Troubadix singt noch

Porträt Kevin Kühnert stand loyal zu Olaf Scholz und wird dem nächsten Bundestag angehören. Ist er noch ein Linker?
Troubadix singt noch
In der nächsten Legislaturperiode werden 49 Jusos im Parlament sitzen. Das ist fast ein Viertel der SPD-Fraktion. Fragt sich, ob Kühnert den Burgfrieden mit dem Scholz-Lager aufrechterhält

Foto: Mike Schmidt/Imago Images

Eine Armada von roten SPD-Fähnchen begrüßt jeden, der am Samstagabend aus dem U-Bahnhof am Berliner Nollendorfplatz herauskommt. Es ist die letzte Nacht bevor über die Zusammensetzung des nächsten Bundestages entschieden wird, und die Genossen aus dem Ortsteil Schöneberg begehen hier traditionell ihren Wahlkampfabschluss. Mit Flyern und Sekt werben sie für Olaf Scholz. Um kurz vor neun Uhr taucht einer seiner prominentesten Unterstützer auf.

Die SPD „verstecke“ den sozialistischen Kevin Kühnert während des Wahlkampfes, hieß es vonseiten der Union. Armin Laschet sagte, der 32-Jährige käme ihm vor wie Troubadix aus den Asterix-Heften, der wegen seines grauenhaften Gesangs geknebelt und gefesselt werde. Am Wochenende hat Kühnert bei der Bundestagswahl mit 27,1 Prozent der Stimmen das Direktmandat für den Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg gewonnen – aber taugt er noch zum Revoluzzer?

Bei einem Parteitag im Jahr 2019 hatte er – damals noch Juso-Chef – im Marx’schen Duktus gesagt, dass er bei der SPD „Radikalität im Wortsinn“ vermisse. Bereits zwei Jahre später, die Genossen bekamen gerade Aufwind in den Umfragen, kündigte er bei einer Wahlkampfveranstaltung in Berlin den gar nicht mal so radikalen Scholz als „Kraftriegel hinter dem roten Balken“ an: eine Anspielung auf Gerhard Schröder und dessen Aussage, die Currywurst sei der „Kraftriegel des Facharbeiters“. War der Schröder-Vergleich eine Spitze gegen Scholz? Stand da zwischen den Zeilen, dass Letzterer ein unbelehrbarer Agenda-Politiker sei, alles andere als links, eher neoliberale Pampa? „Nur ein Bonmot aus dem Moment heraus“, beschwichtigt Kühnert Samstagabend am Rande des Infostandes, „das hatte keinen doppelten Boden.“ Seit Scholz’ Nominierung zum Kanzlerkandidaten vor 13 Monaten hat Kühnert loyal zu ihm gehalten.

Dabei hatte er im Herbst 2019 das linkere Duo um Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans im innerparteilichen Kampf um die SPD-Spitze unterstützt. Auch diesen Widerspruch kann Kühnert erklären: Sein „Match“ mit Scholz ergebe sich aus dem Parteiprogramm. Schließlich sei er vor 16 Jahren in keine „linke Kampforganisation“ wie die Antifa eingetreten, sondern in die Sozialdemokratie, die für einen „Brückenschlag“ zwischen den verschiedenen Positionen stünde. Und handwerklich würde Scholz das schon gedribbelt kriegen mit dem Kanzleramt. Seit Kühnert das Amt des Juso-Chefs im Januar an Jessica Rosenthal übergeben hat, wirkt es, als ob er sich schneller als seine Vorgänger der radikalen Schale entledigt und dem Partei-Establishment anbiedert. Aber das wäre zu kurz gegriffen: Beim Spitzensteuersatz wünscht er sich 53 Prozent, ganz wie zu Zeiten Helmut Kohls, und liegt damit acht Punkte über der Forderung von Olaf Scholz. Außerdem kündigte er zehn Tage vor der Wahl an, im Falle einer Wiederauflage der Großen Koalition seinen Posten als stellvertretender Parteivorsitzender, den er im Dezember 2019 angetreten hatte, zu räumen. Troubadix hat sanftere Töne angeschlagen, ja, aber er singt das gleiche Lied wie vorher: keine GroKo, höhere Steuern für Vermögende und ein Mindestlohn von zwölf Euro. An seinen wichtigsten Positionen hat Kühnert in den vergangenen Jahren wenig geändert. Wäre da nicht das Thema Enteignung. Als Juso-Chef hatte er in einem Zeit-Interview 2019 die Vergesellschaftung von BMW vorgeschlagen. Auf den Immobiliensektor bezogen fügte er hinzu, es sei kein legitimes Geschäftsmodell, „mit dem Wohnraum anderer Menschen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten“. Als am 26. September, dem Tag der Bundestagswahl, in Berlin über den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ votiert wurde, stimmte er trotzdem mit „Nein“. Ein paar Tage vor dem Referendum hatte er in der Talkshow von Markus Lanz von selbstständigen Handwerkern schwadroniert, deren Altersvorsorge von „ein oder zwei Eigentumswohnungen“ abhinge. Die Attacken auf Twitter ließen nicht lange auf sich warten: Hat der Typ nicht gecheckt, dass es bei dem Volksentscheid nur um die großen Immobilienkonzerne geht, die mehr als 3.000 Wohnungen besitzen? Kühnert versteht die Aufregung nicht: Er habe bloß deutlich machen wollen, dass kleine Eigentümer von Wohnungen nicht automatisch „üble Abzocker“ seien.

Im Parlament wird er die Speerspitze einer jungen Revolution bilden: 49 Jusos ziehen dort ein, das ist fast ein Viertel der SPD-Fraktion. Wie lange angesichts dieser Machtkonstellation wohl der sozialdemokratische Burgfrieden mit dem Scholz-Lager halten wird? Eine Ampelkoalition hätte eine Mehrheit von 48 Sitzen – das entspräche grob der Anzahl der jungen Truppe. Manch Hauptstadtjournalist sieht deswegen bereits eine Zukunft heraufziehen, in der ohne „Kühni“ nix mehr geht in Deutschland.

Ein Publizistik-Studium brach er ab. Vom prekär beschäftigten Mitarbeiter in einem Callcenter über den viel beachteten (und anfangs belächelten) Anführer der „NoGroKo“-Kampagne hat es Kühnert zu einem der wichtigsten Parlamentarier der kommenden Legislaturperiode gebracht. Nach dem Wahlsieg seiner Partei sprach er in den Tagesthemen selbstbewusst vom „Voodoo-Programm“ der FDP. Steuern für Reiche runter, Investitionen rauf und gleichzeitig Schuldenabbau: „Irgendwas davon wird nicht funktionieren.“ Prompt bekam er von den Liberalen um die Ohren gehauen, er zeige jetzt „sein wahres Gesicht“. Im nächsten Bundestag wolle er „einfacher Abgeordneter“ werden, sagt Kühnert, das reiche ihm. Im Bauausschuss will er „Bodenpolitik im radikalen Wortsinn“ machen. Vielleicht ist es mit Kühnerts Revolutionsgeist wie mit der alten Tante SPD: Man denkt, es war das Ende – ist es aber nicht.

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06:00 04.10.2021

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