Die Selbstfindung der Männer

Männer LANGE ZEIT WAREN MÄNNER VORNEHMLICH ERNÄHRER UND KÄMPFER. BIS SIE DIE WEIBLICHE EMANZIPATION VOR NEUE HERAUSFORDERUNGEN STELLTE.
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Lange Zeit waren Männer vornehmlich Ernährer und Kämpfer. Bis sie die weibliche Emanzipation vor neue Herausforderungen stellte. – Eine Polemik und sechs Stellungnahmen zu Identitätsfragen, Schwächen, Arbeit an sich selbst und Entwicklungswegen des „starken Geschlechts“.

Schon wieder eine neue Ungeheuerlichkeit: ferngesteuerte Kakerlaken. Die Sache funktioniert wie folgt: Man bestellt im Internet das entsprechende Set samt Kakerlake, anästhesiert das Tier im Eiswasser, raut mit Schleifpapier seinen Rücken auf, fixiert darauf mit Superkleber den mitgelieferten Prozessor und steckt Mini-Elektroden an die Fühler des Insekts, woraufhin sich das Tierchen wie ein ferngesteuertes Spielzeugauto mit dem Smartphone lenken lässt. Das Ganze geht so lange, bis der Käfer merkt, dass die Impulse mit seinem Willen nichts zu tun haben, also ignoriert werden müssen. Ein Umlernprozess setzt ein.

So wie diesen ferngesteuerten Kakerlaken, meine Damen, geht es uns Männern. Auch uns werden ständig Befehle ins Hirn gejagt, die mit dem eigentlichen männlichen Selbst wenig bis nichts zu tun haben. Plötzlich müssen wir mitfühlen, „gendern“, die Dinge auch aus der Frauenperspektive betrachten, im Haushalt helfen, bei Geburten dabei sein, auf Frauenquoten achten, stricken, kochen, abwaschen, Babys wickeln, mit den Kindern zum Arzt gehen, im Sitzen pinkeln, Schnarchmasken tragen, vegetarisch essen, Kleidung zusammenlegen, vor allem aber dürfen wir der Karriere der Lebensabschnittspartnerin nicht im Weg stehen. Das Leben als Mann ist kompliziert geworden.

Unsere Väter hatten es noch gut, die konnten sich aufs Geldverdienen, Hausbauen und später Fertigteilmöbel-Zusammenstecken beschränken, alles andere war Frauensache. Gut, ob das tatsächlich so toll war, ist eine andere Frage, schließlich wurde die Abwesenheit der Kriegsgeneration von der nächsten unhinterfragt kopiert. Die Väter waren einfach nicht da, sind in Wirtshäuser oder auf Sportplätze oder Baustellen geflüchtet. Erst die folgende Generation musste lernen, für die Familie da zu sein. Freiwillig? Keineswegs, die Emanzipation hat uns dazu gezwungen, das festgefügte, seit der Steinzeit erprobte Rollenbild aufgesprengt, um uns als ratlose, Kinderwagen schiebende Muttermänner-Teilzeitirgendwas zurückzulassen.

Zuerst durften wir keine Machos mehr sein, aber Softies waren auch nicht gefragt. Dann wurden all unsere Gewohnheiten abgestellt, unser Alltag mit Haushalt verpflichtet, um einen willenlosen Kretin zu formen, einen komplett verunsicherten Mann. Schon ein Flirt gilt als sexistisch, das taktile Bewundern von sekundären Geschlechtsmerkmalen geht überhaupt nicht mehr, jedes von uns als harmlos empfundene Witzchen wird sofort als verbale Vergewaltigung von einer Gleichstellungsbeauftragten zur Anzeige gebracht. Dem männlichen Eroberungsdrang wurden also Grenzen gesetzt. Eigentlich ein Wunder, vielleicht ist es nur dem Alkohol, den Drogen und dem Internet geschuldet, dass Männlein und Weiblein überhaupt noch zueinanderfinden.

Der testosterongesteuerte Mann wird für alles verantwortlich gemacht, für Kriege, Atombombentests, Verkehrsunfälle, häusliche Gewalt, angebranntes Essen und sämtliches Unglück der Welt. Damit sich nichts davon wiederholt, sind die Lebensmittel voll mit Östrogen und Brom. Eine geheime Lobby von Schwulen und Lesben, könnte man fast meinen, arbeite an der Abschaffung des Mannes: Das dritte Geschlecht gibt es bald im Reisepass, bärtige Sängerinnen und plakatierte Zwitterwesen überall, Homo-Ehen werden propagiert, ständig gibt es Demonstrationen von NacktradlerInnen, weiblichen Burschenschaftlerinnen, Transgendergruppen und anderen VerfechterInnen der Diversität, Kämpfe für die Rechte der Minderheiten und Andersgearteten, was natürlich schwer in Ordnung ist, weil man will ja niemanden diskriminieren. Aber ist in dieser regenbogenbunten Welt noch Platz für den stinknormalen Hetero-Mann, der nicht zumindest ein schweres seelisches Trauma verarbeiten muss oder irgendeiner Minderheit angehört? Nein.
Der Mann wird abgeschafft. Das Rollenbild ist diffizil und praktisch unerfüllbar. Wir sollen aussehen wie George Clooney, aber ­kochen können wie Jamie Oliver. Einfühlsam wie Sigmund Freud müssen wir sein, höflich wie Peter Alexander und sollen tanzen wie der junge Thomas Schäfer-Elmayer. Wir müssen sexy sein wie David Beckham, potent wie Long Dong Silver, aber sensibel wie Paul Celan. Stark wie Schwarzenegger, dabei aber witziger als Woody Allen.

Natürlich, der reale Mann schaut meist anders aus, ist so sensibel wie eine Ritterrüstung, machtbesessen wie Stalin, und das bei einem Aussehen wie dem von Kim Jong-il, gekreuzt mit Recep Tayyip Erdo?an. Beredt wie ein Trappistenmönch, an Gefühlen weniger interessiert als ein Astronaut im Landeanflug, und auch die Kochkünste beschränken sich meist auf Brot mit Senf oder Nutella. Und als Liebhaber? Schon Ingeborg Bachmann hat dereinst festgestellt, dass es da nur noch die Unterscheidung zwischen komplett hoffnungslos und noch nicht ganz verloren gibt. Den Mann, so Bachmann weiter, kümmerten die wirklichen und vorgetäuschten Gefühle einer Frau nicht. Er ziehe mit seinen Vorlieben einfach weiter.

Nun ja. Ähem. Das ist natürlich richtig, aber vergessen Sie nicht, werte Damenschaft, wir Männer wurden von unseren Müttern meist aus dem einzigen Grund erzogen, um von ihnen geliebt zu werden und die abwesenden Väter zu ersetzen – nicht um eine andere Frau zu verwöhnen. Also verspüren viele Damen den Drang, uns verzogene Mannsbilder umzuerziehen zur ferngesteuerten Kakerlake, oder, wie es auch gerne gesagt wird: uns abzurichten, was nur in Ausnahmefällen funktioniert, denn selbst wenn der in einen kafkaesken Käfer verwandelte Mann genau das macht, was frau will, also Frühstück samt Blumen bringt, im Haushalt und aus dem Mantel hilft und tagelang zuhört, ist die Beziehung mit so einem willenlosen Knecht meist irgendwann (bald!) nur noch so reizvoll wie mit einem lauwarmen Thermophor.

11:18 12.09.2018
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Geschrieben von

Doris Köster

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