Charme der Ruine

Hamburg zu Fuß Seit Doris Brandt einen Kinderwagen durch Hamburg schiebt, hat sie ganz neue Perspektiven auf die Stadt. Diesmal erinnert sie sich an ein Café ihrer Kindheit

60 Quadratmeter Kindheit, so kommt es mir vor. Ich muss an die Tagesausflüge mit meinem Großvater denken. Als der Parkeintritt für Panten un Blomen noch 50 Pfennig kostete und mir das Capri-Eis im Park-Café an der Zunge festfror. Der Eintritt ist heute abgeschafft und das Park-Café wurde vor einigen Monaten abgerissen. Nur im Boden kann man noch Spuren des Abrisses erkennen. Dort wo vor Kurzem noch das braune Häuschen in Leichtbauweise stand, zeichnen jetzt die weggerissenen Mauern ein Quadrat in den Waschbeton.

Die Wallanlagen sind Teil des Parks Planten un Blomen, und das Park-Café war Teil der Wallanlagen. Das Café war zudem eine Konstante. Unverändert seit 30 Jahren. Auch noch vor zwei Jahren zogen im Sommer Wolken von Kölnisch Wasser durch den Außenbereich. Die Bedienung war bedingungslos unfreundlich, während sie aufgewärmte Waffeln aus dem Supermarkt in der kleinen Durchreiche stapelte. Die giftgrüne Berliner Weiße mit Schuss wurde in Gläsern serviert, die in den 1980ern in meiner Teenie-Vitrine standen, und schmeckte außerirdisch. Eine kleine Metallbox an der Toiletten-Türklinke verlangte 50 Pfennig. In einem Glasschaukasten grinsten einem die Autogramm-Karten der Hamburger Prominenz entgegen, die wohl alle schon einmal hier Kännchen getrunken haben. Auch die Wachstischdecken mit psychedelisch anmutenden Mustern waren nicht retro sondern schmückten wirklich seit den 1980ern die Tische des Innenbereiches. Ein Café, das ein wenig nach der Speisekammer meiner Großmutter roch: Ata-Scheuerpulver und Dosenmilch. Es wurde Filterkaffee ausgeschenkt, später auch zum Mitnehmen, aber niemals 'to Go'. Letzten Sommer blieb das Café geschlossen. Jetzt ist es weg.

Kunsteisenbahn und "Words"

Eine Platane, die im Jahr 1821 in der Nähe des Dammtor-Bahnhofes gepflanzt wurde und noch heute dort steht, war der Beginn des Parks und ehemaligen Botanischen Gartens. Nach und nach war der Park Austragungsort von internationalen Gartenschauen, dessen blumiges Ausmaß damals mit einer Seilbahn (1963) und einer kleinen Park-Bahn (1973) erkundet werden konnte. Die Seilbahn wurde wieder abgebaut und der Betrieb der Park-Bahn wurde aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Die Kindheitserinnerungen der 1970er und 1980er wurden jedoch von den progressiven „Erlebnis-Spielplätzen“ geprägt und einer der größten Außen-Kunsteisbahnen Deutschlands.

Das Park-Café stand in unmittelbarer Nähe zu dieser Kunsteisbahn, die in den Sommermonaten eine Rollschuhbahn ist und deren Betonbau aus den 1970ern in abgeblättertem Zitronengelb, Lila und Türkis mich immer an die Kulisse der tschechischen Kinderserie „Luzie, der Schrecken der Straße“ erinnerte. Ich weiß nicht warum. Da mein Vater weder Super-Acht- noch Video-Filmer gewesen ist, und keine Filmdokumente aus meiner Kindheit existieren, ist es fast ein Luxus, die eigene Kindheit en Detail als Komparsin zu erleben. Zwischen Capri-Eis im Sommer und ersten Schlittschuhversuchen im Winter. Sogar die Schmacht-Weise „Words“ von F.R. David tönte noch letztes Jahr aus den knarzenden Boxen. Im letzten Frühjahr wurde der Beton zwar neutral weiß gestrichen, aber das nostalgische Musik-Repertoire beschallt noch immer die Eisläufer.


An all das denke ich an diesem grauen April-Nachmittag, während ich in einem Quadrat stehe, das der Abriss auf die Waschbetonplatten gezeichnet hat. Eine Art übrig gebliebene Pergola mit einem Gestänge aus braungestrichenem Metall und grauen, angemoosten Eternit-Platten bildet einen interessanten Kontrast zu den frischgepflanzten gelben Stiefmütterchen, die sich aus den klobigen Betonkübeln recken. Die grünen Liegewiesen sind leer, der kleine Kunst-Teich ist in den letzten mit Wasser gefüllt worden. Statt Enten dümpelt nur ein vergessener Plastikball herum. Den nahegelegenen Hamburger Dom kann man nicht nur sehen und hören, sondern auch riechen: Zuckerwatte, Popcorn und Wurst.

Das Skateboard-Rumpeln der Rollschuhbahn vermengt sich mit Achterbahn-Rattern des „Fünfer Olympia-Loopings“, der durch die noch kahlen Bäume blinkt. Das Millerntor-Stadion und der große Bunker am Heiligengeistfeld setzen sich indes kaum vom Hamburger Himmel ab. Die knarzenden Stimmen der Schausteller werden durch diese Tröt-Geräusche unterbrochen, die eine neue Fahrtrunde ankündigen. Manche Geräuschkulissen waren schon immer da und werden womöglich alles überdauern. Die Rollschuhbahn ist jetzt übrigens Teil eines Konzeptes. Ein geplantes Konzept mit Kletterpark und Erlebnis-Gastronomie.

Plötzlich stehe ich nicht mehr alleine im Quadrat. Eine Familie steht neben mir und möchte eigentlich Kaffee trinken. Das geht ja nun nicht mehr. Ein Junge auf seinem Wave-Board rattert über den Waschbeton und legt einen unfreiwilligen Stunt hin. „Mama, das bockt hier nicht!“ Ich denke, ich habe mich verhört. Noch so eine Konstante. „Gebockt“ hat schon das Capri-Eis, das an der Zunge gefror.

Immer dienstags setzt Doris Brandt, Freitag-Autorin und Community-Mitglied, ihren Rundgang durch Hamburg fort und zeichnet so ihr ganz eigenes Stadtbild. Dass sie rechts und links verwechselt, kommt nur in Ausnahmefällen vor.

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16:58 03.04.2012

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