Reli oder Rabeneltern

Säkularer Staat? Alternativloser Religionsunterricht ist auch noch heute vielerorts Bestandteil an staatlichen Grundschulen
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Reli oder Rabeneltern
Die Rolle der Kirche in den öffentlichen Schulen eines vermeintlich säkularen Staats wirft Fragen auf

Foto: Tiziana Fabi/AFP/Getty Images

Halleluja – war einer der ersten Gedanken im Januar 2018. 2017 war Geschichte und somit auch endlich das Luther-Jahr. Kein Vorbeikommen an Luther anno 2017, Luther everywhere. Auf Instagram, in der „Sendung mit der Maus“, auf unzähligen Merchandising-Artikeln als Pop-Art mit Che Gevara-Einschlag. Da rollte im letzten Jahr eine kirchliche PR-Maschinerie auf uns zu, die ihres gleichen suchte und die mit einem zusätzlichen arbeitsfreien Tag gipfelte.

Auch in Nicht-Luther-Jahren weiß sich die protestantische Kirche gekonnt in Szene zu setzen. So etwa der beliebte, 10.000-fach besuchte Hamburger Motorrad-Gottesdienst, der alle Motorradfahrer zu rockigen Klängen von "Spirit in the Sky" am Michel bebetet und dann mit einem Konvoi über die eigens hierfür gesperrte Autobahn einen weiteren Höhepunkt erfährt. Fragt man umher, so ist der Besuchsgrund der meisten Motorrad-Pilger nicht etwa die eigene Frömmigkeit sondern "das geile Gänsehaut-Feeling". Ein Gänsehaut-Feeling, wie zuletzt auf der eigenen kirchlichen Hochzeit in Weiß. Später gibt es dann traditionell ein Bier-und Wurst-Get-together auf dem Kundenparkplatz eines Möbelzentrums im Niedersächsischen. Nach dem Motorrad-Gottesdienst, nicht nach der Hochzeit versteht sich.

Glaube und Kirche sollten diejenigen stärken, die von Kirche und Glauben gestärkt werden möchten. Aber Missionierung als kommerzielles Event? Als Kulisse, wenn es denn mal emotional werden soll? Progressivität und Vertriebsveranstaltung vermischen sich hier auf eine gewöhnungsbedürftige Art und Weise. Es bleibt ein schaler Beigeschmack. Man kann sich diesen Veranstaltungen jedoch noch halbwegs entziehen, sofern man nicht unmittelbar in der Nähe der Event-Location (Kirche) wohnt.

Die Rolle der Kirche an staatlichen Schulen ist jedoch eine andere. Nach dem Motto „Wir singen doch nur und machen soziale Sachen, sind aber Gesandte der Kirche“ wird Kindern, wie an so mancher Grundschule im Schleswig-Holsteinischen, ein alternativloser Religionsunterricht serviert. Eine Befreiung vom Fach Religion ist natürlich möglich. Das jeweilige Kind genießt jedoch in diesem Fall keinen Ethik- oder Philosophie-Unterricht bzw. neutral-gehaltene Religionskunde, sondern besucht etwa den Mathe-Unterricht der Parallelklasse.

Da viele Eltern dann doch lieber den Religionsunterricht dulden, sind Parallelklassen-Asylsuchende kaum oder nur einzeln vorhanden. Hier haben dann die ausschließenden Grundschul-Eltern den schalen Beigeschmack. Das Gespenst der Stigmatisierung geht um: „Soll Dein Kind wirklich als einziges der Klasse ausgeschlossen werden?“ Andere Aussagen: „Wir sind ja auch nicht gläubig und steuern zu Hause dagegen“ bis „So ein bisschen Religion ist auch gut für die Wertevermittlung“ oder auch „Wir verstehen Euch ja und sobald der Islam im evangelischen Religionsunterricht durchgenommen wird, melden wir unser Kind auch ab!“ stimmen nachdenklich.

