La Mer, Pfannkuchen, Camus und Corona

Sound der Krise - Teil 1 Der französische Radiosender FIP liefert seit März den Soundtrack unseres neuen Corona-Alltags und spiegelt musikalisch die Vielschichtigkeit der Krisenzeiten wider
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La Mer, Pfannkuchen, Camus  und Corona
„Die Pfannkuchen-Freiheit verliert den doppelten Boden“

Foto: Mockup Graphics/Unsplash

Irgendwann im März 2020 sind wir zu den Franzosen rüber. Nicht physisch, das ging aus bekannten Gründen nicht. Wir haben den Radiosender gewechselt. Nachrichten erinnern seitdem an Mittelmeer-Urlaub und werden aufgrund mäßiger Französich-Kenntnisse nur partiell aufgenommen. Der Radiosender FIP untermalt unseren Corona-Alltag.

Der französische Staatssender ging 1971 erstmals „über den Äther“. Er diente damals wohl hauptsächlich zur Beruhigung der motorisierten Verkehrsteilnehmenden Frankreichs. Heute liefert FIP mir den Sound zur Krise und beruhigt noch immer. Die Melange des Senders aus allen erdenklichen Musikrichtungen -von Punk über Jazz, Dub, Hip Hop bis Kraftwerk und Edit Piaf - spiegelt die Ambivalenz und emotionale sowie perspektivische Vielschichtigkeit der aktuellen Zeit wider. Mit melancholischen italienischen und spanischen Stücken solidarisierte er sich in diesem merkwürdigen Frühjahr mit den ebenfalls gebeutelten Nachbarländern und erinnerte daran, dass wir in Europa leben.

Weltgeschehen verwebt sich mit Vorstadt-Alltag

Sollte ich in Post-Corona-Zeiten einmal meine Gefühle und auditiven Wahrnehmungen in der gegenwärtigen Zeit beschreiben, ich werde sicherlich an FIP denken (und an Element of Crime, die seit Dekaden traditionell jede meiner Krisen untermalen). Erstmalig verwebt sich das Weltgeschehen mit meinem eigenen Alltag auf eigenartig intensive Weise und wird musikalisch eben von jenem französischen Radiosender begleitet.

Als eines der ersten Lieder, das mir auf FIP entgegen wehte, erinnerte mich eine jazzige Interpretation von „La Mer“ daran, wie wohltuend der Weitblick über eine grau-grüne, grau-blaue oder blau-türkise Wasserfläche ist. Ein Lied, das mich an unsere Reisepläne erinnerte: Über die Schweiz und Norditalien nach Südfrankreich. Pläne, die plötzlich nichts mehr sind als eine Utopie. Ja, wir sind eingeschränkt in unserer Bewegung. Und das wunderschöne Cassis ist in weite Ferne gerückt. Andererseits kann ich mich mich über die Einschränkungen echauffieren, noch so abstruse Meinungen äußern, System, Regierung und sonst wen kritisieren. Grundgesetz geht vor die Hunde? Sehe ich nicht. Letztens antwortete die Literatin Herta Müller auf die Frage, ob sie die derzeitige Situation mit ihrem Leben im Rumänien der 1980er vergleichen könne, kontrolliert erbost: „Das war ein diktatorisches Regime, das hier ist ein Unglück. Die Einschränkungen hier sind eine Notwendigkeit.“

Leben wir nicht immer in Rahmenbedingungen?

Die Kulisse hat sich geändert. Doch leben wir nicht immer in Rahmenbedingungen? Ich besitze die Freiheit, mein eigenes Leben zu gestalten. Als Bewohnerin Schleswig-Holsteins hätte ich zu jedem Zeitpunkt an Ost- oder Nordsee fahren können. Wegen des Weitblicks und so. Nur war ich mir nicht sicher, ob ich es tun sollte und blieb zu Hause. Nicht weil ich so ein edler Charakter bin. Ich fühle mich in einer solidarischen Welt mit eingeschränktem Bewegungsradius freier als in einer Welt, die sich in Risiko- und Nicht-Risiko-Gruppen einteilt. Zumal ich ja gar nicht wissen kann, zu welcher Gruppe ich verdammt noch mal gehöre. Wirklich eingeschränkt fühlte ich mich von diesen betont lässigen Leuten in Supermärkten, die nicht müde werden zu erwähnen, was sie von den „diktatorischen“ Kontaktregeln hielten – nämlich nichts. Dieses Verhalten schreit einfach – „Du und Deine Gesundheit sind mir scheiß egal, ich und meine persönliche Freiheit zählen.“

