Das Leben ist kein Bundestag - Mein persönlicher Jahresrückblick

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Mein Schlüsselerlebnis 2009 fiel spontan an einemheißen August- Nachmittag vom ausnahmsweise wolkenlosen Hamburger Himmel. Schauplatz:Die Strandperle - früher einfache Pommesbude am Strand von Oevelgönne, heute „Hamburgs ältester Beachclub“.

Es traf mich dort, wo man nicht gerade eine Eingebung erwartet, nämlich in einer Endlos-Schlange vor dem Damen WC. Ein friedlicher und idyllischer Samstag im Sommer, musikalisch untermalt vom sichtlich gut gelaunten Klo-Mann, der zum plärrenden Transistor Radio singt. Wären bloß nie die NDR2-Nachrichten gesendet worden! Die Toiletten-Aufsicht unterbricht die Karaoke-Darbietung um die politischen Ereignisse zu Kommentieren. Und hier beginnt mein unfreiwilliges Gastspiel.Mittlerweile in der Schlange weit vorgearbeitet, nichts Böses ahnend reagiere ich auf seine Kommentare und kritisiere ein klitze- kleines bisschen unsere hoch geschätzte und verehrte Bundeskanzlerin. Es entsteht wirklich keine Grundsatz-Diskussion sondern eher ein nicht ganz ernst zunehmendes verbales Ping-Pong-Spiel. Trotzdem Grund genug, um scheinbar auf den Unmut der übrigen Toiletten-Klientel zu stoßen.Im Nacken höre ich ein biestiges nervöses Räuspern. „Das gehört nun wirklich nicht hierher!“ Ich drehe mich um und erblicke eine durch-designte Endreißgerin, die jetzt peinlich berührt auf ihre perfekt pedikürten „French-Nails“ starrt. Ihr Schuhwerk – ein für den Strand vielleicht nicht ganz so geeignetes Paar Stilettos mit gefährlichen 20-cm-Absätzen- flößt mir Angst ein. Ich möchte betonen, dass ich weder die "Internationale" noch die dritte Strophe des Deutschlandliedes gesungen und mich lediglich über Politik unterhalten habe! Die frei werdende Kabine ist meine Rettung, schnell schließe ich von innen ab.

Aber: Wo gehört freie Meinungsäußerung denn sonst hin, wenn nicht auf eine öffentliche Bedürfnisanstalt? Oder muss man den Ausdruck „Stilles Örtchen“ wirklich wörtlich nehmen? Seitdem beschäftigt mich die Frage, wie politisch ist unsere Gesellschaft überhaupt? Gerade im Jahr der großen Finanz- und Wirtschaftskrise? Finden die sogenannten Stammtischgespräche überhaupt noch einen Platz in unserem Alltag? Stößt man bei politischen Äußerungen nicht öfter malauf peinliches Schweigen? Fragen über Fragen. Als Teilnehmer einer Demonstration macht man sich natürlich schon von vornherein als gewaltbereiter linker Steine-Werfer verdächtig.

„Mittlerweile fast Weihnachten, könnte man sich ja selbsteinmal ein Bild von den Glühwein-geschwängerten Smalltalks verschaffen“, denke ich mirund schlendere über den größten Hamburger Weihnachtsmarkt. Gesprächsfetzen schwirren durch die Luft: „Was macht Ihr Weihnachten? -Neuer Firmenwagen für 50.000 Euro – Das Leben ist kein Ponyhof -Was macht Ihr denn Silvester? – Kollegin doof – Bohlen pöbelt" Na, Prost.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, mich pausenlos über Politik unterhalten zu müssen. Wirklich nicht. Ich wichtel mit meinen Kollegen, backe Plätzchen, gucke blöde Fernsehsendungen und betrinke mich auf dem Weihnachtsmarkt. Aber dennoch habe ich irgendwie eine politische Meinung und tue diese tatsächlich auch kund.

Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Der Politik-Verdruss in der Bevölkerung oder derin der Regierung? Ist Politik denn überhaupt noch politisch oder eher gesteuert von PR-Maßnahmen und Lobbyismus? Ist eine Kanzlerin politisch, deren Konsequenz sich ausschließlich in vier Knöpfen am Jackett widerspiegelt? Ist ein Minister noch politisch, der sich wie ein drittklassiges Musical-Starlett auf dem Broadway ablichten lässt und dann noch durch deutsche Unterhaltungssendungen tingelt? Ist eine Familien-Ministerin politisch, die sich nach Ernennung ins neue Amt noch kurz Express-verlobt und schnell einen Kinderwunsch hinterher schiebt? Kommt als Familienministerin natürlich gut. Fragen über Fragen. Public Relations und Politik sollten nur den Anfangsbuchstaben gemein haben. Leider haben sich die beiden „P-Wörter“ zu einer Pampe vermischt,die wahrscheinlich nur noch Trägheit hervorruft.

Zurück zum Weihnachtsmarkt und endlich doch noch ein Hoffnungsschimmer: Ein politisches Statement ! Und was für eins, ein richtiger Ausbruch! Ein Ausbruch von mindestens vier Glühwein gepaart mit Schmalzgebäck gegen die rechte Seitenfassade des Hamburger Rathauses. Gut, das kann man gelten lassen!

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten und anregende Gespräche!

01:20 20.12.2009
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