Warum müssen alle Leine ziehen?

Medien Die „Huffington Post“ trennt sich von ihren unbezahlten Bloggern. Doch moderner Journalismus funktioniert nicht mehr Top-down
Dorian Baganz | Ausgabe 05/2018 5
Warum müssen alle Leine ziehen?
Bürgerjournalismus galt vor ein paar Jahren noch als Zukunftsmodell

Foto: Ikon Images/Imago

Süße Frucht der Revolution! Vor ein paar Jahren schien die Medienwelt sich im Umbruch zu befinden. Damals schickten sich Blogs an, unsere publizistischen Gewohnheiten durcheinanderzuwirbeln. Als Bereicherung, vielleicht sogar als Surrogat, zum Angebot der großen Verlagshäuser. Die Huffington Post schwang sich schon 2005 zur tonangebenden Plattform in dieser mutmaßlichen Zeitenwende auf. Mit einer erheblichen Anzahl von unbezahlten Bloggern und ohne redaktionellen Filter wollte sie den Journalismus umkrempeln. Bürgerjournalismus als Vorstufe der deliberativen Demokratie; Jürgen Habermas wird sich gefreut haben! Doch die Revolution scheiterte, bevor sie überhaupt richtig Fahrt aufgenommen hatte. Blogs spielen heute politisch und ökonomisch so gut wie keine Rolle mehr. Aber wieso sollten Voluntaristen den medialen Betrieb nicht trotzdem ergänzen und von außen stimulieren?

Doch auch die Huffington Post frisst ihre Kinder. Hier wurden die Blogger jetzt vom Hof gejagt und ab sofort wird – aus Qualitätsgründen – alleine der professionelle Journalismus den Ton angeben. Die Sphären des nicht gefilterten Meinungsaustausches seien zu „schmutzigen Orten geworden, wo sich nur der Lauteste durchsetzt“, sagte Chefredakteurin Lydia Polgreen. Schmutzig? Laut? So ist das Internet wohl manchmal. Aber es fragt sich, wieso die Kollegen nicht etwas mehr Aufwand betrieben haben, um ihr Medium zu moderieren, und stattdessen das grundsätzlich richtige Prinzip der Lesereinbindung komplett über Bord geworfen haben. Reicht es nicht, die Irren in die Untiefen der Website zu verbannen? Wieso müssen direkt alle Leine ziehen?

Das hat Spaß gemacht!

Als ich 2013 anfing, für den Freitag zu bloggen, war ich noch Schüler. Ich schrieb meine Enttäuschung über Barack Obama auf, nahm Oskar Lafontaine gegen Günter Grass in Schutz und beschimpfte die CSU als rechtspopulistisch und unsozial. Das hat Spaß gemacht! Und es war kein reiner Selbstzweck – ich wollte gelesen werden. Hier gewinnen alle: die Leser, weil ihnen eine zusätzliche Stimme gegeben wird, die Medien, weil sie dadurch die Menschen an ihr Produkt binden, und die Demokratie, weil Streit sie wachhält.

Wenn die Huffington Post die Professionalisierung will, wird sie sie bekommen. Das Rad der Geschichte wird sie damit aber nicht zurückdrehen. Die allermeisten Menschen haben nach der Schule genug von Lehrern und wollen nicht mehr nur belehrt und informiert, sondern ernst genommen werden. Deswegen funktioniert moderner Journalismus nur als reziproke Verständigung, als Dialog zwischen Autor und Leser. Medien, die das nicht begreifen, wird es bald nicht mehr geben.

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