt: „Mami, das geht uns nichts an!“

In der CDU hat man das Problem nicht. Da kandidieren ausschließlich Männer für den Parteivorsitz. Ist es jetzt, wo Merkel weg ist, vorbei mit Frauen in der Union?

Das ist auch so eine seltsame Betrachtungsweise. AKK hat sich 2018 gegen zwei Männer durchgesetzt. Es gibt Karin Prien, die sehr profilierte Bildungsministerin in Schleswig-Holstein. Für das Amt des Parteichefs kandidieren jetzt halt drei Männer. Aber ich kann da keine Regelmäßigkeit erkennen.

Kennen Sie dieses Bild von Helge Braun, nachdem er seine „Mannschaft“ vorgestellt hatte? In der Mitte steht er, daneben Serap Güler und Nadine Schön. Die eine will er zur Generalsekretärin machen, die andere zur Leiterin der „Programm- und Strukturentwicklung“ – was immer das ist.

Na, die Programm-Kommission. Das ist schon eine wichtige Sache!

Okay, aber das Bild war doch verheerend: Der bullige Mann verteilt großzügig Posten an seine Mädchen. Wie bei Kohl damals ...

Gerade weil ich Nadine Schön gut kenne, weiß ich, wie gut sie ist. Aber ich verstehe, was Sie meinen. Bei der SPD war das aber doch viel krasser! Als die ihren Mitgliederentscheid über die Parteispitze gemacht haben, waren da überall Männer: Scholz, Pistorius, Stegner, Lauterbach. Die waren verzweifelt auf der Suche nach einer Partnerin. Weil es ja unbedingt eine Frau sein musste. Soweit ich mich erinnere, war Gesine Schwan die Einzige, die aus eigener Kraft da oben stand.

Geschickt von Ihnen – aber bleiben wir mal bei der Union. Warum kandidiert Güler nicht selbst?

Dafür kenne ich sie nicht gut genug, um das zu beurteilen. Ich nehme an, da spielen persönliche Gründe eine Rolle. Das ist ja wirklich ein „Mörderjob“. Der ist anstrengender als jedes Ministeramt.

Der CDU-Vorsitz ist anstrengender als jedes Ministeramt?

Vielleicht nicht jedes. Aber als Ministerin sind Sie terminlich flexibler. Da können Sie auch mal sagen: Wenn die Veranstaltung nicht auf nachmittags gelegt werden kann, dann komme ich von 18 bis 19 Uhr. Und um 19.02 Uhr saß ich dann wirklich im Auto. Das können Sie mit 16 souveränen Landesverbänden nicht machen.

Nicht zu kandidieren, das sind also individuelle Entscheidungen der CDU-Frauen? Dass wir es hier mit einer Partei zu tun haben, die zu drei Vierteln männlich ist, spielt keine Rolle?

Jetzt basteln Sie wieder so ein Männlich-weiblich-Ding daraus. Ich glaube ja, dass es kein objektives politisches Interesse gibt, das man nur deswegen hat, weil man eine Frau ist. Vielleicht ein paar Punkte, weil man Kinder bekommen kann und eher Opfer von physischer Gewalt wird. Darüber hinaus sehe ich kein kollektives Interesse der Geschlechter.

Na ja, ich dachte nur: Diese ganzen Männer mit dunklem Schlips, die 16 Jahre lang Merkel nicht losgeworden sind. Jetzt kommt halt die männliche Reaktion der CDU.

Ich bitte Sie! Schauen Sie sich doch mal Helge Braun und Norbert Röttgen an: Das ist doch nun wirklich keine „Reaktion“ ...

Es gibt ja noch Friedrich Merz.

Ja, der ist der Einzige, der den Kurs der Union wirklich ändern will.

Unterstützen Sie die Kandidatur?

Hm. Da muss ich jetzt überlegen, ob ich Ihnen das sagen will.

Ja, kein Stress.

Ich glaube, wir brauchen jetzt eine Partei, die inhaltlich profilierter auftritt und selbstbewusst eigenständige Positionen formuliert. Deswegen bin ich für Friedrich Merz, ja. Er bringt auch etwas mit, was in der CDU ziemlich verloren gegangen ist: Spaß an der weltanschaulichen Auseinandersetzung.

Das können Sie laut sagen: Merz hat 1997 im Bundestag dagegen gestimmt, dass Vergewaltigung in der Ehe ein Straftatbestand wird ...

Ja. In diesem Punkt haben sich die Konservativen geirrt. Aber Friedrich Merz ist gesellschaftspolitisch viel liberaler geworden. Ich habe zum Beispiel nicht das Gefühl, dass er noch ein Problem mit der „Ehe für alle“ hat. Sie können ihn ja mal fragen.

Es gab auch eine Frau, die gerne CDU-Vorsitzende geworden wäre: Sabine Buder. Die wurde aber nicht einmal von ihrem eigenen brandenburgischen Kreisverband unterstützt.

Die hatte auch keinerlei bundespolitisches Profil. Daran wäre ein Mann genauso gescheitert.

Kennen Sie Buder?

Nö. Sie?

Nein. Ich bin nicht in der CDU.

Na ja, es kann ja auch sein, dass das eine Gute ist. Aber sie kannte halt fast keiner in der Partei.

Wenn die CDU im nächsten Jahr die Landtagswahlen verliert – im Saarland, in NRW und Schleswig-Holstein –, dann muss wieder jemand für den Vorsitz her. Das könnte Ihre große Stunde sein!?

Ich werde darauf in letzter Zeit gelegentlich angesprochen. Und ich bin froh, immer noch eine politische Stimme zu haben – mit meiner Kolumne in der Welt zum Beispiel. Aber in meiner jetzigen Lebenssituation, mit drei kleinen Kindern, kann ich mir das wirklich nicht vorstellen.

Peer Steinbrück hat auch mal gesagt, dass er nicht Kanzler werden wolle. Ein paar Jahre später hat er dann doch kandidiert.

Ja, dann fragen Sie mich in 20 Jahren noch mal!

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