Wieso steckt Religionsunterricht an einer staatlichen Schule zum Opportunismus an? Eine leichte Magenverstimmung, wegen der es sich nicht lohnt zum Arzt zu gehen? Oder der Verwandte auf Omas Achtzigsten, dessen gewöhnungsbedürftige Meinung man einfach so hinnimmt, weil man keinen Familieneklat vom Zaun brechen möchte? Warum finden sich atheistische, agnostizistische oder andersgläubige Eltern damit ab zu Hause „gegenzusteuern“? Das machen sie mit Mathematik auch nicht. Oder anders: warum bringt man diese Familien überhaupt erst in so eine Situation? Warum muss eine Wertevermittlung ausgerechnet über die Kirche „outgesourct“ werden? Sind christliche Werte für die Gesellschaft so etwas wie das Reinheitsgebot für das Bier?

Die Rolle der Kirche in den öffentlichen Schulen eines vermeintlich säkularen Staats wirft Fragen auf. Wenn Religionsunterricht klarer Bekenntnisunterricht einer Konfession sein soll, warum wird er aus Steuergeldern finanziert? Das Land finanziert Lehrer, Schulleitung, Schulassistenten, ggf. Sozialarbeiter und Schulpsychologen an öffentlichen Schulen. Da Religionslehrkräfte an Grundschulen zumeist auch andere Fächer unterrichten, wird der Religionsunterricht mitfinanziert. Steuergelder, die keine Kirchensteuer sind, unterstützen zudem die Kirche mit jährlich rund 460 Millionen Euro. Warum wird Religion nicht ausschließlich an konfessionell-gebundenen Schulen unterrichtet und warum werden öffentliche Schulen nicht weltanschaulich-neutral und bekenntnisfrei eingerichtet? Die Geschichte des Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen und somit der sogenannte „Staat-Kirche-Vertrag“ fußt auf der Wilhelmineschen Zeit, als der Kaiser noch Oberhaupt der evangelischen Kirche war und Abmeldung vom Religonsunterricht noch als „sittliche Verwahrlosung“ bekämpft wurde. Somit lange vor dem Inkrafttreten des Grundgesetzes.

In Schleswig-Holstein klagte vor einigen Jahren die "Elterninitiative zur Förderung von Philosophie, Ethik und Religionskunde", dass Matheunterricht eben keine Alternative zum Religionsunterricht sei. Die Klage wurde vom Verwaltungsgericht Schleswig abgewiesen, um dann vom Oberverwaltungsgericht Schleswig wieder aufgehoben zu werden. In weiterführenden Schulen des Landes wurde mittlerweile Ethik-Unterricht eingeführt. Die Situation an Grundschulen ist nach wie vor unheitlich: Während einige staatliche Grundschulen alternative Wertevermittlung anbieten, wehren sich andere dagegen oder argumentieren mit Lehrkräftemangel.

Relgionsunterricht-Abmeldung bedeutet dann eben wieder Mathe in der Parallel-Klasse. Schon 1998 hat der Verwaltungsgerichthof Mannheim es als einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz bezeichnet, wenn als Ersatz für den Religionsunterricht eine nicht gleichwertige „zweitklassige Beschäftigungstherapie" zur Pflicht gemacht werde.

Artikel 3 des Grundgesetzes besagt, dass niemand wegen seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Mit Verlaub dieser Passus ist – in Anbetracht der Unterrichtslage an vielen Grundschulen – etwas gewagt. Am 23.05.2019 jährt sich die Erlassung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zum 70. Mal. Man darf gespannt sein, was das Grundgesetz-Jahr für Feierlichkeiten bereithält. Mai ist immerhin ein guter Monat für einen Extra-Feiertag. Ach nein, der Reformationstag soll ja jetzt als fester Feiertag eingeführt werden, da bleibt kein Platz mehr für weitere Feiertage. Und allen Verfechtern von Religionsunterricht an staatlichen Schulen sei noch ans Herz gelegt:Und wie Ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut auch ihnen“ (Lukas 6,31)

11:41 07.08.2018
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