Gesellschaft ad absurdum

Wut der Leistungsträger Trump, die Elbphilharmonie, brennende Turnschuhe und veganer Brotaufstrich - Zutaten einer absurden Gesellschaft, die es endlich zu hinterfragen gilt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Gesellschaft ad absurdum
Was kommt, wenn die Wut und Hysterie allmählich abebbt?

Bild: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

"Die Kraft des Bildes ist so wichtig -Das neue Wahrzeichen begeistert sogar die Amerikaner", diese Überschrift eröffnete ein Interview mit Hamburgs Tourismuschef, das jüngst in der ZEIT Hamburg erschien. Auch wenn in jener Überschrift Ironie mitschwingt, fasst sie den Grundton des nachfolgenden Interviews über die Eröffnung der Elbphilharmonie wunderbar zusammen. Hamburg will sich bei den Amerikanern positionieren - touristisch. „Sogar die Amerikaner“, wenn das keine Aussichten sind. Knapp 800 Millionen Euro hin oder her, wenn sogar die Amerikaner von diesem Konzerthaus fasziniert sein werden, dann hat sich das Bauen ja allemal gelohnt. Das Interview erschien am 03.11.16. Fünf Tage später wählt ein großer Teil der Amerikaner einen Mann zum Präsidenten, der sein Land mit einem viel größerem Bauvorhaben beglücken will –Eine Mauer zum Schutz vor Mexikanern.

Die USA bis vor kurzem für viele Non-Plus-Ultra und Trendsetter in einem: Coca Cola und Nike. Pretty Woman und Rambo. Während der beiden Legislaturperioden des George W. Bush bröckelte das U.S.- Image zwar gehörig, dann aber kam Obama. Und die Welt schaute verzückt auf dieses neue Amerika, das nahezu messianische Erwartungen an seinen neuen Präsidenten richtete. Erwartungen die in dieser Welt des Neoliberalismus und Lobbyismus niemals hätten erfüllt werden können. Nach Verlust der Senatsmehrheit noch weniger.

Und heute? „Sogar die Amerikaner haben einen sexistischen, rechtspopulistischen Immobilienmilliardär zum Präsidenten gewählt. “ Heute jubelt die AfD: „Wir sind Präsident“

Und jetzt? Ich habe keine Freunde mit rechtem Gedankengut. Zumindest nicht wissentlich. Da, wo ich wohne, wohnen nur moderne, tolerante Menschen. Da, wo ich wohne wird man aber auch realitätsfremd. Leben in einer Blase. Mein soziales Umfeld hätte Trump nicht gewählt. Natürlich nicht. Wir sind fassungslos, geschockt, drücken unsere Wut mit einem abgeänderten Facebook-Profilbild aus, das eine Freiheitsstatue zeigt, die ihre Hände vors Gesicht schlägt, posten ein paar Zitate: Sartre, Tucholksy, Adorno. Zwischendurch etwas Heiteres: Trump als gelber Simpsons-Charakter. Wir teilen Artikel: BASF und Deutsche Bank als Spendengeber, der Präsidentensohn als Großwildjäger. Liken Artikel unserer Freunde. Und in einer Woche? Und in einem Monat?

Fragen wir uns wirklich, wer Trump gewählt hat? Ob heutige Trump-Wähler vielleicht auch Sanders gewählt hätten? Und wer Populisten wie Höcke, Le Pen, Wilders und wie sie alle heißen seit Jahren unterstützt? Und der Brexit? Der Europäische Rechtspopulismus existiert ja auch nicht seit gestern und auch nicht seit letztem Jahr. Warum erfahren rechtsextremistische Parteien und Organisationen heute einen solch immensen Zuwachs? Und warum war das vor 30 Jahren anders? Und warum ist es heute so schwer, dieses in sich wabernde globale Irgendwas zu erklären? Und zu erklären wofür und wogegen man selbst ist? Der CEO des amerikanischen Sportartikel-Herstellers New Balance hat über den Trump-Sieg gejubelt. Deswegen verbrenne ich aber meine Turnschuhe nicht, sonst könnte ich auch den Addidas-Fußball oder die Gummi-Spielfiguren meines Kindes wegen der unzumutbaren Arbeitsbedingungen in China, Indien und Bangladesch verbrennen. Von meinem I-Phone ganz zu schweigen.