Zurück zu „La Mer“. Die Neue Osnabrücker Zeitung schrieb vor ein paar Jahren: „Dieser Maxime des Chansons entsprach Trenet vor allem mit La Mer, einem Chanson so schwebend leicht wie die Reflexe des Sonnenlichts auf dem Mittelmeer, so rührselig wie eine Urlaubserinnerung.“ Charles Trenet hatte wohl auch mit seinen eigenen Widersprüchen zu kämpfen, kollaborierte mit den deutschen Besatzern und trat in Deutschland vor französischen Kriegsgefangenen auf. 1946 vertonte er die südfranzösische Küste.

Ein Landsmann von Trenet und auch nicht frei von Widersprüchen war Albert Camus. Zufall oder nicht, im März habe ich eine Biografie von Albert Camus zu lesen begonnen. Gemeinsam mit Sartre und De Beauvoir einer der Pop-Philosophen der 1950er. Charles Trenet und Albert Camus verbinden zwei Gemeinsamkeiten: Der Geburtsjahrgang 1913 und die Liebe zum Meer. Aufgewachsen als Exil-Franzose in Algier in ärmlichen Verhältnissen wird Camus nie müde, in seinen Texten das einfache Leben und die Schönheit des Meeres hervorzuheben, ja fast schon zu romantisieren. Das Meer als Metapher von Freiheit. Lebenswichtige Dinge, die in einen Koffer passen, Sonne, Strand und ein weit schweifender Blick über das Meer – eine schöne freiheitliche Vorstellung.

Für Camus war Freiheit auch die Freiheit der Anderen, ohne die die eigene Freiheit nicht existieren kann. Zeit seines Lebens fühlt sich Camus hin und her gerissen zwischen Thesen, zwischen Kommunismus und Individualismus. Zwischen Meer und Stadt. Zwischen den Frauen. Oft wurde er gemeinsam mit Sartre und De Beauvoir zu den Exitstenzialisten gezählt. Jener Existenzialismus, der das eigene Leben komplett in der eigenen Verantwortung sieht, ganz gleich in welcher misslichen Lage sich das jeweilige Leben befindet. Ein Leben in vollem Bewusstsein mit der Bereitschaft, volle Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und all seine Freiheit auf sich zu nehmen. Camus aber wollte kein Existenzialist sein. Er machte das Absurde zu seiner These. Nichts an sich sei absurd. „Das Absurde“, so Camus, „entsteht immer durch einen Vergleich, durch die Konfrontation des Menschen mit der Welt.“ Wie hätten die Philosophen aus dem Pariser Café de Flore der 1950er wohl in Corona-Zeiten agiert?

Narzisten können ihren Narzismus nicht mehr ausleben

Die aktuellen Zeiten sind neu, viele Individualisten drehen frei, weil sie ihren Individualismus gerade nicht ausleben können und merken, wie stark sie von einer geregelten Gesellschaft abhängig sind. Sei es auch nur um sich von selbiger abzusetzen. Narzistische Individualisten können noch dazu ihren Narzismus nicht mehr ausleben. Sie können nicht mehr in der gewohnten Form bewundert werden. Viele sitzen ja zu Hause – Bewunderer und zu Bewundernde. Das Fixie-Bike hängt an der Wand. Freiheit heißt für viele also auch eine Freiheit mit Netz und doppelten Boden, in geregelten Verhältnissen. So wie damals in der Freiheit meiner Kindheit, als es verlässlich jeden zweiten Freitag Pfannkuchen gab. Jetzt ist das Verlässliche weg. Wissenschaftler sollen einen verlässlichen Rahmen bieten, so dass die eigene persönliche Freiheit bitteschön wieder funktioniert. Mit Netz und doppeltem Boden und Pfannkuchen. Nur sind Wissenschaftler Wissenschaftler. Sie forschen im Unbekannten und revidieren auch einmal ihre Meinung. Die Pfannkuchen-Freiheit verliert den doppelten Boden.

