Der Mann im Mond

Bücherkalender Im wilden Namendschungel nimmt Doris Brandt den Kampf durch Bill Clintons gebildet-eloquentes Umfeld auf - und verliert
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Der Mann im Mond
Foto: jokebird/photocase

Von Anfang an war da wieder dieses Gefühl, welches ich aus meiner Kindheit kannte. Das Gefühl, einem Tsunami aus Vornamen, Nachnamen und verwandtschaftlichen Verbindungen ausgeliefert zu sein. Meine Großmutter etwa konnte mit unserer imposanten Verwandtschaft aus dem Vollen schöpfen. Monologe wie in einem Loriot-Film: „Nein, Tante Henni ist nicht Deine richtige Tante, sondern die Cousine Deines Onkels, die auch mal mit dem Stiefbruders Deines Großcousins verheiratet war.“

Einige Jahre später kämpfte ich mich, diesmal freiwillig, durch einen ähnlichen, wenn auch niedergeschriebenen, Namensdschungel. Die Unüberschaubarkeit ausufernder Details toppten die Nachkriegsausführungen meiner Großmutter sogar noch! Vorweg: ich verlor diesen selbstgewählten Kampf auf Seite 313, keine gute Voraussetzung für die Rezension eines Buches von 1500 Seiten. Aber wer hätte gedacht, dass meine Oma und der ehemalige US-Präsident Bill Clinton die gemeinsame Leidenschaft vereinte, Dinge nicht nur bei einem sondern bei vielen Namen zu nennen? Während mich die großmütterlichen Monologe in einen wohligen Dämmerzustand versetzten, wollte ich die namentlichen Zusammenhänge in Clintons Autobiografie „Mein Leben“ wirklich verstehen.

Millionen Amerikaner konnten nicht irren, als sie sich eines Nachts im Jahr 2004 in eigens geöffneten Buchläden versammelten, um jene Autobiografie von William Jefferson Clinton zu erwerben, für die der Autor selbst bereits einen durchaus fairen Verlagsvorschuss von rund USD 12 Millionen erhalten hatte. Solche nächtlichen Verkaufsveranstaltungen wurden bis dato nur bei dem neuesten Harry Potter – Roman initiiert. Warum also war diese Autobiografie von solch immensem Interesse? Weil rund sechs Jahre zuvor das amerikanische Schicksal scheinbar an einem fleckigen Kleid hing? Weil das Wort Sex von Clinton neu definiert wurde oder weil prominente Privatleben einfach interessant sind? Weil sich der voyeuristische Leser wunderbar hinter dem Begriff Literatur verstecken kann, ohne auf die niveaulose Regenbogenpresse à la Bunte und Gala reduziert zu werden? Nicht zuletzt sind die All-American-Boy-Geschichten über eifrige, junge Amerikaner, die es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu etwas bringen, äußerst beliebt.

Meine persönlichen Kaufgründe des präsidentiellen Werkes waren ein Sonderangebot in einer Bahnhofsbuchhandlung, ein verspäteter Zug und nicht zuletzt ein gewisses Maß an voyeuristischem Interesse. Auf der Zugfahrt zwischen Hamburg und Hannover schaffte ich die schwierige Kindheit. Dann wurde es verworren. Ich erinnere mich, dass Clinton haufenweise Leute mit unzähligen Namen getroffen hatte, die allesamt entweder tolle Charaktere oder eine überdurchschnittliche Klugheit besaßen. Im Optimalfall sogar beides. Clintons Heimat-Bundesstaat Arkansas schien, bis auf Clintons Stiefvater, nur aus fabelhaften Menschen zu bestehen. Die Waltons konnten einpacken. Aber die kamen ja auch nicht aus Arkansas sondern aus Virginia.Clinton war ein aufstrebender, ehrgeiziger moralisch einwandfreier, junger Mann aus einfachen Verhältnissen, der sogar Einbrechern Briefe im Haus hinterließ, die im Falle eines Einbruchs an die eigene Moral appellierten sollten.

Während des Lesens der ersten zweihundert Seiten erschienen ganz automatisch Szenen dieser amerikanischen Teenagerfilmchen vor meinem inneren Auge. Jene Filme, die zumeist von unscheinbaren Jugendlichen handelten, die es mit Klugheit, Mut und Glauben an sich selbst zu Ansehen, Ruhm und zur Homecoming-Queen geschafft haben. Das große Filmfinale handelte zumeist von einem lebenswichtigen Basketball-, Eishockey- oder American Footballspiel, das natürlich in der letzten Sekunde –Puck oder Ball fliegen in Zeitlupenfassung zu Musik von Freddy Mercury ins oder übers Tor- entschieden wird. Aber ich schweife ab.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, ich habe nichts gegen moralische junge Männer. Ich habe auch nichts gegen Bill Clinton. Autobiografien anderer amerikanischer Präsidenten hätte ich nicht einmal gegen Geld gelesen. Die Sache ist nur, dass ich vor lauter Detailverliebtheit und Namenswirrwarr zunehmend den roten Faden verlor. Bei dem beschriebenen positiven, gebildeten und eloquenten Umfeld wurde mir ganz schummrig. Plötzlich sehnte ich mir meinen kauzigen Großonkel zweiten Grades herbei, der nicht im Kreise eines eloquenten Freundeskreises an seiner politischen Karriere feilte, sondern sich lieber mit seinen Kumpels im Dorfkrug einen „antüterte“. So erzählte es zumindest meine Oma.

