Ost-West-Getöse

Hamburg zu Fuß Seit Doris Brandt mit ihren Kinderwagen durch Hamburg spaziert, hat sie einen neuen Blick auf die Stadt. Diesmal gerät sie zwischen Solitär-Bauten.

Es müssen an die zwanzig Koffer-Trolleys und einige ausrangierte Kinderbuggys sein. Akkurat in einer Reihe aufgestellt, manche mit hoppelnden, ausschlagenden Plastikrädern, alle berstend voll und zumeist schwarz. Die Trolley-Raupe wird von warmer Luft ummantelt, die permanent aus den dicken Entlüftungsrohren der chemischen  Reinigung auf die Straße gepustet wird. Wie Raupen nun mal so sind, bewegt sie sich sehr behäbig voran.

Die Raupe gehört einer Frau mittleren Alters, in schwarz gekleidet, ein wenig geschminkt, die rotbraunen Haare mit einem Schal zusammengehalten. Sie ist augenscheinlich obdachlos. Eine Frau, die bedächtig ihr Hab und Gut an einer der meistbefahrenen und meist diskutierten Straßen  Hamburgs transportiert. Morgens und nachmittags sehe ich sie,  zumeist in der Nähe der Reinigung. Sie redet mit Niemandem, zieht einen Koffer voran, stellt ihn ab, geht zurück und holt den nächsten. Ziel unbekannt. Aber immer entlang der sechs Fahrbahn-Spuren Blech.

Steif, technisch, unpersönlich, provisorisch, alles Begriffe die auf einen sogenannten „Arbeitstitel“ zutreffen.  Zumeist sind Arbeitstitel unpassend. Beschreiben eine unfertige Sache, um einfach zu verhindern die Sache, als „die Sache“ bezeichnen zu müssen. Diese Straße verdient nur einen Arbeitstitel, weil sie genau die Attribute eines solchen erfüllt. Sie ist steif, unpersönlich, sechsspurig, verläuft quer durch die Stadt und besticht durch quadratische, verglaste Solitär-Bauten sowie einen Fußgängerübergang aus verwitterten Beton und abgeblätterter blauer Farbe. Dafür mit Rolltreppen, die zumeist außer Betrieb sind.

Der Arbeitstitel dieser Straße war viele Jahrzehnte ein passendes Provisorium. Im Jahr 1991 wurde dann ein Teil der „Ost-West-Straße“ in Ludwig-Erhard-Straße, 2005 der zweite Teil in Willy-Brandt-Straße umbenannt. Der Pate des „Wirtschaftswunders“  stand auch Pate für den westlichen Straßenabschnitt, der östliche Abschnitt der Straße wurde nach dem Kanzler  der „neuen Ostpolitik“ benannt. Ob es die Namensväter freut, wird man kaum mehr erfahren können.  Die in den 1950ern noch gefeierte städtebauliche Meisterleistung ist heute ein Riss durch die Innenstadt, der die ohnehin spärlich bewohnten Innenstadtviertel nochmals zerteilt. Teilweise für Fußgänger unüberwindbar. Damals war es „en voque“, die Innenstadt von den kaiserlichen „Mietskasernen“ und Überbleibseln des Gängeviertels zu befreien und gewerbliche Solitär-Bauten des sogenannten Wirtschaftswunders nebst einer sechsspurigen Verkehrsachse zu setzen, die vom Millerntor auf St. Pauli bis zum Deichtortunnel in der Hamburger Altstadt reicht.

Ich gehe diese Straße entlang, wenn ich in Zeitnot bin und nicht die U-Bahn nehmen möchte. Da ich morgens meistens in Zeitnot bin  und nie die U-Bahn nehmen möchte, finde ich mich fast jeden Werktag auf dieser Straße wider. Zu Fuß. Fußgänger sind hier geduldet. Es beschleicht einen doch sehr oft das Gefühl, sich unsichtbar machen zu wollen. Eingepfercht zwischen den morgendlichen Stoßverkehr und den progressiven Solitär-Bauten. Die älteren erinnern an überdimensionale Insekten-Lichter in Kupferverspiegelung, die neueren an gelandete Ufos in flaschengrünem Spiegelglas. Verspiegelung scheint von jeher Bedingung für eine Daseinsberechtigung zu sein. Neongelbe Plakate, die für  Ü-30 Parties und günstige Monteur-Zimmer werben, zieren verspiegelte, leer stehende Erdgeschosse.  Da es mit der eigenen Unsichtbarkeit zumeist nicht immer klappt, fühlen sich die wenigen Fußgänger  genötigt auf dem Bürgersteig im Stechschritt zu gehen. Die Szenerie erinnert mich jeden Morgen an Monsieur Hulot alias Jaques Tati, der bereits 1967 im damals futuristischen Film „Tatis herrliche Zeiten“ einen identischen Schritt drauf hatte..