Der 09.11.89 steht für den Fall der Berliner Mauer, das Ende des Kalten Kriegs, das Ende des alten Feindbildes vom Warschauer Pakt und Beginn eines deregulierten Weltmarkts, eines Turbo-Kapitalismus, der auch vor vermeintlich sozialistischen Gesellschaften wie China nicht Halt machte. Die Welt wurde in Gewinner und Verlierer unterteilt. Mit der Zeit wurden viele Gewinner gieriger und viele Verlierer wütender. Zwei Gründe rechtspopulistischen Neoliberalismus zu wählen. Dank einer globalen Weltwirtschaft wurden Menschen zu Leistungsträgern, die in Profitcentern arbeiteten. Ungünstig nur, wenn das eigene Gehalt gerade mal zum Überleben und nicht zum Riestern reichte. Demokratien agierten plötzlich marktkonform. Haben wir uns mal gefragt, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen Hartz IV und dem nahezu zeitgleich eingeführten Dosenpfand gab? Und das unter einer vermeintlich linken Regierung?

Und jetzt führt ein sexistischer, rassistischer Multi-Milliardar diese globale Gesellschaft ad absurdum. Ein Gewinner des Neoliberalismus, ein big player der Weltwirtschaft schreit nationale Parolen. Verzichtet selbstlos auf sein Präsidentengehalt und sinniert über ein riesiges Konjunktur-Programm - zum Bau von Mauern. Ein Immobilien-Mogul, dessen Schattenkabinett aus windigen Investmentbankern und Waffennarren zu bestehen scheint. Banken, die auf Lebensmittel und Staaten wetten, spielen und spielten in beiden politischen Lagern Schlüsselrollen. Clinton schlug Sanders und hatte außer Neoliberalismus nichts entgegenzusetzen.

Letztens habe ich doch noch gegen TTIP und CETA demonstriert. Jetzt meldet diese US-Föhnfrisur, dass er auch rein gar nichts von Freihandelsabkommen hielte. Der Bioladen in unserem Viertel setzt auf regionale Produkte. Und Trump? Klassische Themen einst linker Bewegungen sind schon lange von rechten Populisten gekapert worden. „Establishement“, vor kurzem hätte ich diesen Begriff noch mit anderen Aufständen in Verbindung gebracht. Und die Presse? Bis auf die Los Angeles Times haben alle Medien einen Clinton-Sieg vorhergesagt. Es ist zum Verrücktwerden „Ich komm nicht mehr mit! Das macht träge, in den 1980ern, in Brokdorf, konnte ich noch formulieren, wogegen ich demonstriere“, so ein älterer Mann gestern in der S-Bahn. Ein Phänomen, was auch der Occupy-Bewegung vor fünf Jahren den Atem genommen hatte. Was hatte Priorität? Das Klima? Die Bangster? Studiengebühren? Oder dass es im Occupy-Camp ausreichend veganen Brotaufstrich gab?

In meiner Stadt wird nächste Woche wieder die AfD demonstrieren, ein bekannter Hamburger Ex-Innensenator wird wohl auf dieser Demonstration sprechen. Es wird sich hoffentlich eine große Gegen-Demonstration formieren. Physisch und nicht multimedial im Starbucks sitzend, auf dem I-Phone rumwischend. Die sozialen Medien erleichtern die Kommunikation, aber Protest sollte nicht nur darin bestehen, einen blauen Daumen zu drücken bzw. ein Foto von eigens in Brand gesetzten Turnschuhen hochzuladen.

Was kommt, wenn die Wut und Hysterie allmählich abebbt? Das geht erfahrungsgemäß ziemlich schnell. Das Facebook-Profil-Bild wird dann wieder gewechselt. Erinnern wir uns an „Je suis Charlie“, „Oxi“, „Je suis Paris“, „Je suis Bruxelles“. Das politische Weltgeschehen kann mittlerweile ganz wunderbar anhand der eigenen Facebook-Profilbilder Revue passiert werden. Mal in Regenbogen-Farben mal als „drapeau tricolore“ und jetzt eben als weinende Freiheitsstatue.

Ich wünsche mir, dass unsere Wut und Hysterie zu etwas führt. Zu einer kritischen Hinterfragung des globalen Systems und des Turbo-Kapitalismus. Zur Reflexion und Selbstkritik. Zu einem neuen politischen und gesellschaftlichen Bewusstsein, das eben auch in Politik und Gesellschaft hineingetragen wird. Die kanadische Journalistin Naomi Klein erwähnte jüngst in ihrem Artikel im Guardian das kanadische Leap-Manifesto, eine Agenda für eine Gesellschaft der Menschen. Klein schreibt: “Menschen haben ein Recht wütend zu sein. Eine aussagekräftige, starke und themenübergreifende linksideologische Agenda könnte diese Wut in Engagement umwandeln. Engagement, das es bedarf ganzheitliche Lösungen für eine humanitäre globale Gesellschaft herbeizuführen.“

Das erfordert langem Atem, abseits von vermeintlichen Idolen oder auch 68er-Parolen. Apropos Protest. Trump wird Hamburg im kommenden Juli zum hier stattfindenden G-20-Gipfel besuchen. Er wird bestimmt begeistert von der Elbphilharmonie sein.

23:02 14.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 15