Was machte ich also noch in diesem präsidentiellen Leben? Die Zugfahrt nahm kein Ende. Meine Langeweile paarte sich mit ersten Zweifeln an meiner eigenen Auffassungsgabe, die sich mittlerweile negativ auf mein Selbstbewusstsein ausübten. War es normal, dass diese Namen großartiger Menschen mit ihren großartigen Taten in noch großartigen Schachtelsätzen einfach so durch mein löchriges Hirn fielen und von keiner einzigen Windung aufgefangen wurden? Vor lauter Konzentrationsanstrengung ist mir leider die Handlung gänzlich abhandengekommen. So muss ich leider auf Rezensionen auffassungbegabterer Kollegen zurückgreifen.

Die NZZ schrieb damals: „Clintons Werk bietet einen interessanten Rückblick auf die politische Situation der 1990er Jahre“. Das ist gut zu wissen. Der Rezensent schreibt weiter: „Dennoch hat das Buch nun mal 1500 Seiten, und insbesondere in der zweiten Hälfte gehe der Erzählfaden doch manches Mal inmitten der Flut an Details etwas verloren. Wer also einen gewissen Durchhaltewillen aufbringt, wird nach Kinds Meinung durchaus belohnt.“ Geduldfäden messen eben unterschiedliche Längen.

An einen lichten Moment meinerseits erinnere ich mich noch. Eine Stelle, die mich doch aufhorchen ließ. Bill Clinton schrieb über die Mondlandung und über einen alten Mann, der mit ihm zusammen für Jeff Fertighäuser aufbaute. Leider habe ich aus den bereits bekannten Gründen vergessen, wer Jeff war. Clinton schreibt: „Der alte Zimmermann fragte mich, ob ich die Geschichte mit der Mondlandung glaubte. Ich hatte keinen Grund daran zu zweifeln – schließlich hatte ich es ja im Fernsehen gesehen. Er war anderer Meinung und erklärte mir, er habe diese Geschichte keine Sekunde für wahr gehalten. Es sei doch bekannt, dass die „Burschen vom Fernsehen“ Dinge echt aussehen lassen könnten, die das gar nicht waren. Damals hielt ich ihn für wunderlich, doch während meiner acht Jahre in Washington fragte ich mich öfters, ob der gute Mann seiner Zeit nicht einfach voraus war.“

War das etwa ein versteckter Hinweis einer getürkten Mondlandung? Leider klärt Clinton nicht weiter auf, ob Neil Amstrong im Juli 1969 nun auf dem Mond oder in der hermetisch abgeriegelten Wüste von New Mexiko herum gehüpft war. Schade, das hätte dem Buch eine gewisse Brisanz verliehen. Stattdessen befasst sich der nächste Absatz mit Betsey Reader und ihrer klugen, nachdenklichen und freundlichen Art sowie mit Jan Dierks, dem ruhigen, intelligentem Mädchen.

Meine Erinnerungen versanken indes wieder im Schemenhaften, ehe sie dann auf S. 313 gänzlich abbrachen. Ich kam nicht über die folgenden Sätze hinaus:„Der Dritte Distrikt von Arkansas im nordwestlichen Teil des Staates bestand aus 21 Countys und umfasste die großen Countys Washington und Benton im äußersten Nordwesten, sieben nördliche Countys in den Ozarks, acht im Tal des Arkansas River und vier in den Ouachita Mountains im Südwesten. Dank Wal-Mart, Tyson und anderer Geflügelfirmen sowie Speditionsfirmen wi J.B. Hunt, Willies Shaw und Harvey Jones hatten sich die Städte in den Countys Benton und Washington einen gewissen Wohlstand erworben, und die Republikaner waren dort auf dem Vormarsch“.

Ich hatte verloren. Keine Flecken, keine verkorksten Meineids und auch keine „unabhängigen“ Flecken-Ermittler. Sorry. 2010 war Bill Clinton bei Johannes B. Kerner zu Besuch, um sein Buch nochmals auf die Vermarktungsspur zu bringen. Kerner redete Clinton noch immer mit „Mr. President“ und nicht mit „Mr. Clinton“ an. Das Protokoll sah es so vor. Macht ja auch Sinn. Oma ist ja auch noch Oma.

09:54 07.12.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 14