Noch einen Slot frei, Baby?

Eventmarketing Kindergeburtstage haben heute teilweise Eventcharakter. Erziehung wird in Projekte unterteilt und auf einer Agenda abgearbeitet. Die Ökonomisierung der Kindheit
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Heute Morgen im Park. „…so eine Einschulung ist ein superwichtiges Event….“ , hechelt eine Joggerin im superwichtigen, atmungsaktiven Lauf-Outfit in ihr noch superwichtigeres Headset ihres lebenswichtigen I-Phones. Dann ist sie weg, muss ja ihr Pensum schaffen. Eine Einschulung ist ein Event. Nein, ich echauffiere mich nicht über Anglizismen, das wäre old-school. Ich überlege lediglich, ob das Wort Event zu einer Einschulung passt. Natürlich, einfach übersetzt ist ein Event ein Ereignis. Aber hätte die Frühsportlerin wirklich Ereignis gemeint, hätte sie dies auch kundgetan. Ich bin mir sicher, sie meinte Event. Ein Wort, das schon seit Dekaden in der Marketingsprache established ist. Ein Event ist erlebnisorientiert, interaktiv und inszeniert, so wie eine Einschulung heutzutage.

Schultüte und schräges Willkommenssingen der Viertklässler sind heute nur ein Teil des Events. Fester Bestandteil der Einschulungszeremonie ist neuerdings Bundesländerübergreifend der Einschulungsgottesdienst für Schüler und sämtliche Verwandten. Ob diese nun wollen oder nicht. Frisch gesegnet und eingeschult erwartet die ABC-Schützen dann eine ausgeklügelte Event-Gastonomie. Restaurants bieten „ABC Schützen-Menüs“ mit Kinderschminken, Eiswagen und Zuckerwattemaschine. Auch die High-End-Restauranttempel haben sich das Einschulungsdatum dick im Kalender notiert. Und natürlich sind sämtliche Gastronomien bereits Monate vorher ausgebucht.

Wer denkt, den Event-Wahn mit der Einschulung überstanden zu haben, irrt. Der Event-Strudel dreht sich weiter. Da wäre zum Beispiel der Kindergeburtstags-Battle, der mir schon heute die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Einladungskarten werden nicht nur geschrieben, nein, als Add-On erhält jeder Party-Gast zusammen mit der Einladung einen kleinen Beutel exklusiv bedruckter Schokolinsen mit der Aufschrift „Mia-Lotta wird 7“. Ob sich die Kindseltern dessen bewusst sind, dass die Kombination Mia-Lotta in Italien „Mein Kampf“ bedeutet? Wie dem auch sei. Mia-Lotta wird an ihrem großen Tag samt Party-Gästen per Barbie-Bus in ein echtes Tonstudio mit Original Foto-Shooting chauffiert. Für die mit eingeladenen Eltern gibt es Prosecco und Sushi. Während die Erziehungsberechtigten der Gastkinder schwerfällig auf Seetank herumkauen, rechnen sie schon einmal die Finanzierung des Kindergeburtstages ihres eigenen Nachwuchses durch, der leider auch sieben wird, und noch schlimmer, Mia-Lotta einladen möchte. Vielleicht mit dem Learjet nach New York? Topfschlagen im Oval-Office? Oder doch lieber Sandboarding in der Sahara? Es soll an nichts mangeln. Eine geglückte Event-Inszenierung ist gut für das Familien-Standing und einen späteren Return-on-Investment.

Wir müssen uns nicht wundern. Unsere Sprache ökonomisiert sich und mit ihr auch unser Privatleben. Slot, Projekt, Agenda und Co. haben Einzug in das alltägliche Leben und natürlich auch in die Erziehung gehalten. Gesprächsfetzen, die auf dem Spielplatz aufgegriffen wurden: „Wir nehmen jetzt das Projekt musikalische Früherziehung in Angriff“, oder noch besser: „Schön, dass Du heute noch einen Slot frei hattest.“ Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich mich nicht als Vorstandsvorsitzende betätige und zeitlich knapp bemessende Audienzen erteile, sondern einfach nur Bekannte auf Spielplätzen treffe.

Der erste Zahn, der letzte Zahn, Spring-Break, Back-To-School, Abi, Hochzeit, Scheidung: Events, Events, Events. Beerdigung? Ich hoffe, ich segne das Zeitliche irgendwann an einem schönen Tag im Sommer. Mein letzter Wille? Ein Leichenschmaus mit Eierlaufen und Topfschlagen in der Kieskuhle meiner Kindheit. Ohne personalisierte Schokolinsen und Eventcharakter. Beweisen muss ich mir dann nichts mehr, und mein Outfit muss auch nicht mehr atmungsaktiv sein.

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