Expedition Spielplatz

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Wer die Zukunft erforschen will, muss nicht Matthias Horx lesen sondern auf Kinderspielplätze gehen. Aber nicht auf irgendwelche sondern aufganz spezielle: Zum Beispiel in Hamburg-Eppendorf .

Die ganze Szenerie beginnt in einer Spieloase, wie sie sich Frau von der Leyen, pardon Frau Köhler, nur erträumt. Pädagogisch korrekte Spielgeräte in einer Großstadt-Idylle mitten in Hamburg. Urbanism lässt grüßen.

Kindergeschrei mischt sich mit polyphonen Klingeltönen der Mutti-Handys. Hektische Terminkoordination am Telefon paart sich mit beiläufigen Ermahnungen:

„Santander, nimm die Blumenerde aus dem Mund“.

Wenn Santander wüsste, bald findet er sich in einem achtsprachigen Kindergarten wieder. Mutti macht gerade die Aufnahmeprüfung klar.

Ein Auto fährt vor. Das dunkle Motorengeräusch lässt es schon erhören. Ein Einkaufspanzer Marke „Porsche Cayenne“ rammt fast den Jägerzaun mit niedlichen Zwerg-Motiven. InGedanken spielt sich der Soundtrack von „Apocalypse Now“ ab. Die Tür wird dynamisch aufgestoßen. Eine Sonnenbrille auf Beinen packt ihr schickes neues Accessoire (Kind) mit Fahrradhelm und einem Michelin-Männchen- artigen Schutzanzug aus.

Leichte Bockigkeit liegt in der Luft. Das beleidigte Gesicht des kleinen Filius deutet darauf hin, dass er brutalst möglich von seiner brandneuen Spielkonsole Wii weg auf den Spielplatz verpflanzt wurde. Die Miniatur-Guttenberg Frisur unter dem Fahrradhelm verheißt nichts Gutes. Die Spielplatz-Klientel wird von den Michelin-Armen des Jungen gnadenlos zur Seite gestoßen.

Zielstrebig und in dynamisch guttenbergscher Manier erklimmt er die Aluminium-Stufen der Rutsche. Ab nun geht nichts mehr! Eine Schlange aus weiteren Michelin-Männchen hat sich in Null Komma Nix hinter der Rutsche gebildet.

Ein resoluter Ton schwingt aus der Sonnenbrillen-Mutter: „ Julius-Laurenz, nun rutsch noch endlich!“

Julius-Laurenz bleibt stur, gleichsam kämpft er standhaft den einsamen Kampf auf der Rutsche. Was schert ihn das Geschmeiß im Rücken?

Mittlerweile formieren sich zahlreiche Sonnenbrillen auf Beinen gleich einem Fliegen-Schwarm um die Rutsche.

„Aurelia, dann gehen wir schaukeln, Dein Kundalini Kurs im Private Yoga Institute beginnt sowieso in 10 Minuten.“

Langsam wird uns angst und bange bei unseren Beobachtungen. Beunruhigt schweifen unsere Blicke zum Ausgang des Spielplatzes. Steht da womöglich schon ein Türsteher wie im Münchner „P1“, der nur Haute Couture Kids durchlässt und Otto-Normal-Kinder verbannt?

Wieso nicht die Kleinen so nennen, wie sie scheinbar erzogen werden? Wir machen die Probe aufs Exempel:

„Kim Jong-Il, komm sofort aus dem Sandkasten, Dein Kurs in Atom-Physik beginnt in 10 Minuten!“

Dabei werfen wir einen druckfrischen und zufällig auf der Bank liegenden Polo Ralph Lauren for Kids – Katalog in den Mülleimer.

Uns wird klar, die Gefahr scheint im Namen zu liegen. Mädchen, die wie Tulpen klingen und Jungs wie Reptilien.

Was bringt das neue Jahrzehnt? In uns geht ein Gespenst um, es haucht uns Namen der nächsten Generation ein. „Adolf, komm von der Rutsche! Benito, gieb Hermann sein Schäufelchen zurück!“ Dann wird es dunkel.

Uns kommt derFilm „Soylent Green“ in den Sinn, bevor es noch schlimmer wird, lassen wir uns lieber zu Keksen verarbeiten. Das hilft der Umwelt.

cairo23 /Doris Brandt

23:00 30.12.2009
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