In Prag

Live Als frischgebackene Bundesbürger in der tschechischen Hauptstadt unterwegs
Ausgabe 45/2015

Als frischgebackene Bundesbürger passieren wir morgens gegen vier die deutsche Grenze in Richtung Prag. Ein tschechischer Beamter muss zwei Mal nach der Staatsangehörigkeit fragen, weil unsere erste Antwort undeutlich ausfällt. Obwohl wir schon immer Deutsche gewesen sind.

Wir fahren durch nebelverhangene Landschaften und kommen mit Verspätung in Prag an. In der U-Bahn treffen wir Deutsche, ihre Frage ist eine Feststellung: Seid ihr auch auf der Flucht. Wir frühstücken in einem Restaurant, das für einen einheimischen Durchschnittsverdiener nicht bezahlbar ist, wir essen Brötchen mit Schinken, Kuchen, trinken Kaffee. Einer sagt, woran wir alle gedacht haben: Das könnten wir uns in Deutschland nicht leisten. Ein Moment lang verwünschen wir unsere Idee, hier zu frühstücken, und essen dann alles auf. Als wir zahlen, hören wir vom Nebentisch die Stimmen: Ich komme aus Deutschland und studiere hier Kunstgeschichte. Wir sehen uns an und denken, die kommt aus dem anderen Teil, aber dann fällt uns ein, dass es ja nun nur noch ein Deutschland gibt. Den Leuten auf der Straße ist das egal. Wenn sie überhaupt etwas von uns wissen wollen, dann, ob wir mit ihnen Geld tauschen.

Bei einer tschechischen Blumenhändlerin kaufe ich eine rote Rose. Von der Karlsbrücke aus ist alles hell, selbst das Wasser, weil es den heiteren Himmel reflektiert. Nun sind mir die Deutschen egal. Ich lasse die Wörter meiner Sprache an mir vorüberziehen, wertfrei wie die tschechischen und englischen Wörter auch, und sehe den Händlern zu. Prag ist schön. Prag ist anders.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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