In der Fremde leben

Katatstrophen-Ede Ein Leben wie die DDR: Zum Tod des Schriftstellers und Lyrikers Heinz Czechowski (1935-2009)

Erst verspätet, vor ein paar Tagen ist bekanntgeworden, dass Heinz Czechowski in der verganenen Woche gestorben ist. Einer breiteren Öffentlichkeit war er kaum noch bekannt. Czechowski ist einer von vielen, die nach der Wende in Vergessenheit gerieten. Das ist schade. Denn kaum ein Leben passt besser zu dem, was in diesem Herbst erinnernd aufgerufen wird: Die jüngste deutsch-deutsche Geschichte.

Wer wissen will, wer Czechowski war, greift am besten zu seiner Autobiografie Die Pole der Erinnerung. Selten kann man etwas Präziseres und zugleich Unterhaltsameres über das literarische Leben in der DDR lesen; nirgends findet man deren Widersprüche und ihr schließliches Ende so gebündelt und auf den Punkt gebracht.

Die Geschichte seines Lebens gleicht einer rasenden Achterbahnfahrt, bei der der Fahrgast trotz hoher Geschwindigkeit permanent dem soeben Gewesenen nachsinnt. Der Ich-Erzähler wandert unruhig, von inneren und äußeren Katastrophen getrieben, durchs Leben. Schon als Dreijähriger verliert er die Balance, fällt im Garten der Eltern in Dresden - Wilder Mann in ein Wasserfass. Er wird bewusstlos, kann herausgezogen und wiederbelebt werden. Sein Zwillingsbruder, der vermutlich nie das Licht der Welt erblickt hat, schwebte als Schutzengel über ihm, meinte die Mutter. Die Szene steht symbolisch für das Dasein des melancholischsten, in sich zerissendsten und fragilsten zeitgenössischen deutschen Lyrikers.

Zeitlebens, so scheint es, ist der 1935 geborene Sohn aus armer Beamtenfamilie auf der Suche nach dem anderen Ich, das ihn heil machen könnte. Manche haben ihn „Katastrophen-Ede“genannt. Unglücke und schmerzliche Verluste bestimmen sein Dasein: zwei gescheiterte Ehen, Zerwürfnisse mit Freunden, Unbehaustsein, Krankheiten, die ihn einsam und bitter machen.

Dazu das allmähliche Sich-Auflösen von Illusionen über die Wirkungsmöglichkeiten von Literatur, der nicht aufzuhaltende Verfall einer Gesellschaft, die 1949 so hoffnungsvoll mit neuen Idealen aufgebrochen war, später das Getrenntsein von der heimatlichen Landschaft, das rastlose Pendeln um eine fehlende Mitte, die man als Gewissheit des Geborgenseins definieren könnte. Diese empfundene Leere als Schreibantrieb hat er mit Schriftstellern wie Jürgen Becker gemein, ist also kaum als Folge gesellschaftlicher, politischer Prägung durch die DDR erkennbar, wie kürzlich zu lesen war.

Czechowski ist kein Landschaftsdichter, doch die sinnliche Wahrnehmung einer Landschaft in ihrer Prägung durch die Geschichte macht er zu seinem Thema. Der Sprachduktus des verhalten trauernden Erinnerns an das unmittelbar Erlebte wird sein Markenzeichen. Innerhalb der der DDR-Lyrik nimmt er die Position des kritischen, leise fragenden Grüblers ein, der als Stilelement das Fragmentarische kultiviert.

Czechowski veröffentlichte schon seit Ende der sechziger Jahre auch verschiedenartige Prosa: stilsichere Essays, leicht hingetuschte, prägnante Miniaturen, geschichtlich grundierte Landschaftsbilder, Porträts von Malern, Musikern und Literaten. Situativ Erlebtes stand im Vordergrund; ein weit ausholender Epiker schien Czechowski nicht zu sein.

Mehr und mehr aber wollte er die Tragödien hinter den Fakten, die Schicksale der Einzelnen zum Gegenstand seines Schreibens machen. Die knappen Sentenzen der Lyrik reichten ihm nicht mehr. Epische Tendenzen verstärkten sich und zugleich der Wunsch nach einer rigorosen Abrechnung mit sich selbst – in seiner Autobiografie.

Pole der Erinnerung – das sind der sächsische Pol, den die Mutter vertrat und der oberschlesische des Vaters, Erwartung und Desillusionierung, Ideal und Wirklichkeit, der stetige Wunsch nach menschlicher Nähe und die Existenz als Eremit, die Sehnsucht nach Heimat und die Entwurzelung, aber vor allem die Pole Geburt und Tod. Im Mittelpunkt seines Schreibens steht jedoch die Befindlichkeit des Zeitzeugen unter den gesellschaftlichen Bedingungen im Osten Deutschlands.

1989 bekommt diese Zeitzeugenschaft noch eine andere Dimension. Quasi in einem Irrwitz der Geschichte wird Czechowski von intellektuellen Rand in die Mitte der Historie gespült – und kann sich darin bald nicht mehr finden. Am 9. Oktober 1989 geht er am Ende eines Leipziger Demonstrationszuges, der sich, weil Bereitschaftspolizei die Straße gesperrt hat, plötzlich in umgekehrte Richtung bewegt und zu einem Strom von 70 000 protestierenden Demonstranten anschwillt.

Die real erlebte historische Situation wird zum Sinnbild, ohne dass es dichterischer Zutaten bedarf. Wer diese „Wir sind das Volk“-Demonstration oder vergleichbaren Aktionen in anderen Städten miterlebt hat, kann bestätigen, wie seismographisch genau Czechowski Stimmungen und deren Wandlungen beschreibt: „Plötzlich herrschte eine entspannte Volksfeststimmung. Das Regime war gekippt, wenn auch noch nicht abgetreten. An so etwas wie Wiedervereinigung dachte in diesem Augenblick Wohl niemand. Im Gegenteil….“.

Die Endsituation der DDR und den Umbruch der gesellschaftlichen Verhältnisse erlebt Czechowski zwiespältig. Einerseits begrüßt er die „Wiedervereinigung“, andererseits hat er ein Gespür für deren karnevaleske Stimmungen und für politische Inszenierungen. Die sich radikal ändernden gesellschaftlichen Verhältnisse ziehen – wie bei vielen anderen – eine totale Umwandlung der gesamten Existenz nach sich. Den Dichter, seit je ruhelos und selten behaust, treiben die Umstände nach Italien und ins „Limburger Elend“, ins westfälische Künstlerdorf Schöppingen, nach Bergen-Enkheim und schließlich nach Frankfurt am Main, wo er bis zuletzt lebte.

Autobiografie.Heinz Czechowski. Grupello, Düsseldorf 200?, 282 S., 22,90 EDie Pole der Erinnerung.

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