Was macht eigentlich ... Occupy?

Hamburg zu Fuß Seit Doris Brandt mit ihrem Kinderwagen durch Hamburg spaziert, hat sie einen neuen Blick auf die Stadt. Diesmal besucht sie nach langer Zeit mal wieder das Occupy-Camp
Ein Bild aus den Anfangstagen: Das Hamburger Occupy-Camp im vergangenen Oktober
Ein Bild aus den Anfangstagen: Das Hamburger Occupy-Camp im vergangenen Oktober

Foto: DPA

Das neue Logo ist mit einem zarten, roten LED-Rahmen unterlegt. Das schnittige Koordinatenkreuz in Babyblau hat einem schnörkellosen Schriftzug in Schwarz samt einer Art seriös-abstrakten Pusteblume über dem „nk“ Platz gemacht. Ansonsten steht sie noch, die HSH Nordbank, genauso wie die übrige Finanzwelt.

"Nur Gold ist Geld, alles andere ist Kredit" – ein Spruch des J.P. Morgan-Gründers ist hier zu lesen. Er prangt – natürlich nicht direkt – unterhalb des neuen Logos , sondern unweit entfernt auf einer Pressspanplatte. Das Occupy Camp teilt sich derzeit den Gerhart-Hauptmann-Platz mit der Veranstaltung "Hamburg Maritim", einer kulinarischen Buden-Ansammlung, auf der Hamburger Knüppel, eine geräucherte Hartwurst, verkauft wird, während aus einer nachgebauten Kogge "My Bonnie is over the ocean" als Shantie-Version schallt.

"Was macht eigentlich ...?" So lautet normalerweise eine Rubrik der Regenbogen-Presse, die versunkenen Schlagerstars zu neuer Publicity verhelfen will. Was macht eigentlich Occupy? Auch wenn das Occupy-Camp wenig mit Schlagern zu tun, stelle ich mir diese Frage und fühle mich etwas ertappt.

Aus den Augen verloren

Ja, ich erfülle sicherlich die Erwartungen vieler Occupy-Skeptiker. Nach einer anfänglichen Euphorie und der Überzeugung, dass diese Euphorie das derzeitige Finanzsystem überlebt, sind meine Besuche seltener geworden in der letzten Zeit. Ich war Monate nicht mehr hier. Nach täglichen Besuchen im Oktober folgten wöchentliche Besuche im November sowie einer vor Weihnachten. Danach habe ich die Zelte ein wenig aus den Augen verloren.

Heute Nachmittag hat es wieder geregnet. Dicke Tropfen perlen auf der abwaschbaren Tischdecke der verwaisten maritimen Biertische ab, die durch eine Art Gitter vom Occupy-Camp getrennt sind. Hinter dem Gitter sehe ich ein etabliertes Provisorium, eine in sich gewachsene Infrastruktur. Die Zelte stehen nicht mehr auf dem nackten Kopfsteinpflaster, sondern auf Euro-Paletten, sind mit Friedens- und Occupy-Symbolen besprüht. Das wöchentliche Plenum findet jetzt in einem großen Zelt statt und nicht mehr auf den Beton-Holz-Sitzgruppen, die von jeher mit zur Gestaltung des Gerhart-Hauptmann Platzes an der Mönckebergstraße zwischen Karstadt und HSH-Nordbank-Galerie gehörten. Es gibt eine "Wandelstraße", einen Stadtgarten und einen Sandkasten für Kinder. Eine "Wutecke" für Erwachsene sowie das politische Wohnzimmer, bestehend aus zwei Stühlen und einem Tisch auf drei Euro-Palletten. Eine Tauschbörse sowie eine Wäscheleine, an der eine einsame Dreadmütze im Wind weht. Plakate im Siebdruck erinnern an das "Endless-Summer-Festival", das hier stattgefunden hat.

Es ist voll an diesem Nachmittag. Nicht unbedingt im Camp, sondern vielmehr daneben. Wie ein etabliertes Provisorium nimmt auch ein großer Teil der Passanten das Camp wahr. Er wandelt eher dicht an den bodentiefen Fenstern Karstadts vorbei, weniger in der Wandelstraße des Camps.

Myriam und Daniel sitzen in einer kleinen Bretterbude, die zugleich als Camp-Bibliothek und Infostand fungiert. Einige Öko-Magazine und der Roman 39,90 von Frédéric Beigbeder lugen aus den Regalen hervor. Myriam sagt: "Das Camp hat eine Duldung bis Ende September, danach ist Schluss. Jedenfalls hier in Hamburg Mitte. Dann wird geräumt. Wir sind uns nicht sicher, ob wir uns räumen lassen oder freiwillig räumen und weiterziehen."

Eine Art Institution

Eine Bewegung lässt sich nicht räumen, so steht es auf einen der zahllosen Transparente. Das Camp ist gewachsen, muss sich behaupten, bietet Raum für Gespräche, Kunst und für Zeit. Keine Anfangs-Euphorie mit Kaffee- und Schlafsackspenden und dem kreierten „Occu-Pie“ einer lokalen Bäckerei-Kette. Das Camp ist ruhiger, aber auch eine Art Instituion geworden. Von den circa 30 aktiven Campern, die zumeist am Wochenende übernachten, kommt ein großer Teil nicht aus Hamburg. Die Fluktuation ist hoch, nur wenige Camper haben die Anfänge im Oktober 2011 erlebt. Myriam ist seit März dabei: „Ob nun geräumt wird oder wir uns räumen lassen, wir werden weiter machen. Wir haben täglich gute Gespräche mit Passanten“, sagt sie.

Währenddessen versucht sich eine Touristin, mit Stadtplan und Hamburger Knüppel bewaffnet, unauffällig zwischen zwei Iglu-Zelten hindurch zu zwängen. Gar nicht so einfach. Und das ist gut.

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