Es wird viel gebaut und wieder abgerissen. Qualifizierter Rückbau, so heißt es, um neue noch qualifiziertere Bürohäuser in Flaschengrün zu bauen. Die Motoren-Geräusche werden noch durch Presslufthammer und Abrissfräsen aufgepeppt. Jeden Morgen versucht der Trompeter auf dem Turm des Michels  tapfer  gegen diese Geräuschkulisse anzublasen, wird aber  wenn überhaupt nur während der Rotphasen erhört.

Heute Morgen habe ich ein wenig mehr Zeit und gehe bewusst langsam. Ich halte sogar an. Gezwungenermaßen. Ein Gebäude der Deutschen Bank wird abgerissen. Vor mir ein Fußgänger-Verbotsschild. Der Bürgersteig ist zu Ende. Einfach so. Es bleiben mir zwei Möglichkeiten. Entweder ich schnalle mir eine Rakete auf den Rücken und fliege auf die andere Straßenseite oder ich grabe mir einen Tunnel. Ich habe weder Rakete noch Spaten dabei und entscheide mich für einen Grünstreifen zwischen Straße und Baustelle. Mir kommen zwei beigefarbige Rentner  entgegen, die zur Bundesbank möchten. Das kommt öfter vor. Wiederentdeckte DM-Schätze, die noch umgetauscht werden müssen. Die  Filiale der Deutschen Bundesbank ist eingehüllt in Pressspanplatten, an denen ein Plastikschild hängt: Deutsche Bundesbank Eurosystem – Filiale Hamburg mit einem Knickpfeil in den provisorischen Eingang. Ich finde mich einem pressspanverkleideten Vorraum wieder, der mit von unzähligen Eisenstangen gestützt. Ist das schon das Eurosystem? Ein Schelm , der Böses denkt.

Während ich langsam weiterflaniere, fallen die  gesprühten Smileys auf, die ein Graffiti-Sprayer namens Walter Josef F. unter dem Pseudonym Oz über Jahrzehnte in ganz Hamburg verteilte und dafür im Jahr 2011 zu einer zweimonatigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, die später in eine Geldstrafe umgewandelt wurde.  Der heute 62-Jährige  wusste, welche Straße eine hohe Dichte seiner  lachenden „Tags“  nötig hatte. Sie prangen hier überall auf Stromkästen, auf der Vorrichtung des Luftmeßnetzes Hamburg, auf den Betonpfeilern des Fußgängerüberganges.  Obwohl ich Zeit habe, beschleunige ich, ich kann nicht anders. Vorbei  an einer Baustelle, durch deren Gerüst die St. Katharinen-Kirche linst, vorbei an Parkhäusern, vorbei am ehemaligen Spiegel-Hochhaus, dessen  ebenerdige Kantine eine Galerie für umher baumelnde Lüftungsrohre ist.

Es wird heller. Die Morgensonne steht jetzt höher Der Blick wird freier, die Häuser-Schlucht ist durchquert. Da sehe ich sie wieder im Gegenlicht. Koffer für Koffer. Von einer Straßenseite auf die andere. Ich kann sie irgendwie verstehen. Diese Straße ist vor allen Dingen eins: anonym. Und man selbst tasächlich ein wenig unsichtbar.

Jeden zweiten Dienstag setzt Doris Brandt, Freitag-Autorin und Community-Mitglied, ihren Rundgang durch Hamburg fort und zeichnet so ihr ganz eigenes Stadtbild

13:12 28.08.2012

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