Auf einer anderen Frequenz – Gedanken zur Meinungsmache

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Gestern Morgen habe ich im Halbschlaf den Tuner verdreht und wurde in meiner Aufwachphase von Relikten aus den 1960ern, 1970ern und 1980ern begrüßt. Der private Hamburger Oldie-Sender gab alles. Zwischen Lionel Richie und Boney M. wurde ich von einer säuselnden Nachrichtenstimme informiert, „dass Thilo Sarrazin voll im Trend läge“. Obwohl ich es mir in den letzten Tagen angewöhnt hatte, bei dem S-Namen auf Durchzug zu schalten, fragte ich mich doch, ob Thilo neben seinen literarischen Ergüssen jetzt auch noch altes Liedgut neu vertont hat. Der Titel „These boots are made for walking (away)“ wäre doch ein Anfang.

Dem war aber ganz und gar nicht so. Der Radiosender, normalerweise Spezialist für „Achmets Spaßtelefon““ und Verlosung von „ Bierbike-Fahrten“, hat eine „repräsentative Umfrage“zu den Thesen unseres neuen Bestseller-Autoren und potentiellen Medienpreis-Gewinners in Spe in Auftrag gegeben. Und siehe da, fast alle deutschen Bundesbürger unterstützten die Thesen von“ Deutschland schafft sich ab“, „Sarrazin läge also voll im Trend“. Genau diese beiden wertvollen Informationen, selbstverständlich ohne weiteren Hintergrund, wurden gestern einer verschlafenen Bundesbürgerin, nämlich mir, mitgeteilt. Erst heute, nach Rücktritt des „Provokateurs“, wurde der repräsentative Fragenkatalog, bestehend auself geschlossenen Fragen, die somit nur mit Ja oder Nein zu beantworten waren, auf der Homepage des Radiosenders nachgeschossen.

Zu den Inhalten der, neben Luthers, jetzt wohl bekanntesten Thesen ist genug gesagt worden. Es ist zu hoffen, dass Bundesbank-Vorsitzendender und Autor bald wieder in den Manteldes Vergessens gehüllt werden. Das Thema hängt mir mit Verlaub zum Hals raus. Indes gibt die platte Meinungsmache, in diesem Fall gegen Migranten –integriert oder nicht- Anlass zur Sorge. Interessant ist auch die in den Medien Gebetsmühlen-artig propagierte Kluft zwischen Politik und dem anders denkenden Volke.

Dass die Bild-Zeitungnicht gerade als intellektuelle Lektüre gehandelt wird, dass sich derzeit in der im Kommentarbereich von Welt.de brennende Verehrerpolitisch inkorrekter Plattformen und natürlich von Thilos Rassenkunde tummeln, ist eine Sache. Aber muss man, liebe Welt-online-Redaktion, denn unbedingt eine Werbe-Anzeige für den Buchtipp „Deutschland schafft sich ab“ in einen Artikel über den rassistischen Übergriff auf eine türkische Autofahrerin setzen?

Auch zur geplanten Koranverbrennung sind viele einleuchtende Überschriften, vorzugsweise in den Online-Nachrichten verschiedener Medien zu lesen: „Wieder Angst vor Terror-Anschlägen“.Die Koran-Verbrennung wäre vertretbar, wenn es nicht immer zu diesen lästigen Anschlägen käme? Könnte man daraus interpretieren. Ist natürlich nicht so gemeint.

Es sind jedoch genau diese oberflächigen Satzfetzen, Überschriften, Thesen, die im Vorbeigehen, beim Frühstück, auf dem Klo aufgeschnappt und dankbar abgespeichert werden. Und das ist Meinungsmache, einfach und wirksam. Die aktuelle Debatte macht es schlicht unmöglich, das simple Wort „Integration“ in anderen Kontexten zu nutzen. Mindestens eine scherzhafteBemerkung zielend auf Herrn S. oder den Islam geht im Allgemeinen immer.

Die liebgewordene Tradition der plumpen Meinungsmache zieht sich durch alle Themen. Radio-Sender geben neuerdings gern Umfragen in Auftrag. So hat ein weiterer privater Radio-Senderim Rahmen des Volksentscheides pro oder contra Hamburger Schulreform am Tag der Abstimmung nochmals das repräsentative Umfrageergebnis präsentiert und dies mit einer euphorischen Stellungnahme gegen die Schulreform vom Initiators der Initiative „Wir wollen lernen“ untermalt. Wenn schon alles in trockenen Tüchern ist, was soll ich dann noch im Wahllokal?

Selber Denken liegt nicht im Trend. Wozu gibt es denn den praktischen Meinungs-Liefer-Service? Ich hätte gern die Jumbo-Meinung mit Doppelt-Käse, zum Mitnehmen bitte! Außerdem sollte ich meinen Tuner mal justieren. Derzeit läuft „Stand by me“.Ich denke nicht.

10:45 10.09.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 2