Den Samstags-Demonstrierenden möchte ich zurufen: „Von wessen Freiheit reden wir überhaupt? Meine Freiheit, Deine Freiheit? Existiert meine Freiheit noch, wenn Du ausschließlich für Deine Freiheit plädierst? Wenn Du für „unsere“ Grundrechte demonstrierst und mich mit in Deine vermeintlich „kritische Masse“ ziehst, die von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch macht? Interessieren Dich auch meine Grundrechte? Meine Meinung, die ganz sicher nicht Deine Meinung ist, aber genauso unter Meinungsfreiheit fällt? Oder möchtest Du Deinen Pfannkuchen lieber mit Deinen Meinungsgenossen alleine essen?“

Auto-Kino ist plötzlich supi – Dieselfahrverbot? Ach komm!

Wir haben sogar die Freiheit, zu Opportunisten zu werden. Corona macht es möglich. Ein Beispiel: Vor einigen Monaten war Hamburgs Auto-freie Innenstadt ein großes Thema. Große Bevölkerungsteile der urbanen Stadtteile feierten Auto-freie Wochen und spielten Ping-Pong auf den Auto-freien Straßen. Selbe Bevölkerungsteile feiern jetzt das erste Auto-Kino auf dem Heiligengeistfeld. Dieselfahrverbot – ach komm. Zweites Beispiel: Für mich galt das Garten-Trampolin neben den selbstgetöpferten Klingelschild mit Leuchtturm-Motiv als ultimatives Symbol sub-urbaner Spießigkeit. Seit zwei Wochen dringt ein melodisches Sprungfeder-Quietschen zum Fenster hinein. Putzig, wie Meinungsbilder und Lebenskonzepte wie durch Magie mutieren. Und ich justiere täglich mein Verhalten, mal in die eine mal in die andere Richtung. Wie die Alu-Beine des neuen Garten-Trampolins.

Während wir tapfer das Kind zu unterrichten versuchen und in den ersten Wochen keine Kritik daran verschwendet haben, warum die Schule geschlossen hat, frage ich mich jetzt, warum die Schule geschlossen hat, der Vergnügungspark in der Nordheide aber offen ist. Von der Bundesliga ganz zu schweigen. Da sind sie wieder, die unterschiedlichen Versionen von Freiheit oder in diesem Fall wohl eher von Wirtschaftsliberalismus.

Tut mir leid, das ist meine erste Pandemie!

Ich halte es mit Camus. „Der Mensch ist das Wesen, durch welches das Absurde zu Welt kommt“. Fertig. Ein tröstender Gedanke. Ich muss nicht versuchen, das Absurde zu entschlüsseln. Darum ist dieser Beitrag auch kein in sich schlüssiger Text mit geschliffenen Argumenten. Tut mir leid, das ist meine erste Pandemie. Es ist vielmehr eine Niederschrift unterschiedlicher Gedanken und absurden Beobachtungen zu Corona-Zeiten. Zurück zum Meer. Camus starb bei einem Autounfall auf halber Strecke zwischen Meer und Paris. Er starb zwischen seinen beiden Lebensversionen. Ich habe es in den letzten Wochen noch nicht zum Meer geschafft, aber fahre regelmäßig zum Deich. Marsch und Schafskötel können auch Freiheit bedeuten, wenn die Sonne langsam hinter dem ehemaligen Atomkraftwerk auf der anderen Elbseite untergeht. Weitblick ist wichtig und Freitag gibt es Pfannkuchen.

17:13 25.05.2020
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